Sommerserie Nachts in Chur zwischen Sex-Club und Cabaret

Was erleben Menschen, die vornehmlich nachts arbeiten? Welchen kuriosen Typen begegnen sie? Welche Geschichten haben sie zu erzählen. SI online begleitete Personen während ihrer Nachtarbeit. Den Anfang macht Efrem Cavegn, Taxi-Fahrer aus Chur.

Links der Sex-Club, rechts das Cabaret Octopussy. «Den habe ich damals umgebaut», erzählt Efrem Cavegn, 59, während wir auf die ersten Kunden warten - heute nämlich fährt Cavegn Taxi. Architektur studiert hat er zwar nicht, ergänzt er. Zunächst absolvierte er eine Maurerlehre, später jene zum Bauzeichner, um sich dann mit seinem bautechnischen Büro selbstständig zu machen und Häuser umzubauen. Zwanzig Jahre lang arbeitete er auf diesem Gebiet, bis er genug hatte: «Ich wollte etwas Neues erleben und meldete mich fürs Taxi-Brevet an.» Drei- bis viermal die Woche ist er unterwegs - nur nachts. Tagsüber erledigt er die Steuererklärungen anderer. «Ich bin ein Allrounder», meint er stolz.

Anruf aus der Zentrale - «Nummer vier, Salvatorenstrasse bitte». Efrem Cavegn startet den Motor seines quietschgelben Hybrid-Autos und rollt los. Zwei Jungs steigen ein. «Hoi Efrem, wie geht's?» Man kennt sich in Chur. «Danke gut, und wie geht's deiner Freundin. Immer noch glücklich?» «Und wie!!!» Die Jungs steigen aus und Efrem erzählt, was es mit der zwanzig Jahre älteren verwitweten Freundin aus Kroatien auf sich hat. «Eines Abends brauchte der Junge ein Taxi. Nach Aadorf im Thurgau. Das wird aber teuer, sagte ich ihm, um die 600 Franken. Er meinte nur, dass dies seine Freundin zahle. In Aadorf angekommen stand da eine wunderschöne Frau, um die vierzig, in einem schwarzen Negligée und Strapsen. Toll hat sie ausgesehen.» Efrem bekam das Geld und ein grosszügiges Trinkgeld, liess die beiden in ihrem Glück allein und fuhr zurück. Es ist nicht das letzte Mal, dass er für den Kunden die 150 Kilometer auf sich nahm.

Die bisher längste Taxifahrt führte ihn nach Basel. Allerdings aus traurigem Anlass. «Eine Frau wollte zu ihrer Mutter ans Sterbebett.»

Ohne Gefühl geht nichts

Mittlerweile ist es Mitternacht, wir warten am Bahnhof und Efrem sagt: «Als Taxifahrer muss man Gefühl haben für seine Gäste.» Für seine jungen betrunkenen Gäste, die nach Gras riechen. Für die alte Dame, die unter Inkontinenz leidet und seinen Sitz befeuchtet. Oder für den Mann mittleren Alters, der zum Octopussy gefahren werden möchte - «in einem solchen Fall kann das Trinkgeld auch schon mal höher ausfallen». Niemand soll schliesslich erfahren, wen er da in die lange Nacht der Liebestrunkenheit entlassen hat.

Apropos Trunkenheit: Wenn ein Fahrgast zu tief ins Glas geschaut hat, weder Haus noch Tür findet und die Gefahr besteht, dass er an seinem Erbrochenen erstickt, bringt Efrem ihn auch mal ins Bett. «Am nächsten Tag komme ich nochmals wegen der Bezahlung vorbei. Die meisten können sich dann kaum mehr daran erinnern, wie sie überhaupt nach Hause gekommen sind.»

Diese drei Damen muss er zwar nicht ins Bett bringen, trotzdem sind sie froh, dass Cavegn den Weg ohne ihre Hilfe findet:

Es passiert auch, dass Cavegn anstelle eines Gastes eine Flasche Vodka, Snacks oder Bier transportiert und es gegen das bereit gelegte Geld im Milchfach tauscht. «Das zählt zu unserem Service.»

Zwischen Zürich und Chur liegen Welten

Warum fährt Efrem Cavegn ausgerechnet nachts Taxi? «Dann gehört die Stadt dir», sagt er mit einem grossen Grinsen. «Die Strassen sind frei und es ist nicht mehr so warm wie tagsüber.» Würde ihm sein Chef sagen, er müsste ab sofort am Tag fahren - «dann würde ich kündigen». Cavegn ist ein leidenschaftlicher Taxi-Fahrer, obwohl er vor seinem Job-Wechsel damit nichts am Hut hatte. «Höchstens einmal bin ich in eines gesessen.»

Taxi fahren ist kein Job, bei dem man reich wird, gibt Cavegn zu. Fünfzehn Franken bekommt er die Stunde. Trinkgeld und liegen gelassenes Geld exklusive. «Einmal entdeckte ich ein kleines Portemonnaie mit siebenhundert Euro drinnen. Dabei lag ein Kontoauszug, auf dem von über hundertfünfzigtausend Euro die Rede war.» Das Bargeld konnte der gebürtige Ilanzer behalten. Im Gegenzug passiert es, dass ein Kunde das Taxi verlässt, ohne gezahlt zu haben. Oder dass er sein Portemonnaie auf dem Autoach vergisst - wie vor drei Monaten. Das Geld ist weg - und damit auch der Verdienst des bisherigen Abends. «Das nennt man wohl ausgleichende Gerechtigkeit.»

Taxi fahren ist auch kein Job, der ungefährlich ist, sind wir uns einig, als wir wieder zwischen Octopussy und Sex-Club warten. «Allerdings mag das für Zürich mehr zutreffen als für Chur. Ich hatte noch nie gross Ärger mit einem Gast.» Fünfundneunzig Prozent der Jugendlichen seien «okay» sagt Efrem, auch wenn sie schon etwas getrunken und geraucht hätten.

So auch diese Jungs:


Gegen halb zwei Uhr nachts: Mein Block ist voll geschrieben, die Stimme heiser und Efrems erste Schicht ist vorüber. Er darf nun eine Stunde Pause machen, um gewappnet für die Rush Hour zwischen drei und vier Uhr zu sein. Nach meinem dreieinhalbstündigen Trip durchs Churer Nachtleben weiss ich: «Der Mann am Steuer lebt für seinen Job und ist Taxifahrer und Psychologe in einem.» Cavegn hingegen weiss nach zehn Jahren im Beruf: «Der Mann mit der Krawatte bescheisst mehr als der einfache.»

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