Sommerserie Nächtlicher Treff für Partygänger und Polizisten

Was erleben Menschen, die vornehmlich nachts arbeiten? Welchen kuriosen Typen begegnen sie? Welche Geschichten haben sie zu erzählen? SI online begleitet Personen während ihrer Nachtschicht. Nach der rasanten Taxifahrt in Chur folgt eine Reportage aus einem belebten 24-Stunden-Shop in Oberwinterthur.

Schichtwechsel ist um 22 Uhr. Rosmarie Humbel geht jetzt in ihren wohlverdienten Feierabend - die Männer übernehmen fortan das Zepter im «Hutter Auto Shop» in Oberwinterthur. Martin Honegger, 43, und Ibrahim Bostanci, 38, sind ein eingespieltes Team. Das wird sich in dieser Freitagnacht noch ausbezahlen. Auch für mich. Ich erfahre, dass Tankstellen-Angestellter durchaus ein Traumjob sein kann, für den die beiden Herren viel in Kauf nehmen.

Der erste Gast ist bereits da: Michi. Er kommt vom nahe gelegenen alljährlichen «Oberifest» - ziemlich deprimiert. «Ich habe gerade eine Abfuhr von einer Frau erhalten», klagt er an einem der zwei Stehtischchen, die direkt vor dem Verkaufstresen platziert sind und einen kleinen Ort der Gastlichkeit schaffen. Im 24-Stunden-Shop gönnt sich der Abgewiesene eine Auszeit, bevor er sich zurück ins Festgeschehen stürzt. «Ich muss ein wenig runterkommen. Was mache ich bloss falsch? Ich bin jetzt 29 Jahre alt und habe noch immer keine Freundin!» Der junge Mann ist kein Ausnahmefall. «Wer nachts arbeitet, ist immer auch ein bisschen Psychiater. Aber die Arbeit darf nicht liegenbleiben. Da muss man die Leute auch einmal abklemmen», sagt Honegger und tippt die Beträge für einen Wein und eine Schachtel Zigaretten in die Kasse ein.

BESORGUNGEN FÜR EINE LANGE NACHT
Er hat jetzt keine Zeit für das Leid von Michi. Vor seinem Tresen hat sich eine beachtliche Menschentraube gebildet. Drei Burschen in Trainermontur und ein Mädchen haben sich mit Coca Cola für eine lange Nacht eingedeckt. Ein Mittzwanziger mit zwei Dosen Red Bull. Eine junge Truppe kauft sich zwei Sixpacks Quöllfrisch. Vier andere Jungs stehen noch unschlüssig vor dem Alkohol-Schrank - sowohl über die Getränkewahl als auch über den weiteren Verlauf des Abends debattierend. Daneben stürmen ihre weiblichen Begleiterinnen nach Pasoã. Ein älteres Paar huscht durch die Regale und füllt seinen Einkaufskorb mit allerlei Lebensmitteln. Ein Mann in Arbeiterkluft hat gerade seinen Wagen getankt und kauft sich jetzt sein spätes Nachtessen. Neben ihm lässt sich eine Polizistin in Uniform einen Latte Macchiato aus der Kaffeemaschine. Eine Truppe aus vier Teenagern verlässt derweil den Laden. Schon zum zweiten Mal heute Abend.

Die automatische Türglocke läutet im Sekundentakt. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. «Das geht wohl noch bis Mitternacht so - vielleicht auch bis um drei Uhr», weiss Honegger. «Aber ich brauche diese Hektik!» Seit mehr als 22 Jahren arbeitet der gelernte Verkäufer schon hier, seit sechs ausschliesslich nachts. Immer von 22 bis 6.15 Uhr früh, fünfmal die Woche. «Wenn ich mir nach der Schicht ein Feierabendbier gönne, werde ich jeweils schief angeschaut», erzählt der dreifache Familienvater lachend. «Zuhause esse ich dann eine ganze Mahlzeit, bevor ich mich schlafen lege.» Seine Freundin und er geben sich oft nur die Klinke in die Hand. «Aber am Mittwochnachmittag hat sie frei - dann haben wir Zeit für einander.»

Die Vorräte im Getränkeschrank neigen sich gegen 23 Uhr dem Ende zu. Honegger verschwindet hinter die Kulissen - in ein kleines Schlaraffenland. Alkohol, Zigaretten und Esswaren stapeln sich hier in Regalen und Kisten. Gleich von hier hinten kann er die Glasvitrine wieder komplettieren. Früher musste er den Nachschub noch mühsam nach vorne schleppen. «Red Bull, Cola und Bier könnte man fast halbstündlich nachfüllen», sagt er und macht sich rasch wieder auf den Weg in den Laden, um seinen Kollegen zu unterstützen. Die Türglocke hat wieder mehrere Käufer angekündigt.

ALLE KENNEN SICH
Bostanci unterhält sich gerade mit einer Kundin über deren Sommerferien. «Wie war das Wetter? Wo wart Ihr denn genau? Ach, am selben Ort wie schon beim letzten Mal!» Man kennt sich hier. Schätzungsweise zwischen 60 bis 70 Prozent sind Stammkunden. Auch Bostanci war einer. 2002 hat der gelernte Maschinenschlosser mit türkischen Wurzeln in der Tankstelle als Reinigungskraft-Aushilfe begonnen, bevor er eine Festanstellung als Verkäufer erhielt. «Nur etwa zehn Prozent der Menschen sind dafür gemacht, nachts zu arbeiten - ich bin einer von ihnen», sagt der Familienvater stolz. Und ergänzt: «Tankstellen-Angestellter zu sein war ein Bubentraum von mir.» Man glaubt es ihm:

Jetzt gönnt er sich eine kurze Rauchpause. «Tagsüber wird hinter dem Laden geraucht», erklärt er und zieht hastig an seinem Glimmstängel. «Nachts machen wir direkt vor der Tür Pause - um den Ansturm im Auge zu behalten, aber auch aus Sicherheitsgründen.» Auf den Alarmknopf drücken musste er bisher aber noch nie. Auch sein Kollege Honegger nicht. «Hier passieren wenige Überfälle», weiss er. «Der letzte war vor ungefähr acht Jahren. Das war aber nur ein Pseudo-Übergriff, und ich war zum Glück nicht da.» Ein Pseudo-Übergriff? «Die haben bloss wild mit Messern herumgefuchtelt, sind am Schluss aber leer ausgegangen.» Gerade weil hier immer so viel Betrieb herrsche, sei die Sicherheit gross.

Für den Fall, dass sich doch einmal Ganoven im Shop zu schaffen machen, ist man gewappnet. Der «Auto Shop Hutter» verfügt über «modernste Alarmanlagen der Schweiz, welche direkt mit der Stadtpolizei Winterthur verbunden sind» - so wird es auf einem Screen in der Endlosschleife propagiert. Ein Einspieler mit Feuer-Szenario untermauert die Parole. «Lösen wir den Alarm aus, schliessen die Türen sofort und die Polizei wird automatisch alarmiert», erklärt Bostanci.

«TAXIFAHREN IST WIE FISCHEN»
Jetzt überschreiten zwei heimische Taxifahrer die Türschwelle. Fast jede Nacht treffen sie sich hier zu einer Kaffepause und einem kurzen Schwatz an den Stehtischen. «Es gibt in Winterthur ja nur noch eine weitere Tankstelle, die 24 Stunden geöffnet ist», klagt der eine. Dann wird über die laufenden Geschäfte gefachsimpelt. Taxifahren sei nun mal «wie Fischen», sagt der eine. «Man weiss nie, was zusteigt.»

Mitternacht ist längst vorbei, und tatsächlich ist inzwischen etwas Ruhe eingekehrt. Menschenleer ist das Lokal dennoch nie. Und auch der Gebäck-Ofen ist pausenlos in Betrieb. Es wird gekauft, geredet und ab und an getankt. Immer wieder bilden sich - vorwiegend männliche - Gesprächsgruppen im und um den Shop herum. Noch einmal gönnen sich die zwei Gastgeber eine kurze Pause. Sie wissen: Um drei Uhr kommt der nächste Ansturm. Dann, wenn die Partygänger vom Ausgang zurückkehren und die Club-Angestellten Feierabend machen. Aber erst dann, wenn die ersten Menschen zur Arbeit gehen, werden auch sie sich auf den Heimweg zu ihren Familien machen. Ich werde dann hoffentlich schon lange im Tiefschlaf sein. Mein Besuch im 24-Stunden-Shop hat mich geschlaucht, und ich anerkenne mit Bewunderung: Für die Arbeit als Tankstellen-Verkäufer ist nicht jedermann gemacht.

Sommerserie auf SI online - Teil drei folgt nächste Woche...

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