Didier Cuche Mister Bombastic!

Der Weltmeister und Sportler des Jahres 2009 zeigt bei unserem Fototermin, dass er auch Talent zur Schauspielerei hat. Im Interview für das SI-Magazin «SKI» wird Didier Cuche dann wieder ernst: Innere Ruhe, die Jungen, Reichtum, Wakesurfen, sein Single-Leben – der 35-jährige Neuenburger lässt kein Thema aus.

Autobahnraststätte Würenlos AG. Didier Cuche, 35, kommt etwas später an als abgemacht, öffnet die Autotür von innen und sagt noch vor der Begrüssung: «Hey, sorry für die Verspätung.» Der Skiweltmeister ist Richtung Bormio unterwegs und nützt seine knappe Zeit für unser Interview. «Cool, dass wir das während der Fahrt machen können, das ist eine effiziente Methode», sagt der Neuenburger Jurassier. Nachdem er den dichten Verkehr rund um Zürich hinter sich gelassen hat, entspannt sich der Skistar, stellt den Tempomaten seines Audis ein und redet eine Stunde ganz offen über seine Freuden, Ängste und Gefühle.

SI: Didier Cuche, um Sie herrscht im Moment ein regelrechter Hype.

Didier Cuche: Ist das so? Davon merke ich wenig. Wahrscheinlich, weil ich mitten in der Saison stecke.

Sie sind immerhin zum Sportler des Jahres gewählt worden. Und die «Glückspost» hat Sie kürzlich auf Platz 10 der schönsten Schweizer Männer gesetzt.
(Lacht.) Na ja, wahrscheinlich gibt es mehr als nur neun Männer, die hübscher sind als ich. Aber wegen der Wahl zum Sportler des Jahres: Das hat mich überwältigt. Darf ich mich an dieser Stelle bei den Fans bedanken? Aber sicher doch. Ich danke allen, die mich gewählt haben, und wünsche der Leserschaft der Schweizer Illustrierten, den Fans und den Supportern ein glückliches neues Jahr!

Sie schleichen sich geschickt aus dem Rampenlicht. Sie wollen sich nicht hochjubeln lassen, nicht wahr?
Die Anerkennung, die ich erhalte, tut extrem gut. Aber wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich immer noch den Didier Cuche, keinen Star. Und ich weiss, wie schnell der Wind drehen kann. Ich habe auch Zeiten erlebt, in denen wir als Deppen der Nation dargestellt wurden.

Verbittert?
Nein, dafür ist es schon zu lange her. Aber ich wünschte mir, dass die Medien nicht die Extreme transportieren, nicht nur schwarz-weiss malen. Ich gebe aber gerne zu, dass ich auch Fehler gemacht habe.

Inwiefern?
Ich hätte in jungen Jahren ganz einfach öfter die Klappe halten sollen. Es tut einem Sportler nicht gut, wenn er auf das reagiert, was über ihn geschrieben wird. Die Janka-Generation hats da einfacher.

Warnen Sie die Jungen vor härteren Zeiten?
Nein, ich habe die Wahrheit nicht gepachtet. Nur weil ich 35 bin, laufe ich nicht herum und werfe mit Weisheiten um mich. Was Carlo Janka betrifft: Es ist kein Zufall, dass es bei ihm rund läuft. Er arbeitet brutal hart für seinen Erfolg, ist unglaublich talentiert und hat den Skirennsport im Blut.

1993 fuhren Sie zum ersten Mal im Weltcup – und heute sind Sie schneller denn je. Was treibt Sie eigentlich an?
Die Freude am Beruf! Auf abgesperrten Pisten zu rasen, ist für mich immer noch das Grösste. Die Jahre gehen so schnell vorbei, dass ich kaum realisiere, dass ich schon so lange dabei bin. Vor allem die vergangenen Saisons, die sehr erfolgreich waren. Ich bin gerne unter den Athleten, den Menschen im Weltcup. Es gibt nicht einen Tag, an dem ich nicht mindestens einmal herzhaft lache.

Dabei galten Sie lange Zeit vor allem als «Chrampfer».
Jetzt komme ich halt doch mit ein wenig Altersweisheit: Als 20-Jähriger war ich extrem verbissen, wollte alles mit dem Willen hinbiegen. Aber das ist auch logisch. Solange man keine Erfolge gefeiert hat, steigt der Druck – der eigene und der von aussen. Man ist jung, hat viele Ziele, möchte sich behaupten und beweisen. Mit 35 Jahren merkt man, dass es im Leben mehr gibt als nur Sport.

Was ist Ihnen heute wichtig ?W
Dass ich, trotz kleiner Wehwehchen, gesund bin. Ich habe einen Traumberuf, kann davon gut leben und habe Spass. Was will ich noch mehr? Ich habe heute viel mehr innere Ruhe, eine Art Urvertrauen ins Leben generell.

Wie ist das gekommen?
In jungen Jahren hat man als Sportler oft Angst. Jede Verletzung gefährdet deinen Traum, deine Existenz. Man weiss nicht, ob man nach einer Pause den Anschluss wieder schafft. Heute habe ich die Gewissheit, dass es geht und mir niemand mehr nehmen kann, was ich erreicht habe.

Und der Siegeswille bleibt trotzdem ungebrochen?
Selbstverständlich! Es ist auch nicht so, dass ich nicht immer wieder an mir zweifeln würde. Das muss so sein, sonst komme ich nicht vorwärts.

Ihr Beruf hat Sie zu einem reichen Mann gemacht. Gönnen Sie sich etwas Luxus im Leben?
Sie werden es mir nicht glauben, aber dafür bleibt fast keine Zeit. Elf von zwölf Monaten fahre ich Rennen oder trainiere. Ich habe mir finanzielle Sicherheit erarbeitet – das empfinde ich als Luxus. Zwar macht das nicht zwingend glücklich, beruhigt aber ungemein.

Trotzdem, welche materiellen Dinge leisten Sie sich?
Bevor ein falscher Eindruck entsteht: Ich bin kein Asket und führe ein normales Leben. Im vergangenen Jahr war meine grösste Anschaffung ein Laptop. Teuer war mein Motorboot, das ich mir vor drei Jahren gekauft habe. Eines meiner liebsten Hobbys ist nun das Wakesurfen auf dem Neuenburgersee.

Das ist nicht dasselbe wie Wakeboarden?
Nein, beim Wakesurfen hält man kein Seil in der Hand, sondern reitet auf der Welle, die das Schiff verursacht. Wakesurfen ist für die Knie viel schonender.

Zurück zum Schnee: Die Rennen in Adelboden und Wengen stehen vor der Tür. Ein Highlight im Weltcup-Winter?
Und ob, die Vorfreude ist riesig. Es ist fantastisch, vor Zehntausenden Fans zu fahren, die einen anfeuern.

Aber?
Die Sponsoren, die Fans, die Medien, alle wollen etwas von uns, und man kann dem Rummel kaum entfliehen. Man muss aufpassen, dass man seine Energie nicht schon vor dem Rennen verpufft. Wenn wir die Heimrennen im Ausland vorbereiten könnten, wären wir wahrscheinlich fokussierter und lockerer. Aber das geht den Österreichern in Kitzbühel nicht anders.

In Adelboden waren Sie 2002 siegreich, Wengen fehlt noch in Ihrem Palmarès.(Lacht.) Wengen und noch viel mehr! Das Problem ist, dass ich nicht der Einzige bin, der die Klassiker gewinnen möchte. Und die anderen Jungs sind ebenfalls schnell unterwegs. Aber es ist nicht so, dass mich mein Palmarès Tag und Nacht beschäftigt. Es kommt, was kommt. So einfach ist das.

Sie planen auf Ende 2011 Ihren Rücktritt. Wieso eigentlich, wenn Sie immer noch schnell und gesund sind?
Ein Rotwein wird mit den Jahren zwar besser, aber irgendwann muss man ihn auch trinken, sonst kippt er. Ob ich möchte oder nicht, mein «Verfallsdatum» kommt näher. (Überlegt lange.) Auch wenn ich es nicht gerne zugebe: Die vielen Unfälle, vor allem der von Dani Albrecht, haben mich sehr nachdenklich gemacht. Vor allem in solchen Momenten wird mir bewusst, dass es mehr im Leben gibt als Skisport und Erfolg.

Sie fürchten um Ihre Gesundheit?
Ich empfinde keine lähmende Furcht. Ich bin durch und durch Skirennfahrer und gebe auf der Piste immer noch Vollgas. Aber wenn ich überhaupt bis 2011 gesund bleibe, wieso sollte ich darüber hinaus immer wieder meine Knochen riskieren?

Hat sich diese Frage nicht schon immer gestellt?
Eigentlich schon, aber wenn man jung ist, stellt man sich solchen Gedanken und Ängsten nicht, weil das Leben nach der Karriere so weit weg scheint. Mir wurde erst mit zunehmendem Alter bewusst, was alles auf dem Spiel steht – nicht weniger als die Gesundheit und das eigene Leben. Natürlich gibt es auch für mich immer noch viel zu gewinnen, aber man muss auch dankbar für das sein, was man erreicht hat. Und nach 18 Jahren im Weltcup habe ich auch Lust, etwas Neues zu sehen und zu erleben.

Zum Beispiel eine Familie gründen?
Ja, das wäre doch schön. Aber es kommt, wie es kommt. Ausserdem muss man dafür zu zweit sein (lacht).

Sie sind Single?
Ja, seit eineinhalb Jahren. Es ist extrem schwierig, eine Beziehung zu führen, wenn man so viel unterwegs ist. Wahrscheinlich ist das der Preis, den man für den Erfolg zahlen muss.

Haben Sie Angst vor dem Karriere-Ende? Nicht wenige Sportler fallen nach ihrer aktiven Zeit in ein Loch.
Ich denke, dass das vor allem jenen Sportlern passiert, die den Beruf und das Rampenlicht brauchen. Ich werde meinen Beruf arg vermissen, das fühle ich jetzt schon. Der intensive Druck am Start, das Gefühl, in zwei Minuten alles gewinnen oder verlieren zu können, das ist einmalig. Aber ohne das Rampenlicht werde ich gut zurechtkommen.

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