Der Gold-Fischer Nino Niederreiters grosse Ziele in Amerika

Jung, sympathisch, hoch talentiert: Der Churer Nino Niederreiter ist der Spektakelmacher im Schweizer Eishockey. Mit seinem Team Minnesota Wild will er den Stanley Cup gewinnen. Daheim fängt er kleinere Fische. Und in Alaska musste er schon vor einem Bären fliehen. 
Nino Niederreiter
© Joseph Khakshouri

Innere Ruhe finden: «Ich bin ein Stressmensch. Aber am Wasser kann ich richtig abschalten», sagt Nino Niederreiter am Hinterrhein.

Die Wolken hängen tief über den Bündner Alpen, ein Gewitter kündigt sich mit einem Grollen an, der Hinterrhein pflügt mit Macht talabwärts. Nino Niederreiter, 24, lässt sich durch die gewaltigen Wassermassen nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Knietief steht er in seinen Fischerstiefeln im Fluss und wirft den Köder aus: «Bei Regenwetter und trübem Wasser ist die Fangchance am grössten.»

Im Trüben fischt der Bündner normalerweise nicht. Als Eishockeyspieler war er schon im Juniorenalter so begabt, dass er es sich leisten konnte, die Lehre als Heizungsmonteur nach zwei Wochen hinzuschmeissen: «Ich habe schnell realisiert, dass sich diese Ausbildung nicht mit dem Spitzensport vereinbaren lässt.» Niederreiter bezeichnet sich als «Heimwehschweizer» und die Schweiz als «Paradies».

Doch er strebte den Erfolg stets mit unhelvetischer Zielstrebigkeit an – und erhielt recht: Als 17-Jähriger gewann er mit Davos die Schweizer Meisterschaft, als 18-Jähriger führte er die Schweizer Junioren in den Halbfinal der U20-WM und gewann vier Monate später mit dem A-Team sensationell WM-Silber. Am 13. Oktober 2010 erzielte er für die New York Islanders sein erstes Tor in der NHL. Niederreiter ist der jüngste Torschütze in der Klubgeschichte und der viertjüngste in der Liga-Historie. Der legendäre kanadische Fernsehreporter Bob McKenzie verlieh ihm den Spitznamen El Niño: «Das ist schon ziemlich cool», sagt Niederreiter mit einem spitzbübischen Lächeln.

Nino Niederreiter
© Joseph Khakshouri

Petri Heil! Vor dem Elternhaus in Chur macht sich Nino auf zur Fischjagd.

Naturgewalten entladen sich an diesem August-Abend auch über der Viamala. Niederreiter ist wetterfest. «Das Erleben der Natur ist eine wunderbare Sache.» Beim Fischen – in der Schweiz am liebsten mit seinem Vater René – kann er dieses Erlebnis mit seinem grossen Hobby verbinden und Energie schöpfen für die nahende Eishockey-Saison: «Ich bin ein Stressmensch», sagt er über sich selber, «aber am Wasser kann ich abschalten und zu innerer Ruhe finden.»

Vor sechs Wochen schnellte sein Puls trotzdem in die Höhe. Er hatte seinem Vater zu dessen 60. Geburtstag eine Reise nach Alaska geschenkt und dort die Rute nach den mächtigen Königslachsen ausgeworfen. «Fischen in Alaska ist wie Eishockey spielen im Stanley Cup», sagt Niederreiter. Doch diesmal war der Gegner von übermenschlichen Kräften. Ein Braunbär interessierte sich plötzlich für den Fisch, der bei Niederreiter angebissen hatte: «Ich musste abwägen, ob ich den Lachs rausziehe – und so dem Bären das Essen streitig mache.» Niederreiter wählte den Weg der Vernunft: «Ich liess den Fisch schwimmen.» Der Lachs und die Schweizer Eishockey-Fans danken es ihm.

Mit leeren Händen reisten die Niederreiters trotzdem nicht nach Hause. Den Fang liessen sie vor Ort verarbeiten und räuchern. Nun erwarten sie eine Lieferung von 70 Kilogramm Wildlachs: «Bei uns wird in den nächsten Monaten wohl oft Fisch gegessen.» Neben seinen Eltern können sich die Schwestern Romina, 27, und Lorena, 29, sowie deren Ehemänner Fabio und Damian über die exklusive Lebensmittellieferung freuen. Und auch Ninos Göttibuben Nico und Genaro werden grosszügig verköstigt.

Seinen grössten Fang machte Niederreiter in diesem Sommer aber am Verhandlungstisch. Nach zähem Ringen erhielt er von seinem NHL-Klub Minnesota Wild einen mit jährlich fünf Millionen Dollar dotierten Fünfjahresvertrag. Das macht ihn zum bestverdienenden Schweizer Eishockeyspieler und zu einem Mann, der schon mit 24 Jahren der finanziellen Unabhängigkeit nahe steht: «Ich müsste schon sehr dumm tun, wenn es nicht so wäre», sagt Niederreiter, der diese «Lebensversicherung» als Wertschätzung für seine Arbeit und seinen Aufwand betrachtet: «Der Lohn ist auch Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung des Eishockeys in Nordamerika.»

Trotz dem aussergewöhnlichen Salär macht Niederreiter einen sehr geerdeten und bodenständigen Eindruck: «Meine Eltern haben mir Werte und Ansichten vermittelt, die es mir verbieten, abzuheben oder zu vergessen, woher ich komme.» Nicht zufällig baut er derzeit in der Nähe des Elternhauses sein eigenes Heim: «Ich bin ein richtiger Schweizer – und in Chur sind meine Wurzeln.»

Sportlich strebt er seine Ziele aber in Nordamerika an: «Mein grosser Traum ist es, den Stanley Cup zu gewinnen. Und in Minnesota haben wir eine Mannschaft mit ausgezeichneten Perspektiven. Wenn sich eine Chance bietet, muss man zupacken.» Bevor er Anfang September nach Minnesota zurückkehrt, trainiert Niederreiter mit dem HC Davos – und macht den Bündner Fischen das Leben schwer.

Nino Niederreiter
© Joseph Khakshouri

Fang des Tages: Niederreiter wäscht den Bündner Fisch.

Obwohl das Einholen eines grossen Fanges in die Knochen gehen kann, blendet er bei seinem Hobby den Leistungsgedanken aus: «Ich bin kein Wettfischer – und ich rege mich nicht auf, wenn ich mal nur den Wurm bade.» Mit Beginn der Eiszeit in Nordamerika wird sich das garantiert ändern. Dann fegt El Niño mit Eleganz, Gewalt und Zielsicherheit durch die NHL-Stadien. Für die Konkurrenz gilt das Gleiche wie an diesem August-Abend im Bündnerland: Sturmwarnung!

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