Melanie Winiger unterwegs in Tansania «Die Reise ist eine gute Realitäts-Ohrfeige»

Vor ihren Liebesferien auf Mykonos reiste Naturaline-Botschafterin Melanie Winiger nach Tansania. Dort traf die Schauspielerin auf stolze Menschen und eine ganz andere Welt: «Da schäme ich mich für meine Luxusprobleme.» Die «Schweizer Illustrierte» hat sie nach Afrika begleitet. 

Hier in Tansania reagieren die Menschen neugierig auf Melanie Winiger, 36. «Was ist mit Ihrem Kopf passiert?» Auf ihrer Stirn klebt ein grosses weisses Pflaster. Während Dreharbeiten in Marokko hat sich die Schauspielerin den Kopf gestossen. Die Platzwunde musste sie noch auf dem Set mit 13 Stichen - ohne Narkose, dafür mit einem Holzstück im Mund - nähen lassen. Doch jetzt in Tansania vergisst sie ihr Pflaster. Die grosse Armut hier, jenseits der kleinen Schweizer Glamour-Welt, macht die Moderatorin betroffen. «Ich habe eine extrem sensible Seite», sagt sie. «Die Reise ist eine gute Realitäts-Ohrfeige.»

Nach Tansania, genauer nach Mwamishali, ist sie als Botschafterin und Designerin der Kleiderlinie Naturaline by Melanie Winiger von Coop gereist. Der grösste Teil der Bio-Baumwolle für ihre Kollektion wird hier angebaut und gibt rund 2000 Bauern seit Jahren ein gutes Einkommen. Es ist gerade Erntezeit, doch die Felder sind trocken. Der Regen fehlt, die Baumwollernte fällt dieses Jahr geringer aus. Die Frau eines Farmers und Mutter von neun Kindern in Mwabagalu erzählt, dass sie zudem keinen Mais ernten konnten. Es fehlt an Grundlegendem, es geht um die Existenz. Melanie Winiger kennt zwar Ängste, aber nicht um sich selbst oder um ihre Existenz. «Aber ich habe viele Sorgen. Vermutlich kennt das jede Mutter: Kaum sind die Kinder da, hast du Angst, immer und überall.»

Melanie ist 23 Jahre alt, als Sohn Noël, heute 13, auf die Welt kommt. «Vorher drehte sich alles um mich. Mit seiner Geburt realisierte ich: Wenn ich tot bin, lebt er noch immer auf dieser Welt.» Das animiert sie ihren Umgang mit der Umwelt zu ändern; Wasser während des Zähneputzens abstellen, immer den Stecker ziehen, um Strom zu sparen. Kurz duschen statt baden, Sparlampen, Recycling, ökologi-sches Auto, CO2-Kompensation ihrer Flüge. «Ich weiss, es sind alltägliche Dinge, aber diese muss man zuerst machen», sagt sie. «Ich behaupte ja nicht Mutter Teresa oder eine reine Bio-Produkte-Käuferin zu sein. Das werde ich auch nie.»

In einem trockenen Flussbett sind Frauen und Kinder versammelt. Seit fünf Stunden schöpfen sie in der Sonne, bei Temperaturen um die 30 Grad, aus einer pfützengrossen Quelle ihr Trinkwasser, das jedoch nicht sauber ist. Ein paar hundert Meter weiter bauen die Männer einen richtigen Brunnen. 91 Stationen mit sauberem Trinkwasser haben die BioRe-Stiftung und Coop in Zusammenarbeit mit den Bauern bereits ermöglicht. Melanie entscheidet sich beim Besuch, einen weiteren zu spenden. «Weil ich es kann! Zudem habe ich 5000 Franken schon definitiv dümmer verbraucht.»

Schnell kommen die Schweizerin mit indischen Wurzeln und die einheimischen Frauen mit einem «Jambo» - Hallo auf Suaheli - in Kontakt, kommunizieren mit Händen und Füssen, posieren gemeinsam für ein Selfie. «Warum hast du nur ein Kind?», möchten sie via Übersetzer wissen. Hier besteht ein Haushalt durchschnittlich aus sieben Personen. «Ich bin alleinerziehende Mutter, und mein Vater hat mir immer gesagt: ‹Wenn du etwas machst, dann mache es richtig oder gar nicht›», erklärt Winiger. «Ehrlich gesagt, weiss ich nicht, ob ich es mit zwei Kindern hätte richtig machen können. Ich habe grossen Respekt vor Müttern, die viele Kinder grossziehen.»

Zurück im Gästehaus ruft Melanie Winiger ihren Sohn Noël an. Wenn sie beruflich unterwegs ist, schaut ihre Familie nach ihm. Dennoch muss das tägliche Mutter-Sohn-Gespräch sein. Von ihren Erlebnissen wird sie ihm Zuhause erzählen. «Ich werde ihm Fotos zeigen und sagen: ‹Noël, wenn ich dir sage, dass es Menschen gibt, die nichts haben, mache ich keine Witze.›» Fakten, nicht ihre eigene Meinung, will sie ihm auf den Lebensweg mitgeben. Entscheiden soll er dann selber. So haben es auch ihre Eltern mit ihr gemacht, haben ihr Ideologien vorgelebt, sie jedoch machen lassen. «Aber Noël tendiert in meine Richtung», sagt sie. «Ich bin stolz wie Noël mit Menschen und Tieren umgeht.»

Ihr Sohn, ihre Familie und ihre Freunde sind ihr Kraftort. Seit einer Weile ist sie mit dem ehemaligen Bachelor Vujo Gavric, 29, liiert. Ihr Privatleben hat sie in all den Jahren in der Öffentlichkeit - 1996 wird sie mit 17 Jahren die jüngste Miss Schweiz der Geschichte - so gut wie möglich geschützt. «Privat geht es mir sehr gut. Ich habe alles, was sich ein Mensch wünscht: Gesundheit, Familie, Freundschaft und Liebe.» Das werde ihr während des jetzigen Tansania-Besuchs noch einmal mehr bewusst. «Da schäme ich mich für meine Luxusprobleme.» Melanie Winiger ist aber auch klar, dass sie nicht davor gefeit ist, wieder in den Alltagstrott zu kommen. Sich erneut über den vollen Abfallsack, der nicht entsorgt ist, ärgern wird. «Man vergisst sehr schnell, was uns alles von diesen Menschen hier gegeben wurde. Meine Aufgabe und mein Ziel ist es, dass ich dies nicht machen und mich weiter engagieren werde...» Da ist sie, ihre sensible Seite. Es sind nicht die ersten Tränen, die im fernen Afrika fliessen. Aber normalerweise weint sie für sich alleine. «Diese Reise ist mir extrem nahe gegangen», sagt sie. «Und klar werden auch meine Familie und meine Freunde davon profitieren, weil ich ein grosses Stück reifer geworden bin.» Dennoch will sie das Erlebte zurück in der Schweiz erst alleine für sich verarbeiten, vielleicht fliessen dann wieder einige Tränen. «Ich bin wirklich nah am Wasser gebaut.» Sie lacht und fasst an ihr Pflaster. Die Wunde ist während der Zeit in Tansania verheilt. Zurück in der Schweiz werden als Erstes die Fäden gezogen.

Auch interessant