Daniel Albrecht «Kannst froh sein, wenn du weisst, wo das WC ist»

Vor fünf Jahren traf ihn das gleiche Schicksal wie Formel-1-Star Michael Schumacher. Die «Schweizer Illustrierte» spricht mit Daniel Albrecht über seine Zeit im Koma und den grossen Kampf danach. 
Daniel Albrecht in der Gondel auf Allalingletscher
© Remo Nägeli

Skiass Daniel Albrecht erlitt bei seinem schweren Sturz in Kitzbühel 2009 ein Schädel-Hirn-Trauma.

Schweizer Illustrierte: Sie lagen nach Ihrem Sturz in Kitzbühel 2009 drei Wochen lang im Koma. Nimmt man diese Zeit auf irgendeine Weise wahr?
Daniel Albrecht, 30: Vom Koma weiss ich nichts mehr, aber an die Zeit danach erinnere ich mich wie an einen Traum. Ich träumte, ich sei ein Elefant mit einem aufgenähten Herzen. Das träumte ich jeden Abend, und ich konnte nicht einschätzen, ob es Traum oder Wirklichkeit war.

Sie haben damals nicht mitbekommen, welch grosses Thema Ihr Unfall war. Können Sie es nun nachvollziehen?
Im Vergleich zu Schumacher bin ich natürlich ein kleiner Fisch. Aber wenn ich sehe, wie jetzt berichtet wird, kann ich das schon ein wenig mit mir verbinden. Meine Frau hat alle Zeitungsartikel aus dieser Zeit für mich aufbewahrt. Die werde ich aber erst anschauen, wenn ich ganz über den Unfall hinweg bin.

Ist es bei der Rehabilitation Vorteil oder Hindernis, wenn man eine bekannte Person ist?
Für mich war es ein Vorteil, dass man mich kannte. Die Leute auf der Strasse wussten, dass ich einen Unfall hatte und deshalb Blödsinn redete. Sonst hätten sie sich gefragt: Was ist das für ein komischer Vogel? Eine Kopfverletzung sieht man einem Menschen nicht an.

Was muss man zuerst wieder lernen?
Bei einer Kopfverletzung dauert es lange, bis du überhaupt wahrnimmst, was der Arzt sagt. Du kannst froh sein, wenn du weisst, wo das WC ist. Oder wie du heisst. Zuerst musst du auf die Idee kommen, dich zu fragen, wer du bist. Meine erste Erinnerung datiert etwa von zwei Wochen nach dem Aufwachen.

Wie können Familienmitglieder und Freunde in der ersten Zeit helfen?
Anfangs ist es einfach wichtig, dass jemand da ist. Ich habe gemerkt, da ist jemand, zu dem ich eine gute Verbindung habe, der ein guter Mensch ist. Mehr können sie nicht tun. Auch nicht viel erzählen - ich konnte nur aufnehmen, was ich selber gefragt hatte, und das waren etwa zwei oder drei Fragen pro Tag.

Glauben Sie, dass es in der Reha half, dass Sie Sportler waren?
Das ist schwer zu sagen. Aber einer der ersten Gedanken im Spital war, dass das, was nicht funktioniert, besser werden muss. Und das war, bevor ich wusste, dass ich Sportler bin. Diese Gedanken haben mir schon sehr geholfen.

Am Mittwoch, 8. Januar, um 11 Uhr, hat die Saatsanwaltschaft über die ersten Ermittlungsergebnisse zu Michael Schumachers Unfall informiert.

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