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Zu Besuch in Indien, dem Land ihrer Mutter

Melanie Winiger kämpft mit den Tränen

In der Schweiz ist sie braun, in Indien weiss. Melanie Winiger spürt in Mutters Heimat ihre Wurzeln und sät bei den Kindern der Baumwollbauern Hoffnung.

Melanie Winiger mit einer Frau in Khariya

Stark: Hier haben die Frauen das Sagen. Melanie Winiger bewundert Fulki Bai, die Dorfpräsidentin von Khariya.

Remo Nägeli

Was für eine Reise der Gefühle! Zum ersten Mal nach acht Jahren kehrt Melanie Winiger zurück nach Indien. Zurück ins Land ihrer Mutter, ins Land, wo sich die 39-jährige Schauspielerin für die Schwächsten einsetzt.

Nahe der zentralindischen Stadt Indore bildet die Schweizer BioRe-Stiftung Bauern im Anbau von Bio-Baumwolle aus. Von hier kommt der Rohstoff für viele 
Textilien von Coops Eigenmarke Naturaline. 

Nach Melanie Winigers letztem Besuch als Botschafterin für faire Coop-Produkte konnte sie die Armut der Einheimischen nicht vergessen. «Da häts mi eifach glupft.» Sie sammelt mithilfe von Freunden 45'000 Franken für den Bau einer neuen Schule der BioRe-Stiftung. Seither finanziert sie gemeinsam mit einer Freundin die jährlichen Betriebskosten von 6500 Franken. «Krass, wie wenig es braucht, um Bildung zu ermöglichen.» 

Winigers Engagement passt perfekt zur Arbeit der BioRe-Stiftung: Faire Produktion heisst für diese auch soziale Projekte wie der Bau von Schulen, Sanitär- und Biogasanlagen.

Besuch in der eigenen Schule

Nun steht die ehemalige Miss Schweiz zum ersten Mal vor der neuen Schule. Zwei vierjährige Mädchen empfangen sie mit einer Kette aus Sammetblumen und malen ihr den Tilaka, den roten Punkt, auf die Stirn. Mehr als sechzig Kinder werden hier auf die Grundschule vorbereitet, die meisten aus Familien von Bio-Baumwollbauern. Früher mussten die Buben und Mädchen den Eltern bei der Arbeit helfen, heute lernen sie lesen, schreiben, rechnen und Englisch.

Melanie Winiger in Indien

Willkommen: Die Schweizerin erhält den traditionellen roten Punkt.

Remo Nägeli

Das zehn auf zwanzig Meter grosse Schulhäuschen wirkt zwar bescheiden. Doch Melanie Winiger ist zufrieden und mächtig stolz. «Man muss nicht steinreich sein, um etwas zu bewegen.»

«Welcome, Miss!», erklingt es im Chor. Drinnen singen die Kinder traditionelle Lieder und stellen sich vor. «Mein Name ist Melanie», entgegnet Winiger auf Englisch. Doch die Kinder lachen nur, können den Namen nicht nachsprechen. «Ach, sagt einfach Mel.»

Ein Bub erzählt, er spiele lieber als zu lesen. «Das geht auch Erwachsenen so!», erklärt Winiger und lacht. Sie will von den Kindern wissen, ob sie gern zur Schule gehen, ob die Lehrer nett sind. Die Schüler rufen laut «Yes!» und kichern. Woher sie denn komme, will ein Mädchen wissen. «Aus der Schweiz, das ist weit weg, da gibts viele Berge und Schnee.»

Melanie Winiger in einer Schule in Indien

Engagiert: Melanie Winiger will wissen, wie ihre Spenden verwendet werden. «Sind die Lehrer nett zu euch?» Die Kinder bejahen im Chor.

Remo Nägeli

Eine andere Schülerin steht auf: «Deine Haut ist so hell!» Sie wundert sich, denn kurz vorher erklärte der Dolmetscher, dass Winigers Mutter selbst Inderin sei und aus Kalkutta stamme. Die Schauspielerin muss laut lachen. «Endlich bin ich mal weiss! In meinem Land bin ich dunkel.»

Ich hätte eine von ihnen sein können.

Winiger sieht sich in der Schweiz als Exotin, beschreibt sich selbst als «braun». In den Gesichtern der indischen Frauen erkenne sie sich wieder. «Nur schon die Art, wie sie am Boden kauern. Das habe ich schon als Mädchen so gemacht.» Die Ähnlichkeit gibt ihr ein Gefühl der Verbundenheit. 

«Wenn ich diese Mädchen anschaue, denke ich daran, dass ich eine von ihnen hätte sein können.» Nur durch Zufall wächst sie in der Schweiz auf. Dort hätten die Kinder sie wegen ihres Aussehens gehänselt und geschlagen, erzählt Winiger.

Melanie Winiger mit einem Kind in Indien

Sympathisch: Für die Kinder hat Winiger ein besonders grosses Interesse. «Sie sind so unbeeinflusst und unberührt.»

Remo Nägeli

Horrorgeschichten über Vergewaltigungen und Gewalt an Inderinnen beschäftigen Winiger heute. Erst kürzlich feierte der Film «#Female Pleasure» Premiere. Darin erzählen Frauen von Unterdrückung und Missbrauch. Winiger ist Co-Produzentin.

Hier in Indore nutzt sie die Gelegenheit, um sich mit Dorfbewohnerinnen zu unterhalten. Wie das Leben als Frau sei, will sie wissen. Die Inderinnen scheinen nicht zu verstehen, dass der Gast aus der Schweiz frauenspezifische Probleme anspricht. «Wir wünschen uns Jobs für unsere Männer und Söhne», beschreiben sie ihre Sorgen.

Melanie Winiger mit einer Frau in Khariya

Stark: Hier haben die Frauen das Sagen. Melanie Winiger bewundert Fulki Bai, die Dorfpräsidentin von Khariya.

Remo Nägeli

Plötzlich wird eine der Frauen laut, fuchtelt mit den Armen und will zu Winiger. Männer halten sie zurück und versuchen, sie zu beruhigen. Der Dolmetscher erklärt, die Frau habe ihren Mann verloren und sei deshalb so verwirrt. Die Inderin greift nach Winigers Hand. Die Schweizerin versteht kein Wort Hindi, hört aber zu und bittet die Männer, die Frau in Ruhe zu lassen. «Ich ertrage es nicht, wenn man Frauen hart anpackt. Da geh ich dazwischen!» Nötig wird das dann zum Glück nicht.

Noël soll ihre zweite Heimat kennen

Auf der Rückfahrt kann Winiger ihre Tränen nicht zurückhalten. «Bei Kindern werde ich einfach schwach», erklärt die Mutter des 17-jährigen Noël. «Ich bin zwar glücklich, etwas für sie tun zu können. Doch da schwingt immer ein schlechtes Gewissen mit, wenn ich zurückkehre in die reiche Schweiz.»

Winiger muss daran denken, wie viel ihr Sohn im Vergleich zu indischen Kindern hat. Sie will Noël ihre zweite Heimat irgendwann zeigen. «Der Erziehungsspruch ‹Es gibt Kinder, die gar nichts haben› funktioniert erst, wenn man Armut selbst erlebt hat.»  

Von Onur Ogul am 09.12.2018