Lächeln im Kampf gegen den Frauenhandel Mit Simonetta Sommaruga auf Balkanreise

Kampf gegen Frauenhandel und Sklaverei! Simonetta Sommaruga hilft in Belgrad missbrauchten Frauen zurück ins Leben. Das Lachen der Bundesrätin steckt an.
Simonetta Sommaruga in Serbien und Bulgarien
© Bernard van Dierendonck

Im Belgrader Bagel-Shop: Die jungen Frauen zeigen Bundesrätin Sommaruga, wie sie einen Bagel belegen.

Die sieben Plätze des Bundesratsflugzeugs Citation Excel sind alle besetzt: Bundesrätin, persönliche Mitarbeiterin, Sprecherin, ein hoher Polizist, ein Migrationsspezialist. Das Flugzeug ist so klein, dass die Flight-Attendant beim Start die Früchteschale in der einen und die Blumen in der anderen Hand halten muss.

Als das Flugzeug in 11'000 Metern Höhe über die Alpen fliegt, geht gerade die Sonne auf. In der Ferne leuchtet das Matterhorn, es wirkt erstaunlich klein. Sogar Sommaruga klappt das Lederetui ihres Handys auf, um ein Foto zu machen. Jetzt wird das Frühstück serviert: Entweder gibt es einen Teller mit Käse und Fleisch oder Früchte. Der Polizist wählt Käse und Fleisch – die Bundesrätin die Früchte.

«Eine solche Reise ist harte Arbeit»

Drei Tage Balkan stehen auf dem Programm, ein offizieller Besuch in Serbien und Bulgarien. Nicht gerade die angenehmsten Reiseziele im Winter. Für die Nacht sind zwölf Grad unter null angekündigt. «Eine solche Reise ist harte Arbeit», sagt Sommaruga. Im Zentrum der Gespräche steht ein trauriges Thema: junge Frauen aus Osteuropa, die dazu gezwungen werden, sich in der Schweiz zu prostituieren.

Die Chefin des Justiz- und Polizeidepartements will stärker gegen die Menschenhändler vorgehen: «Diese Frauen sind Opfer einer modernen Form von Sklaverei.» Die Reise soll die Zusammenarbeit der Schweizer Polizisten mit ihren Kollegen in Serbien und Bulgarien verstärken.

Station 1: Belgrad, Serbien

In Belgrad steht als Erstes ein Treffen mit dem Innenminister an. Serbien möchte in die EU. Und die Schweiz unterstützt das Land dabei, die nötigen Reformen durchzuführen – zum Beispiel beim Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Nach dem offiziellen Gespräch mahnt Sommaruga bei einer kleinen Medienkonferenz: «Die Schweiz und Serbien können ihre Zusammenarbeit im Bereich des Menschenhandels noch ausbauen.» Und macht dabei ein sehr ernstes Gesicht – wie immer bei ihren öffentlichen Auftritten.

Simonetta Sommaruga in Serbien und Bulgarien
© Bernard van Dierendonck

Strammgestanden: Im Palast Serbiens erklärt Innenminister Nebojsa Stefanovic der Schweizer Bundesrätin die sozialistische Inneneinrichtung aus den 50er-Jahren.

Die ernste Bundesrätin! Dieses Bild von Sommaruga ist in der Schweiz weitverbreitet. Bei den Wählern der eigenen SP kommt sie sehr gut an, wie Umfragen zeigen. In der Mitte und bei den Bürgerlichen gilt die Sozialdemokratin hingegen als gar linientreu. Auch die bürgerliche Presse ist nicht immer begeistert von ihr. «Eher humorlos wirkend», schreibt die «Basler Zeitung». «Unglücklich und verbissen» die «Berner Zeitung». Und die «Weltwoche» sieht gar ein «eisiges Lächeln».

Sommaruga lacht eher leiste, verschmitzt

Doch die Bernerin kann auch lachen! Vielleicht nicht gerade laut und schenkelklopfend. Sondern eher leise, verschmitzt. Gerade am Nachmittag gibt es in der Innenstadt von Belgrad einen solchen Moment. Sommaruga besucht ein Café, dessen Spezialität belegte Bagel sind. Hier arbeiten junge Frauen, die zur Prostitution gezwungen oder Opfer von häuslicher Gewalt wurden. Ziel des Projekts ist es, dass die Frauen wieder ins normale Leben zurückfinden – auch mit finanzieller Unterstützung aus der Schweiz.

Die Bundesrätin plaudert mit den jungen Frauen und lässt sich von ihnen zeigen, wie sie einen Bagel belegen. Und plötzlich erscheint dieses feine Lachen auf ihrem Gesicht. «An diesem Ort spüre ich so viel positive Energie», sagt die Bundesrätin. «Das berührt mich zutiefst.»

Simonetta Sommaruga in Serbien und Bulgarien
© Bernard van Dierendonck

Aus Afghanistan geflohen: Im Flüchtlingslager von Krnjaca in Serbien plaudert Sommaruga mit Mustafa, 11: «Wir wollen in die Schweiz, weil mein Bruder krank ist.»

Ohne Lachen wären die schweren Themen schwer zu bewältigen

Stört sie sich daran, dass sie in der Öffentlichkeit als allzu ernst wahrgenommen wird? Sommaruga bleibt gelassen: «Es ist doch selbstverständlich, dass ich mich bei offiziellen Gesprächen konzentriere», meint sie. «Mein Amt bringt eine grosse Verantwortung.» Mit ihrem Team lache sie aber sehr gerne. «Anders wären diese oft schweren Themen nicht zu bewältigen.»

Frauen, die Opfer von Zwang und Gewalt werden, liegen Sommaruga schon sehr lange am Herzen: «Mein Ziel ist es, hier ganz genau hinzuschauen. Denn sonst werden diese Themen nicht sichtbar. Und es unternimmt auch niemand etwas dagegen.»

Simonetta Sommaruga in Serbien und Bulgarien
© Bernard van Dierendonck

Zuckersüss: Vor der Festung von Belgrad kauft Simonetta Sommaruga bei Radivoj Radosavkiv, 65, eine Zuckerwatte: «Sie schmeckt noch gleich wie vor 50 Jahren!»

Station 2: Sofia, Bulgarien

Von Serbien geht es noch am Abend des gleichen Tages weiter nach Bulgarien, zum Treffen der EU-Innenminister in Sofia. Sommaruga ist mit ihren sieben Amtsjahren eine der erfahrensten Teilnehmer. Und entsprechend gut vernetzt. Zusammen mit dem deutschen CDU-Politiker Thomas de Maizière, 64, setzt sie sich auf einen der türkisfarbenen Fauteuils im Kulturpalast aus den 80er-Jahren, der noch immer den Sozialismus von früher atmet.

De Maizière lobt die Schweizer Kollegin über den grünen Klee: «Frau Sommaruga und ich haben eine sehr enge Beziehung und arbeiten sehr gut zusammen», meint der Innenminister. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise von 2015, als über eine Million Migranten nach Deutschland strömten, habe sie ihn davor gewarnt, die eigene Bevölkerung nicht zu überfordern. «Und jetzt mahnt sie mich, das Pendel nicht zu sehr in die andere Richtung schwingen und die Humanität gegenüber Flüchtlingen nicht aus den Augen zu lassen.»

Nach den ernsten Themen steht am dritten Tag ein Besuch in der Küche des Fünf-Sterne-Hotels Hilton auf dem Programm. Dort ist ein halbes Dutzend junge Bulgarinnen und Bulgaren damit beschäftigt, das Mittagessen für die Bundesrätin zu kochen: Schopska-Salat, Fischfilet mit Zucchetti, Panna cotta.

«Ich koche auch selbst sehr gerne»

Das Besondere dabei: Die Ausbildung der Lehrlinge funktioniert wie in der Schweiz und wird von dieser auch unterstützt – ein Teil in der Schule, ein Teil in der Küche. Was in der Schweiz selbstverständlich ist, bedeutet in Bulgarien eine Neuerung. Sommaruga schmeckts: «Ich lasse mich gerne bekochen», gesteht sie. «Aber ich koche auch selbst sehr gerne.» Am liebsten frische Kartoffeln aus dem eigenen Garten. «Das ist sehr sinnlich.»

Simonetta Sommaruga in Serbien und Bulgarien
© Bernard van Dierendonck

Zucchetti und Fisch: Bulgarische Kochlehrlinge haben im «Hilton» für die Bundesrätin das Mittagessen zubereitet. «Ich lasse mich gerne bekochen», gesteht Sommaruga.

Es wird Nacht in Bulgarien, die winterliche Reise an die Donau geht zu Ende. Weit draussen auf dem Vorfeld des Flughafens von Sofia steht die kleine Maschine der Swiss Air Force. Ein letztes Mal wünscht Kapitän Olivier Queloz der Bundesrätin einen guten Flug. Und fügt hinzu: «Das Wetter in Bern ist gut.» «Wärmer?», fragt Sommaruga. Alle lachen.

Kampf gegen Frauenhandel nur mit internationaler Zusammenarbeit

Beim Start lehnt sich die Bundesrätin in ihrem blauen Ledersitz zurück, schliesst erschöpft die Augen. Um gleich darauf wieder konzentriert und ernst Bilanz über die Reise zu ziehen: «Nur mit internationaler Zusammenarbeit können wir den Kampf gegen den Frauenhandel gewinnen, darum sind solche Reisen so wichtig.»

Dann serviert die Flight-Attendant Ratatouille mit schwarzem Reis, dazu ein Glas Rotwein aus dem Wallis. Sommaruga entspannt sich, scherzt mit ihrem Team. Und da ist es wieder – dieses feine Lachen auf ihrem sonst so ernsten Gesicht.

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