Mit Speckröllchen und ohne Make-Up Morena Diaz bietet dem Schönheitswahn die Stirn

Die Aargauer Primarlehrerin Morena Diaz sorgte mit ihren Bikini-Bildern im Internet schweizweit für Schlagzeilen. Heute präsentiert sie ihr erstes Buch: ein Plädoyer für Speckröllchen.
Morena Diaz
© Ellin Anderegg

Selfie in Rot: In ihrem Schlafzimmer bereitet Morena Diaz einen Instagram-Post vor.

Klatschmohn, Maiglöckchen, Tulpen – ihr Kleiderschrank mit den engen Tops und den kurzen Röcken gleicht einem Blumenbeet. «Noch vor ein paar Jahren habe ich nur dunkle und vor allem weit geschnittene Kleider getragen», sagt Morena Diaz, 25, und fährt mit der Hand durch die Stoffe. «Ich wollte um jeden Preis mein Bäuchlein verstecken.»

Heute zeigt die Aargauerin ihren Körper auf ihrem Blog und auf Instagram der ganzen Welt. Mal tanzend im Bikini, mal beim Glaceessen – mit Bäuchlein und Dehnungsstreifen. Als Aushängeschild der sogenannten Body-Positive-Bewegung lebt sie nach dem Mantra: Ob mollig, runzlig oder behaart, jeder Körper ist schön. Rund 70 000 Menschen zwischen 14 und 35 verfolgen, was sie postet.

Am Esstisch ihrer modernen Dreizimmerwohnung in Oberentfelden AG, die sie mit Freund Antonio teilt, nimmt Diaz einen grossen Schluck Wasser. Wenn sie spricht, holt sie kaum Luft, hastet von einer Anekdote zur nächsten. Neben sich das Handy, auf lautlos. Aber es arbeitet, das spürt man.

Morena Diaz
© Ellin Anderegg

Wühlparadies: «Ich kann nicht gut ausmisten» – Diaz in ihrem begehbaren Kleiderschrank.

«Liebe deinen Körper!»

Im August 2017 haben auch die Medien Morena Diaz entdeckt. «Lehrerin postet sexy Bikini-Bilder», lautete die schweizweite Schlagzeile. Denn die 25-Jährige unterrichtet hauptberuflich an der Primarschule Erlinsbach AG – sie hat nicht vor, ganz aufs Bloggen zu setzen.

 

«Ui, das gab zu reden», sagt sie mit einem weichen Lachen. Die Präsidentin des Aargauischen Lehrerverbands monierte etwa, die junge Lehrerin erschwere sich die spätere Stellensuche. Im Netz kursierten Kommentare wie: «Das ist doch kein Vorbild!» Diaz musste sich entscheiden: «Gebe ich mich geschlagen, oder lerne ich, damit umzugehen?»

Sie entschied sich für Letzteres. Weil ihr Freunde, Eltern und der Schulleiter den Rücken stärkten. Und sie setzte noch einen obendrauf – ihr erstes Buch! «Love your Body» ist ihr Plädoyer für mehr Selbstliebe, mit Diaz’ eigener Geschichte als rotem Faden.

Mobbing in der Schule

«Mich störte schon als Kind, dass mein Bauch dicker war als der meiner Mitschülerinnen», erinnert sich Diaz. «Wir Italiener essen halt gern, das ist doch etwas Schönes», sagt Mamma Vanda. «Dicke Kuh!», rufen die Buben in der Oberstufe.

Internet-Star: Nach einer Essstörung lernte Morena Diaz ihren Körper zu lieben. Heute zeigt sie ihre Kurven gern.

 

Ok.. ending this year with one of my most vulnerable posts ever. I just wanted to remind you that there will be many people talking about weight loss as new years resolution and many ads with diets and “miracle” products and programs “to make you look good” ... that’s why I wanted to remind that no matter how your body looks like, you’re enough. You don’t have to spend money or starve in order to be worthy. This is my body in 2017 and this will be my body in 2018 . . . Okay ich beende dieses Jahr mit den wohl ehrlichsten Fotos, die ich jemals hochgeladen habe. Ich wollte denen, die gerade etwas Mühe mit ihren After- Christmas - Körper haben zeigen, dass man gut ist wie man ist, egal wie der eigene Körper gerade aussieht. Jetzt, wo sich das Jahr dem Ende zuneigt, wird man auch wieder überall die üblichen Diät- und Schönheitsbezogenen Neujahrsvorsätze hören und lesen. Überall werden Programme und Produkte angeboten werden, damit wir uns “die perfekte Figur” erarbeiten können. Tja.. dies hier ist meine Figur im 2017 und wird auch meine Figur im 2018 sein man muss weder Geld ausgeben, noch hungern, damit man etwas wert ist . . #jedentageinbisschenm0reniita . . #selflove #NewYearSameMe #natural #teamselbstliebe #everybodyisbeautiful #embracethesquish #selbstliebe #bodylove #selfconfidence #curvy #recovery #edrecovery

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Dez 30, 2017 um 10:11 PST

Mit 17 entdeckt Diaz auf Instagram ein Vorher-nachher-Bild einer jungen Amerikanerin, die radikal abgenommen hatte. «Auf einmal packte mich das Gefühl, etwas verändern zu müssen – und es dieses Mal auch wirklich zu schaffen!» Sie beginnt zu joggen, verzichtet auf Pasta, Pizza und Schokolade, nimmt in zwei Monaten acht Kilo ab. «Mega schön», lobt eine Schulkameradin. 

Als Diaz im Herbst 2012 mit der Ausbildung zur Lehrerin beginnt, fehlt ihr die Zeit für den Sport. Fressanfälle treiben ihr Gewicht wieder in die Höhe. Zu der Zeit ist sie bereits auf Instagram aktiv, aber mit einem Fitnessblog. «Das Training wurde immer mehr zu einem Zwang, weil ich Angst hatte, irgendwann wieder zuzunehmen.»

Mamma Vanda, 49, hatte da aber längst gemerkt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt: Weil Morena in Tränen ausbrach, wenn die Mutter mit frischen Burgern nach Hause kam. Oder weil sie im Abfall Dutzende leere Guetslipackungen fand. «Erbrichst du dich, Morena?», fragt Vanda eines Tages. Da bricht es aus der jungen Frau heraus: «Nein, Mamma, aber ich bin am Ende.»

Morena Diaz und Mutter
© Ellin Anderegg
Mutterliebe: «Ich war schon immer mega stolz auf Morena», sagt Vanda Diaz daheim in Oftringen AG.

Morena Diaz lehrt ihre Schüler, dass jeder Mensch schön ist

Nach langen Gesprächen beginnt sich Morena Diaz immer mehr zu fragen: «Will ich echt nur anderen gefallen?» Sie beschliesst, ihren Fitnessblog in eine Art Tagebuch umzuwandeln, erzählt ihren Lesern von den Fressanfällen, kaschiert ihren Bauch nicht mehr mit unbequemen Posen. Ihre Fangemeinde wächst. «Ich konnte meine Follower ermutigen, zu ihrem Körper zu stehen.»

Diaz scrollt durch die Nachrichten auf ihrem Handy: 70 Stück nach einer Stunde Interview! Warum bietet sie dem Schönheitswahn ausgerechnet mit Bildern von ihrem Körper die Stirn? «Ich könnte meine Botschaft auch unter ein schwarzes Bild schreiben, aber das funktioniert leider nicht», sagt sie. Ausserdem zeige sie sich unbearbeitet und ungefiltert.

Die Erstklässler aus Erlinsbach verstehen noch nicht, wofür sich ihre Lehrerin engagiert. «Ich höre höchstens ab und zu ein ‹Frau Diaz ist jetzt berühmt›.» Und diese Frau Diaz lehrt ihre Schüler nicht nur Schreiben und Rechnen, sondern auch, dass jeder Mensch schön ist. Damit sie auch später Blumen tragen.

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