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Ex-Leichtathlet Sebastian Coe erinnert an den Weltklasse-Zürich-Vater

«Andreas Brügger war seiner Zeit stets voraus»

Im Alter von 91 Jahren ist der Meiringer Andreas Brügger, Vater von «Weltklasse Zürich», am 27. Dezember gestorben. Heute Freitag findet die Beisetzung im engen Familienkreis statt. Die britische Leichtathletik-Legende Sebastian Coe erinnert sich an seinen Freund: «Oft besuchten wir ihn in Grindelwald. Seinetwegen lernten meine Kinder Skifahren.»

Andreas Brügger

Leben für den Sport: Brügger präsidierte 27 Jahre «Weltklasse Zürich». 1955 wurde er Kugelstoss-Schweizermeister.

Keystone

«Ich kann mich noch genau an meine erste Begegnung mit Andreas Brügger erinnern. Es war Mitte August 1979 im Vorfeld des Meetings im Letzigrund. 40 Tage zuvor hatte ich in Oslo die Weltrekorde über 800 m und über die Meile aufgestellt, und eigentlich wollte ich mir einige Tage Ferien gönnen. Doch ein Journalist machte mich darauf aufmerksam, dass noch nie ein Athlet die Bestmarken über 800 m, 1500 m und die Meile gleichzeitig gehalten hatte. Also entschied ich mich, im Letzigrund anzutreten.

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Dort lernte ich Andreas «Res» Brügger kennen – diese imponierende Erscheinung, diese herzliche, grosszügige, aber auch konsequente und gradlinige Persönlichkeit. Er stellte mich sofort seiner Ehefrau Doris und seinen drei Kindern vor und lud mich an der Bahnhofstrasse zu Kaffee und Kuchen ein. Ich war begeistert und freute mich auf ein paar erholsame Tage vor dem Wettkampf. Doch Brügger wusste genau, was er von mir wollte – nicht dass ich noch mehr Kaffee trinke und Kuchen esse, sondern dass ich den Rekord über 1500 m verbessere. Also chauffierte er mich persönlich nach Magglingen, damit ich mich perfekt auf den grossen Tag vorbereiten konnte. Vorbei war es mit den Feriengefühlen.

Eine tiefe Freundschaft

Aus dieser Begegnung ist in fast vier Jahrzehnten eine tiefe Freundschaft entstanden. Meine Kinder wurden gute Freunde der Enkel von Res. Oft verbrachten wir die Sommerferien bei ihm in Zürich oder besuchten ihn in seinem geliebten Grindelwald. Seinetwegen lernten meine Kinder Skifahren. Ich bin der Einzige, der auf dieses Vergnügen verzichtete. Aber nach Grindelwald ging ich immer sehr gerne. Meine Lieblingswanderung führt von Wilderswil zur beeindruckenden Schynige Platte.

Res Doris Brügger Sebastian Coe Carole Coe

Enge Freunde: Res und Doris Brügger (l.) 2008 mit Sebastian Coe und dessen Frau Carole (r.).

Hervé le Cunff

Als ich von Andreas’ Tod erfuhr, war ich bestürzt und tief berührt – desperately sad. Wir wussten alle, dass es ihm körperlich nicht mehr gut ging. Geistig aber war er noch ganz der Alte. In all den Jahren war er für mich immer ein wichtiger Orientierungspunkt und freundschaftlicher Berater – egal, ob in politischen, sportlichen oder persönlichen Belangen. Auch als mir die Verantwortung für die Organisation der Olympischen Spiele 2012 in London übertragen wurde, unterhielt ich mich intensiv mit Res. Ich wollte wissen, was er tun würde, wie er die Leichtathletik inszenieren würde. Gern hätte ich ihn in London willkommen geheissen. Aber ich wusste, wie gerne er im Sommer in seinem grossen Fauteuil in Grindelwald sass und die Aussicht auf den Eiger genoss.

Schritt für Schritt

Andreas Brügger war seiner Zeit stets einen Schritt voraus. Er hat die Kommerzialisierung des Sports richtig antizipiert und umgesetzt. Er hat das Meeting in Zürich zu einer Marke gemacht, die weit über die Grenzen des Sports ausstrahlt. Er hat die Leichtathletik geprägt wie nur ganz wenige. Dabei hat er nie vergessen, woher er kommt – und wer im Zentrum des Spektakels steht: die Athletinnen und Athleten.

Dazu passt, dass er die Sportler im Vorfeld des Meetings in Zürich stets zur legendären Grillparty bei sich zu Hause in Zürich-Witikon einlud. Von diesen Anlässen kann ich nur so viel sagen: Die Qualität der Produkte war hervorragend – diejenige der Steaks und des Weines. Bei diesen Gelegenheiten konnte man auch erleben, wie wunderbar Res und seine Doris harmonierten. Res stand zwar im Scheinwerferlicht. Aber Doris war die Schlüsselspielerin hinter den Kulissen.

Die Standing Ovations waren an den Mann gerichtet, der seine ganze Schaffenskraft, Leidenschaft und diplomatischen Fähigkeiten in den Dienst des Sports gestellt hat

Anfang Dezember ehrten wir Res Brügger an der Gala des internationalen Verbandes in Monaco mit dem IAAF President’s Award. Sein Sohn Urs nahm die Trophäe entgegen. Die Standing Ovations waren an den Mann gerichtet, der seine ganze Schaffenskraft, Leidenschaft und diplomatischen Fähigkeiten in den Dienst des Sports gestellt hat. Mit Andreas Brügger verliert die Leichtathletik eine rare Persönlichkeit, die den Verlauf der Geschichte nachhaltig verändert hat. Und meine Familie und ich verlieren einen grossartigen Freund. Lieber Andreas – ich verneige mich vor dir und deinem Lebenswerk.»

Am Freitag, 4. Januar 2019, findet in Grindelwald die Urnenbeisetzung im Familienkreis statt. Die Trauerfeier findet am Freitag, 25. Januar um 14 Uhr in der Kirche Fraumünster in Zürich statt.

Von Sebastian Coe am 04.01.2019