Der Ausgleich zum Spitzensport Oliver Hegi ganz privat nach dem EM-Gold

Mit 25 Jahren ist der Aargauer Oliver Hegi Kunstturn-Europameister. Zu Besuch bei einem Perfektionisten, der sich immer zügeln muss.
Oliver Hegi
© Remo Nägeli

Idylle: Oliver Hegi vor dem Pool im elterlichen Haus in Schafisheim AG.

Was er tut, will er beherrschen. Irgendwie zieht sich das wie ein roter Faden durch sein Leben. Oliver Hegi sitzt im Sofa auf der Veranda des elterlichen Hauses in Schafisheim AG. An seinen rechten Oberschenkel schmiegt sich eine Konzertgitarre. Mit Leichtigkeit improvisiert er eine Melodie. Seine Finger wirbeln über die Saiten. Zuerst etwas Spanisches, dann etwas Nordafrikanisches, dann die Titelmelodie einer TV-Serie. Das ist so gut, dass es jetzt spielerisch wirkt. Aber Hegi winkt ab. «Ich bin zwar ein Perfektionist. Das ist das Thema meines Lebens. Wenn ich es gut machen will, dann gebe ich mich nicht mit Durchschnitt zufrieden. Aber das Gitarre-Spielen ist vielleicht die Ausnahme. Das macht einfach Spass.»

Sein musikalisches Können hält er für ansprechend, aber nicht herausragend. Trotzdem: Drei Jahre lang spielt er drei Stunden – täglich. «Ich wollte nicht wie die meisten sein», sagt er. Das ist die Welt des Oliver Hegi.

Oliver Hegi
© Remo Nägeli

Zum Könner gereift: Hegi spielt exzellent Gitarre, will dies aber nicht an die grosse Glocke hängen.

Vor zwei Wochen hat er sich belohnt. Fürs Anderssein. Für die 19 Jahre im Kunstturnen. Für die Beharrlichkeit, den Biss, für seine Liebe zum Sport. An der EM in Glasgow gewinnt er Bronze am Barren und Gold am Reck, dem Königsgerät. Mit einer schwierigen Übung, die er makellos durchzieht. Er wirbelt durch die Luft, dreht sich, hebt wieder ab. Am Ende donnert er mit beiden Füssen auf den Boden. Und steht da wie ein Ausrufezeichen. Er ist am Ziel.

Oliver Hegi
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Traumtag: In Glasgow turnt Oliver Hegi am Reck souverän zu EM-Gold.

An diesem Punkt eines Lebens würden sich die meisten unendlich feiern lassen, zumindest für den Rest des Sommers. Hegi hat zwei Tage frei, dann geht seine Arbeit in Magglingen weiter. Es gibt einen Empfang im kantonalen Kunstturnzentrum in Niederlenz AG. Ein Gemeinderat will ihm auch noch die Hand schütteln. Das wärs dann. «Manchmal ist unser Sport etwas undankbar. Dass wir nie zurücklehnen können. Körperlich und mental nie abschalten», sagt Hegi. Denn Ende Oktober fliegt er an die WM nach Doha. Wer schläft, verliert.

Die Hegis sind im Element, wenn sich etwas bewegt. Vater Max war Sportlehrer. Das färbt ab. Olivers ältester Bruder Daniel, 32, unterrichtet Sport am KV, Fabian, 31, ist Fitnesstrainer, und Tobias, 29, war einst ein begabter Kunstturner, ehe er von einem Rückenleiden gestoppt wurde.

Oliver Hegi
© Remo Nägeli

Heimat: Oliver Hegi mit seinen Eltern Max und Esther in Schafisheim AG, wo er an den Wochenenden noch immer wohnt.

Oliver ist fünf, als ihn Mutter Esther mitnimmt, um Tobias vom Training abzuholen. «Da hat es mich gepackt», sagt er. Mit sechs klettert er selber auf die Geräte, mit sieben turnt er die ersten Wettkämpfe. «Zuerst gings nur ums Austoben. Mit zehn merkte ich, dass mehr möglich ist.»

Oliver erreicht erstmals ein Podest, turnt im kantonalen Leistungszentrum. Wenn er fällt, steht er wieder auf. Hört nie auf. Bis er es kann. Gelingt etwas nicht, kann er toben. Mit 13 misst er sich bereits im Ausland an Wettkämpfen, mit 17 hat er die Option, ins nationale Sportzentrum nach Magglingen zu wechseln. «Es war zwar beängstigend, aber alle rieten mir dazu. Denn du brauchst Konkurrenz.»

Oliver Hegi
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Zeitvertreib: Oliver spielt mit den Brüdern Daniel und Fabian und Daniels Freundin Jenny (v. l.) Brändi Dog.

Oliver hat es nie bereut, alles auf diese Karte zu setzen. Auch wenn er auf dem Weg zur Vollendung gelernt hat, dass ihm sein Perfektionismus nicht nur nützt, sondern auch im Weg stehen kann. «Als ich sechs Geräte turnte und bei einem nicht gut war, war für mich der Tag gelaufen. Also liefen die anderen auch nicht mehr. Beim Darts-Spielen traf ich die Triple 20 einmal nicht. Ich dachte nur: Da kannst du gleich aufhören.»

Mentaltrainer helfen ihm, seinen Hang zur Selbstzerfleischung zu verändern und zu verstehen, dass er nicht alles auf Anhieb können muss. «Ich weiss jetzt: Ich kann auch mit einem Fehler Grossartiges erreichen.»

Er sucht nach Hobbys, damit sein Kopf sich nicht ständig ums Kunstturnen dreht. Mit der Freundin kocht er. Sie backen auch. Brot, zuckerlose Muffins und Brownies. Mit den Brüdern peilt er das Gleitschirmflieger-Brevet an. Die vergangenen paar Monate hat er gebastelt, Dekos gemacht. Jetzt versucht er, die Weltkarte auf einer Holzplatte mit Nägeln darzustellen, die er mit Schnüren verbindet.

Oliver Hegi
© Remo Nägeli

Kindheit: Oliver (vorne) mit seinen Brüdern Tobias, Fabian und Daniel.

Von Montag bis Samstagmittag aber turnt er. Inmitten dieses Teams, das so talentiert ist. In dem er mit Europameister Pablo Brägger als Leader wirkt. «Mit Pablo verbindet mich viel», sagt er. «Wir turnen zusammen, seit wir 13 sind, haben unser halbes Leben zusammen verbracht. Wir spornen uns gegenseitig an. Er hat genauso viel trainiert wie ich, wenn nicht mehr. Ich gönne ihm alles. Und er mir.»

Die beiden hoffen auf die WM im Oktober. Und dann? Das Fernziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Bis dahin will Oliver noch die eine oder andere Schwierigkeit in seine Reckübung einbauen. 2021 findet die Heim-EM in Basel statt. «Für mich ist es das Ende eines Zyklus.» Bis dahin geht noch etwas. In Magglingen versucht Hegi sich auch wieder in derPflanzenzucht. Nur der Basilikum will ums Verrecken nicht wachsen. Oliver beginnt von Neuem. Bis er es kann.

Mit dieser Performance holt sich Oliver Hegi gold:

 
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