Ex-Vize-Miss Michèle Stofer in New York Ich muss lernen unpünktlich zu sein

Obwohl New York der Schweiz von der Mentalität her ähnlicher ist als beispielsweise Kalifornien, treffen auch hier Welten aufeinander. Musste ich mir in der Schweiz Pünktlichkeit angewöhnen, kann ich das hier gleich wieder vergessen. Das Sprichwort «andere Länder, andere Sitten» könnte passender nicht sein.
Ex-Vize-Miss-Schweiz Michèle Stofer in New York
© Michèle Stofer

Ex-Vize-Miss-Schweiz und studierte Betriebswirtin Michèle Stofer arbeitet seit September bei einer Kommunikationsfirma in Manhatten. Während ihres dreimonatigen Aufenthalts bloggt sie exklusiv für SI online.

So ironisch es auch klingen mag, musste ich mir in New York doch tatsächlich angewöhnen, nicht zur verabredeten Zeit zu sein. So habe ich beispielsweise mit einem Freund für 13 Uhr zum Mittagessen abgemacht. Da ich mir in der Schweiz vorgenommen hatte, nicht mehr zu spät zu einem Treffen zu kommen, war ich um 12.55 Uhr vor dem vereinbarten Restaurant und teilte ihm dies mit – seine Antwort: «Coming!»

Um 13.10 Uhr war er dann da und meinte, wir sind hier in New York, da ist niemand auf die Minute am vereinbarten Ort und schon recht nicht zu früh. Okay, «Lesson Learned».

Zehn Minuten warten ist eigentlich nicht so schlimm. Das musste ich merken, als ich auf eine Freundin aus Venezuela eine Stunde (!) warten musste. Ihre Verspätung begründete sie mit dem langen Warten auf die Metro. Diese soll dann auch noch einen ausserplanmässigen Halt gemacht haben. Dass die Subway in New York aktuell alles andere als zuverlässig ist, ist nichts Neues (ich werde in einem anderen Post ausführlicher über die momentanen Infrastrukturmängel in New York schreiben). Genau da dies aber eben bekannt ist und ein Zug nicht überraschenderweise zu spät kommt oder gar nicht erst fährt – hingegen stellt ein pünktlicher Zug eine angenehme Überraschung dar – sollte man mehr Zeit einberechnen als üblich. In der Schweiz planen wir beispielsweise für die Reise von Bern nach Zürich ja auch mehr Zeit ein, da wir wissen, dass es auf dieser Strecke immer – wirklich immer – staut.

Schneller unterwegs als die Passanten

Über New York sagt man ja, dass die Stadt niemals schläft und es praktisch rund um die Uhr hektisch zu und her geht. Wenn ich morgens aber von der Subway zur Arbeit laufe und abends umgekehrt, überhole ich viele der Passanten. Viele davon sind Touristen und bestaunen entweder die Umgebung oder wissen nicht mehr genau, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Andere hingegen sind es sich wohl einfach nicht gewöhnt, möglichst schnell von einem Ort zum anderen zu kommen – oder haben es nicht eilig.

Meine Arbeitskollegin aus Venezuela und ich haben uns oft über ihr Tempo lustig gemacht und gesagt, dass sie wohl in der Schweiz nicht leben könnte – das Tempo in der Schweiz wäre für sie viel zu schnell und sie würde früher oder später überrannt werden. In der Mittagspause muss ich immer etwas vor ihr laufen, damit sie schneller läuft und wir pünktlich zurück im Büro sind. Und da soll einer noch sagen, dass Bernerinnen langsam sind.

Verabredungen oder Pläne sind nicht automatisch in Stein gemeisselt. Diesen Umstand musste ich ebenfalls lernen zu akzeptieren. So haben eine Freundin und ich für Brunch um 12 Uhr abgemacht. Zur verabredeten Zeit kam aber eine SMS, dass sie gerade erst aufgewacht sei. Oder als wir Pläne für einen Samstag hatten, was wir alles machen werden, kam am Morgen eine Nachricht, dass sie ein Ticket für ein Festival bekommen habe und nun dorthin gehe. Ein Schweizer meinte zu mir, dass man in New York nicht allzu gross planen kann oder soll – meistens entscheide man spontan, was man heute so macht, oder eben nicht macht.

Uhr New York Donald Trump Amtszeit Anzeige
© Michèle Stofer

Eine Künstlertruppe hat die überdimensionierte Digitaluhr in Queens installiert. Die Uhr zeigt, wie viel Zeit Donald Trump noch als US-Präsident bleibt - falls alles nach Plan läuft.

Uhr ist nicht gleich Uhr

Offensichtlich ticken die Uhren der Einwohner in New York anders als jene der Schweiz. Jene Uhr auf dem Foto verbindet hingegen alle New Yorker – sie zeigt die Tage und Stunden der restlichen Amtszeit von US-Präsident Donald Trump an. Nächste Woche werde ich den Fragen nachgehen, ob Trump wirklich so «schlimm» ist, wie er in den Medien dargestellt wird, und wie die Einheimischen in New York über ihn denken...

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