Miss-Schweiz-Kandidatin Julia Egli «Als Kind hatte ich fast keine Freunde - wegen ADHS»

Julia Egli ist eine von zwölf Anwärterinnen auf den Miss-Schweiz-Titel. Die St. Gallerin will unbedingt gewinnen - um sich und den Leuten zu beweisen, dass man trotz Handicap seine Ziele erreichen kann. Mit SI online spricht sie über ihre Kindheit mit ADHS und sagt, wie sehr sie frünter darunter litt.

Sie ist aufgestellt, lacht immerzu und geniesst das Leben in vollen Zügen. Das war jedoch nicht immer so. Julia Egli kennt auch schwierige Zeiten. Besonders im Kindergarten und in der Primarschule hatte es die heute 21-Jährige nicht leicht - weil sie zappelig und unkonzentriert war. «In der 1. bis 6. Klasse wars sehr schlimm. Ich hatte fast keine Freunde», gesteht die Miss-Schweiz-Kandidatin im Gespräch mit SI online.

Julia Egli leidet an ADHS - einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Ihre Mitschüler wussten damals nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten. «Sie wollten nicht mit mir spielen, weil ich zu aufgeweckt war. Und die Lehrer in der Primarschule haben mich auch nicht alle verstanden.» Ihre schlimmste Erinnerung hat die heutige Innenarchitektur-Studentin an den Kindergarten: Damals wusste noch niemand von der Krankheit, und Julia und ihre Kollegen sollten ein Bild von ihrem Traumschloss malen. Im Gegensatz zu den anderen fertigte sie aber keine zweidimensionale, sondern eine dreidimensionale Zeichnung an - ADHS-Betroffene sind oft sehr kreativ veranlagt. «Als wir fertig waren, hielt die Kindergärtnerin mein Bild in die Höhe und sagte: ‹Julia tanzt mal wieder aus der Reihe. Sie muss immer anders sein als die anderen.›»

Dass ihre Lehrerin sie derart blossgestellt habe, habe sie sehr verletzt, erinnert sich Julia. Die Sechsjährige zweifelte an sich selbst, fragte sich, warum sie anders als ihre Kameraden war. Und es plagten sie Suizidgedanken. «Meine Mutter erzählte mir, ich hätte sie am nächsten Tag gefragt, was wäre, wenn ich aus dem Fenster springen würde.» Nach diesem traumatischen Vorfall liessen Julias Eltern ihre Tochter untersuchen. Diagnose: ASHS. Auf das umstrittene Medikament Ritalin verzichteten sie aber bewusst. Sie setzten lieber auf pflanzliche Mittel.

Heute hat die St. Gallerin die Krankheit im Griff. Besonders ihre engen Freunde und das Modeln haben ihr geholfen. «Dadurch wurde ich selbstbewusster. Und ich habe gelernt, wie ich mich verhalten muss.» Nur wenn sie für Prüfungen lernen muss, nimmt sie Ritalin. «Ich muss mich immer sehr zusammenreissen. Für mich ist die Prüfungsvorbereitung ein viel grösserer Aufwand als bei anderen.» Zusätzlich zum Ritalin greift die Singlefrau auf weitere Tricks zurück. «Das Handy habe ich immer in einem anderen Raum, wenn ich lerne. Den Computer schalte ich ab. So ist die Ablenkung viel geringer.»

Mit ihrer Teilnahme an der Miss-Schweiz-Wahl Anfang November möchte Julia Egli beweisen, dass auch Menschen mit ADHS ihre Ziele erreichen können. Und sie will sich für betroffene Kinder und Jugendliche einsetzen. «Ich möchte ihnen helfen, mit ihrem Defizit im Alltag umzugehen und ihr Selbstvertrauen zu stärken.» Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die St. Gallerin bereits unternommen. Sie amtet schon vor der Miss-Wahl als Botschafterin für die Beratungsstelle «adhs 20+». Ausserdem will sie mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem Optimismus punkten. «Und es braucht einfach wieder einmal eine Ostschweizerin als Miss Schweiz.»

Im Dossier: Alles zu den Miss-Schweiz-Kandidatinnen 2015

Diese zwölf Frauen kämpfen um die Krone:

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