Ex-Vize-Miss Michèle Stofer in New York «Das Attentat fand unweit von meinem Büro statt»

Das Attentat vom 31. Oktober 2017 in New York City ereignete sich unweit des Arbeitsortes von Ex-Vize-Miss Michèle Stofer. Sie schreibt exklusiv für SI online, wie ihre Arbeitskolleginnen und sie die grausame Tat erlebt haben. Von den ersten Sirenen bis zur schrecklichen Nachricht, dass acht Menschen getötet wurden.
Ex-Vize-Miss-Schweiz Michèle Stofer in New York
© Michèle Stofer

Ex-Vize-Miss-Schweiz und studierte Betriebswirtin Michèle Stofer arbeitet seit September bei einer Kommunikationsfirma in Manhattan. Ihr Büro befindet sich nur wenige Minuten vom Ort des Terroranschlags, bei dem am Dienstag acht Menschen getötet wurden.

Die Kommunikationsfirma, in der ich mein dreimonatiges Praktikum mache, liegt auf der Chambers Street, in der Nähe der City Hall. Dass man im Büro Sirenen von Feuerwehr-, Sanitäts- oder Polizeiautos hört, gehört hier zum Alltag. So dachte ich mir vorgestern Dienstag zuerst nichts dabei, als kurz nach drei Uhr ein lautes Aufgebot an unserem Gebäude vorbeifuhr.

Als aber immer mehr Polizei- und Sanitätsautos mit Blaulicht und Horn in Richtung Westen fuhren, schaute eine Arbeitskollegin im Internet nach, ob etwas passiert ist. Mit grossen Augen sah sie uns an und sagte, dass gemäss Twitter ein Mann aus einem Auto mehrere Schüsse abgegeben und fünf Personen getroffen hatte.

Terrorist tötete acht Menschen

Und dies nur vier Blocks von unserem Büro entfernt. Später erfuhren wir, dass der Täter keine echten Schusswaffen dabei hatte, er aber mit einem Mietauto in eine Menschenmenge auf dem Fahrradweg gefahren ist. So erwies sich die erste Nachrichtenmeldung der angeschossenen Opfer als falsch – es wurden nicht fünf Menschen angeschossen, sondern acht Menschen getötet.

Bis jetzt war ich glücklicherweise nie zeitgleich in einer Stadt, in der ein Attentat verübt wurde. Nun aber tötete ein Mann acht Menschen nur einige hundert Meter entfernt von mir. Wurde ich bis anhin via Push-Nachrichten über Attentate informiert, erlebte ich es dieses Mal «vor Ort» mit. Ich teilte meiner Familie und meinem Freund daher mit, dass es mir gut geht, bevor sie in der Schweiz von dem Attentat hörten.

Halloween-Parade nach Attentat

Auch meine Arbeitskolleginnen riefen ihre Familien an und sagten ihnen, dass es ihnen gut gehe. Zu wissen, dass ein Attentäter in nächster Nähe acht Menschen getötet hat, löste in mir ein sehr mulmiges Gefühl aus. Mich hundertprozentig auf die Arbeit zu konzentrieren, konnte ich danach nicht mehr, zu sehr beschäftigte mich der Vorfall.

Da an diesem Tag Halloween war, fand am Abend die jährliche Parade statt. Im Büro diskutierten wir, ob wir überhaupt hingehen sollten. Einerseits würde das Sicherheitsaufgebot sicherlich riesig sein, anderseits könnte nochmals etwas passieren. So entschieden sich einige dafür, andere dagegen.

New York lässt sich nicht unterkriegen

Ich ging an die Halloween-Parade und fühlte mich – trotz der vielen Leute – die ganze Zeit sicher. Das Gebiet war sehr gut abgesperrt und das Polizeiaufgebot riesig. Obwohl seit dem Attentat erst vier Stunden vergangen waren, liessen sich die Menschen an diesem Abend nichts anmerken. Sie genossen die Musik und die tollen Kostüme – wohl eine willkommene Ablenkung nach dieser schrecklichen Tat an Halloween.

Auch interessant