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Im Herzen ein Thurgauer

Mit Buchpreis-Gewinner Peter Stamm zurück zu den Wurzeln

Für «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» hat Peter Stamm den Schweizer Buchpreis erhalten. Obwohl er in New York und Paris lebte, ist der Schriftsteller Thurgauer geblieben. Auf Spurensuche in seiner alten Heimat Weinfelden.

Peter Stamm

Wie damals: In Weinfelden TG ging Peter Stamm zur Schule. Das Wandgemälde von Carl Roesch gefällt ihm immer noch.

Joseph Khakshouri

Alle paar Meter erinnert er sich. Wo früher das Geschäft für Bürobedarf war, denkt Peter Stamm «an die schöne Verkäuferin, für die ich geschwärmt habe». Wo damals die Metzgerei war, sieht er «die Chälbli, die daneben angebunden waren». Der 55-jährige Schriftsteller hat etwas Jungenhaftes. Vielleicht liegt es an der eher hohen Stimme und dem Thurgauer Dialekt, der den Jahrzehnten in seiner neuen Heimat Winterthur getrotzt hat.

«Hier bin ich einmal an einen Maskenball gegangen.» Wir stehen vor dem Restaurant Traube in der Weinfelder Altstadt. Der Schriftsteller tanzt? «Nicht ungern. Aber das Verkleiden mag ich nicht.»

Peter Stamm schlüpft beim Schreiben in andere Rollen: Wie fühlt es sich an, seine Familie zu verlassen («Weit aufs Land»)? Kann ein Autor seine Freundin zur Geschichte machen («Agnes»)? Stamms Bücher wurden dutzendfach übersetzt, er stand auf der Shortlist des Man Booker Prize, hat den Solothurner Literaturpreis gewonnen und hat nun heute Sonntag den Schweizer Buchpreis für «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» erhalten.

Sein Schulhaus ist noch da, ein paar Kinder schauen uns neugierig an. «Ich war ein frecher Schüler und habe gern witzige Antworten gegeben», sagt Stamm, Pfadiname Clown. «Mein Turnlehrer hat wohl gespürt, dass ich ihn nicht respektiere. Er hat es mir heimgezahlt, indem er mich blossstellte.» Die Folgen davon haben Stamms Weg geprägt, doch dazu später.

Während der Lehre zum Buchhalter muss Peter Stamm einen Lebenslauf verfassen. Seine eigene Biografie erscheint ihm langweilig, also erfindet er das Leben eines Adligen aus Osteuropa. «Ich habe mir immer Geschichten erzählt.» Während drögen Schulstunden träumt er sich in die Antarktis und leitet eine Polarexpedition. Auf dem Schulweg geht er eine andere Strecke, um seinem besten Freund nicht zu begegnen und genug Zeit «zum Denken» zu haben. Dass aus diesen Tagträumen einmal sein Beruf werden könnte, kommt ihm lange nicht in den Sinn.

Distanz hilft beim Schreiben

Es ist eine überschaubare Welt, in der Peter Stamm sich bewegt, bis er als 19-Jähriger nach Paris und später nach New York zieht und dort die Buchhaltung für Schweiz Tourismus macht. Weinfelden wirkt immer noch ländlich, obwohl es heute über 10 000 Einwohner hat. Im Norden schmiegt es sich an den Ottenberg, im Süden wird es von der Thur aufgehalten. Beide Fixpunkte kommen in Stamms Geschichten vor. «Weil ich nicht mehr hier wohne, habe ich die richtige Distanz, um über Weinfelden zu schreiben», sagt Stamm, der im Gespräch lieber weitergeht als stehen bleibt.

Beim Marktplatz halten wir aber inne. Im «Thurgauerhof» spielt eine Schlüsselszene seines neuen Romans «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt». Ein Schriftsteller geht nach einer Lesung in dieses Hotel. Die Tür öffnet ihm ein junger Mann, der genauso aussieht wie der Schriftsteller selbst, als er hier vor 20 Jahren als Nachtportier arbeitete. «Wenn ich schreibe, gehe ich von einer Frage aus.» Landen wir immer am gleichen Ort, egal, welche Entscheidungen wir treffen?

Peter Stamm

Erinnerungen: Die Wendeltreppe gehört zum Hotel Thurgauerhof, in dem Stamm als Nachtportier arbeitete.

Joseph Khakshouri

Auch Peter Stamm ist in gewisser Weise ein Doppelgänger. In der Öffentlichkeit tritt er als Schriftsteller auf und lässt sich auf die Liste der Grünen setzen. Über den Privatmenschen ist wenig bekannt. Seit Beginn seiner Karriere schützt Stamm diesen Teil von sich. Er lebt mit seiner Partnerin und den beiden Söhnen, Fabio, 16, und Matteo, 13, in Winterthur. Sein Büro hat er mit Möbeln aus den 50er-Jahren eingerichtet, das erinnert ihn an seine Buchhalter-«Stifti».

Er schreibe über Menschen und Beziehungen zwischen Menschen, hat er einmal gesagt. Die Menschen in seinem Leben in der Schweizer Illustrierten zeigen? Lieber nicht.

Peter Stamm

Denkpause: Manchmal taucht Peter Stamm kurz ab. Mit dem Rauchen hat er vor 35 Jahren begonnen.  

Joseph Khakshouri

Stamm begann zu schreiben wie ein Buchhalter

Wir haben Weinfelden – in seinen Büchern einfach «das Dorf» – hinter uns gelassen und sind im Restaurant Thurberg angekommen, am Hang des Ottenbergs. Unter uns breitet sich der Ort aus, dahinter Säntis und Churfirsten in diesigem Licht. Also, wie wurde aus einem frechen und verträumten Jungen ein erfolgreicher Schriftsteller?

«Nach der Sek wollte ich nie mehr einen Sporttag erleben», sagt Stamm. Sein Lehrer habe gewusst, wie man kleine und schmächtige Schüler blamiert. «Er ist die Vorlage für mindestens drei unsympathische Turnlehrer in meinen Büchern. Und er war der Grund, wieso ich eine KVLehre machte und nicht an die Kantonsschule ging.»

Seine ersten Bücher wollte niemand publizieren. Stamm hatte sie geschrieben wie ein Buchhalter: «Jedes Kapitel genau durchgeplant.» Er lacht. «Inzwischen lasse ich den Figuren mehr Freiheit.» Sein schlichter Stil, von manchen Kritikern als «Kühlschrankprosa» bezeichnet, soll nicht von der Geschichte ablenken – so wenig wie sein Privatleben von seinem Werk.

Peter Stamm

Peter Stamm: «Ich wünschte mir, spontaner und wilder zu sein. Aber so bin ich nicht.»

Joseph Khakshouri

Ich wuchs behütet auf

Familiendramen oder Drogenexzesse gab es bei Stamm ohnehin nicht. «Ich wuchs behütet auf.» Der Vater, ein Buchhalter, «las uns Gedichte vor». Die Mutter, ebenfalls Buchhalterin, «erfand Geschichten» für ihre Kinder. Stamm hat zwei ältere Brüder und eine ältere Schwester. Als Jugendlicher habe er sich manchmal gewünscht, spontaner und wilder zu sein. «Ich hatte diese Vorstellung vom Künstler als Lebemann», sagt er. «Aber so bin ich nicht.»

Schreiben ist für ihn weder Berufung noch Qual. «Ich tue es aus Freude. Welten zu erschaffen, macht mir Spass.» Es dauerte lange, bis er dafür Anerkennung erhielt. «Hätte ich mit 20 gewusst, dass ich erst mit 35 ein Buch veröffentliche, weiss ich nicht, ob ich damit angefangen hätte.» In diesem Satz schwingt keine Reue mit. So ist es einfach.

Bevor er geht noch ein letzter Blick auf die alte Heimat. Vom «Thurberg» aus sieht PeterStamm auf sein Dorf, seine Jugend, auf die Zeit vor dem Erfolg. Er ist mit seinem Lebenslauf zufrieden.

Von Lynn Scheurer am 11. November 2018