360°-Video aus Moçambique Nik Hartmann hilft im Kampf gegen Malaria

Einsatz total. Zehn Tage lang bereist Nik Hartmann als Botschafter des Hilfswerks Solidarmed Moçambique. Trotz viel Elend und Armut ist der TV-Star hoffnungsvoller denn je: «Es bewegt sich viel in Afrika. Ich sehe überall Fortschritte.» Erleben Sie Hartmanns Eindrücke hautnah im 360°-Video.

Nichts, keine Reaktion. Fünf Tage alt ist das Baby der 18-jährigen Ana-Paula. Es ist ihr erstes Kind. Und es starrt nur ins Leere. Nik Hartmann, 44, kniet sich neben das Bett und fährt mit der Hand vor dem Gesicht des Säuglings hin und her. Er testet die Reflexe. «Der Kleine hat eine zerebrale Schädigung, oder?», sagt er zu Dr. Camilo, einem kubanischen Arzt, der für drei Jahre hier in Moçambique arbeitet. Der schaut den Besucher aus der Schweiz etwas erstaunt an. Er weiss nicht, dass Nik Hartmanns dritter Sohn, Melchior, ebenfalls mit einer zerebralen Schädigung zur Welt kam.

Im Bett nebenan liegt Victorino, 21 Monate alt. Das vierte Kind von Miralene, 25. Fünfzehn Kilometer hat sie den Kleinen hierhergetragen, bei glühender Hitze. Dr. Camilo: «Victorino hat eine schwere Malaria. Er kam stark dehydriert hier an, hatte Durchfall und ein katastrophales Blutbild.» Nik fragt: «Wird er überleben?» Dr. Camilo zuckt mit den Schultern. «Wir setzen unser ganzes Arsenal ein. Retten kann ihn allenfalls eine Bluttransfusion. Doch wir haben keine Blutreserven und hoffen auf einen Verwandten, der Blut spendet.»

«Ich versuche, die Emotionen zu kontrollieren»

Seit einer Stunde führt Dr. Camilo den Schweizer TV-Star durch das Krankenhaus von Chiúre im Norden von Moçambique. Als Botschafter des Hilfswerks Solidarmed bereist Nik Hartmann das Land bereits zum zweiten Mal. Das Spital in Chiúre ist das einzige für 400'000 Menschen in der Region. «Ich versuche, bei solchen Spitalbesuchen die Emotionen zu kontrollieren», sagt Nik. Einfach ist das nicht. Denn bis die Patienten hier ankommen, ist es oft zu spät. Die ersten Opfer: schwangere Frauen und kleine Kinder. Die Ursachen: Malaria, Mangelernährung, Durchfallerkrankungen.

In Zimmer Nummer 3 – endlich – ein glückliches Gesicht. Die 25-jährige Marta Antonia hat vor wenigen Stunden ihr viertes Kind zur Welt gebracht. Er sei gesund und stark wie all ihre Kinder, sagt sie. Und drückt Nik ihren Kleinen in die Arme. «Obrigado» – danke –, sagt Nik auf Portugiesisch. Wie der Junge heisse, lässt er fragen. «Einen Namen gibts erst, wenn die Nabelschnur abfällt. So will es die Tradition», erklärt man ihm.

Ein paar Stunden später sitzt Nik Hartmann auf der Veranda des Ärztehauses von Solidarmed und raucht eine Zigarette. Wie immer, wenn es eindunkelt, trägt er ein langes Shirt, lange Hosen und riecht nach Antibrumm. Gerade hat er sich nach dem Zustand von Victorino erkundigt. Er habe eine Bluttransfusion erhalten, so Dr. Camilo. Aber vielleicht sei es schon zu spät.

Der Spitalbesuch heute war intensiv, betrübt ist Hartmann aber nicht. Nach einem halben Dutzend Afrikabesuche weiss er: Wer in Afrika nur auf das schaut, was im Argen liegt, macht sich verrückt. Besser, man orientiert sich an den Fortschritten. Und so sagt Nik: «Vor acht Jahren war Chiúre ein grösseres Dorf ohne Infrastruktur. Jetzt ist der Ort ein Städtchen mit einem Spital, das richtig gut funktioniert.» Selbst das einzige Hotel im Ort hat sich zu einem sauberen Ein-Stern-Gästehaus entwickelt.

«Ich bin als Botschafter eines Hilfswerks nur glaubwürdig, wenn ich die Verhältnisse vor Ort kenne», sagt er. Deshalb beginnt am Tag darauf Niks Reise durchs nördliche Hinterland von Moçambique. Schon bald enden die geteerten Strassen, der Geländewagen zieht auf den Schotterpisten eine mächtige rote Staubfahne mit sich. In den Dörfern mit ihren Strohhütten sind überall Kinderscharen unter den Mango-Bäumen. Denn um diese Jahreszeit hängen die reifen Früchte an den Ästen, und die Kinder versuchen mit Stecken oder Steinen, die Mangos zu Boden zu bringen.

In den wenigen Krankenstationen, die in den ruralen Gebieten die medizinische Grundversorgung sicherstellen sollen, macht sich Nik ein Bild von der Lage. Auf seinen Reisen hat er sich viel Wissen angeeignet. Er stellt dem Personal präzise Fragen zu Behandlungsmethoden und begutachtet mit geschultem Blick die Medikamentenvorräte. «Vor acht Jahren hatte es hier praktisch nichts. Jetzt hats Paracetamol, Breitband-Antibiotika und HIV-Medikamente.» Es sei ein Prozess im Gange, erklärt die Verantwortliche der Krankenstation in einem Ort namens Namogelia. «Die Leute kennen die Krankheitssymptome immer besser und suchen heute schneller Hilfe. Das rettet Leben.» Einige Schwierigkeiten seien aber kaum lösbar. «Die Krankenstationen sind noch immer schwer erreichbar, das medizinische Angebot ist beschränkt, und die fähigsten Krankenschwestern ziehen bald weiter. Dahin, wo sie mehr Geld verdienen.»

Nach weiteren Stunden auf Schotterpisten – wenigstens ist die Landschaft atemberaubend schön – landet Nik schliesslich in einem kleinen Dorf namens Savanune. Dort schlägt er sein Lager für die Nacht auf. Zuerst muss er sich aber vorstellen: und zwar beim Dorfchef, beim Dorfpolizisten, dem Dorfrichter und dem politischen Abgeordneten. Die Verantwortlichen von Savanune begegnen Nik mit Respekt, aber ohne übertriebene Ehrfurcht. «Die Leute haben heute ein gesundes Selbstvertrauen. Das gefällt mir.»

Nik und die Männer setzen sich unter ein Strohdach, dann berichten die Einheimischen dem Schweizer Gast aus ihrem Leben und von ihren Schwierigkeiten. Wie immer um diese Jahreszeit seien die Essensvorräte aufgebraucht. Jetzt gelte es, irgendwie die Zeit bis zur nächsten Ernte zu überbrücken. Allerdings hat noch nicht mal die Regenzeit begonnen. Und im nahe gelegenen Fluss Lurio fängt man nur wenig Essbares.

Weisse Besucher sind wie Ausserirdische

Wie viele Einwohner Savanune hat, möchte Nik wissen. «2555», sagt der Dorfchef dienstbeflissen. So als hätte er seine Schäfchen gerade heute Morgen durchgezählt. Und etwa 300 dieser Bewohner werden zu Niks ständigen Begleitern: Es sind die kleinen und grossen Kinder, für die der weisse Besucher wie ein Ausserirdischer ist. Wenn er durchs Dorf spaziert, folgen sie ihm auf Schritt und Tritt. Die Neugierigen streicheln ihm über die weissen Arme. Und die ganz Mutigen versuchen, sein Haar zu berühren.

In Savanune ist Nik voll bi dä Lüt. So wie er es mag: ungefiltert. Und wenig erstaunlich: Auch ohne sprachliche Verständigung gewinnt er die Menschen für sich. Wohl aus den gleichen Gründen, weshalb er in der Schweiz ein TV-Liebling ist: weil er die Menschen mag. Und weil er ihnen mit Respekt begegnet und sich echt für sie interessiert. Schnell fallen auch die sprachlichen Barrieren. Jedenfalls brüllen die Kinder von Savanune schon bald Schlachtrufe des EV Zug (bei fast 40 Grad!), zählen auf Schweizerdeutsch auf zehn und sagen: «Keis Problem, Mann» – akzentfrei. Die meisten Kinder tragen zerschlissene Kleider, und aufgrund des einseitigen Speiseplans sind die meisten mangelernährt. Doch die kindliche Lebensfreude ist stärker.

Luxus gibts in Savanune auch für Nik keinen. Das Nachtessen wird über dem offenen Feuer zubereitet, gegessen wird am Boden, und als Bett dient eine Holzliege unter freiem Himmel. Aber an Schlaf ist lange Zeit ohnehin nicht zu denken: Denn ein grandioser Vollmond erhellt die Nacht und sorgt für eine magische Stimmung. «Jeder Moment brennt sich ins Gedächtnis ein. Davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen», sagt Nik.

Als am kommenden Tag um halb fünf die Sonne aufgeht, dauert es noch eine halbe Stunde, bis die Kinder Niks Hütte wieder umzingeln. Zeit genug, um in Ruhe die Zähne zu putzen und aufs Klo zu gehen, das nichts weiter als ein Erdloch hinter einer Strohwand ist. «Aber es fehlt einem eigentlich nichts», sagt Nik. «Im Gegenteil. Es fühlt sich völlig normal an, so zu schlafen, so zu essen, so zu sein.»

Solange es nicht zu heiss ist, wird in Savanune fleissig gearbeitet. Um fünf Uhr morgens sind im Dorf alle auf den Beinen. Frauen waschen Wäsche, Männer schlagen Pflöcke für eine neue Hütte ein oder tragen Brennholz heran. Und die Fischer schleppen ihre Netze zum Fluss. An diesem Tag vergebliche Liebesmüh. Denn Nik begleitet die Fischer. Er hat aber eine Kinderschar im Schlepptau. Und die springt begeistert in den Fluss und verscheucht garantiert jeden Fisch.

Nach den Tagen in den Dörfern fühlt sich die Rückfahrt ins städtische Chiúre wie eine Zeitreise zurück in die Zukunft an. In der Stadt angekommen, sind alle müde, verschwitzt und von den Schotterpisten durchgeschüttelt. Der Plan der Gruppe ist klar: ab ins Hotel. Niks Plan ist ebenfalls klar: ab ins Spital. «Ich möchte wissen, wie es Victorino geht. Wer kommt mit?» Klar, alle.

Im Spital ist das Bett von Victorino verwaist. Nik schluckt leer – und macht sich auf die Suche nach Dr. Camilo. Und der ruft schon von Weitem: «I’m happy!» Victorino sei mit seiner Mutter Miralene im Garten. Nik vergewissert sich – und tatsächlich, da ist der Kleine. Nicht gerade putzmunter, aber immerhin lebendig. Richtig zufrieden ist Nik trotzdem nicht. «Dass ein Spital für 400 000 Menschen keine Blutreserven hat, ist unglaublich.» Sein Plan: «Ich gehe Blut spenden. Wer kommt mit?» Klar, alle. Und so geht Nik voran und legt sich tapfer auf den Schragen, obwohl er schon beim Betrachten der Nadel etwas bleich wird.

«Ich weiss, damit werde ich nicht viel bewegen», sagt Nik ein paar Stunden später auf der Veranda des Ärztehauses. Aber wenn nur schon ein Kind weniger leiden muss, habe sich sein Engagement für Solidarmed bereits gelohnt. «Vielleicht dauert es ja nochmals eine Generation, bis sich die Situation hier nachhaltig verbessert.» Doch nach zehn Tagen Moçambique weiss Nik: «Wir müssen anfangen, mehr Erfolgsstorys aus Afrika zu verbreiten. Ich sehe viele modern denkende Menschen, die in den Startlöchern für ein besseres Leben stehen.»?

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