Schweizer Oscar-Hoffnungen I Claude Barras, der Puppen-Spieler

Mit Claude Barras und Jean de Meuron träumen zwei Schweizer vom begehrtesten Goldmännchen der Filmwelt. Der Nachkomme eines Walliser Bauern und der Sohn eines Stararchitekten berühren Hollywood. Im ersten Teil: der Walliser Claude Barras.
Oscars 2017 Gewinner Nominierte Claude Barras
© Nicolas Righetti

Claude Barras in seinem Studio, wo bereits wieder eine Kulisse für einen neuen Kurzfilm bereitsteht.

Kurz nach der zweiten Werbepause schloss sich Claude Barras, 44, auf der Toilette ein. «Ich hatte eine Panikattacke», sagt der gebürtige Walliser lachend. Es war an den Golden Globes Anfang Januar. Barras' hinreissender Stop-Motion-Film «Ma vie de Courgette» war als bester Animationsfilm nominiert. «Ich hatte mir keine Chance ausgerechnet und keine Rede vorbereitet», erinnert sich Barras in seinem Studio Helium Films in Lausanne VD. «Als mir dann aber alle Journalisten sagten, sie hätten für meinen Film abgestimmt, da wurde ich nervös!» Auf der Toilette kritzelte Barras ein paar Worte auf einen Zettel - gewonnen hatte dann aber Disneys «Zootopia».

Am 26. Februar könnte Barras in eine ähnliche Situation geraten - an den 89. Academy Awards in Los Angeles. Noch nie in der über 70 Jahre währenden Geschichte des Wettbewerbs wurde ein Schweizer Regisseur in dieser Kategorie nominiert. «Als ich und mein Team von der Nomination erfuhren, haben wir vor Freude Luftsprünge gemacht.»

Damit aber nicht genug: Die berührende Geschichte des kleinen Waisenjungen Courgette, die seit dieser Woche nun endlich auch in den Deutschschweizer Kinos zu sehen ist, wurde insgesamt mit 30 Preisen ausgezeichnet. Barras ist soeben aus L. A. zurück, wo er am legendären Oscar-Luncheon war. «Nie hätte ich mir das im Traum einfallen lassen.» Dabei war es gerade diese Fähigkeit zu träumen, die den fantasievollen, aber auch scheuen und introvertierten Sohn von Walliser Weinbauern dazu veranlasst hatte, Beruf und Berufung in der Animation zu sehen. «Ich habe als Kind viele Filme geschaut: von ‹Bambi› bis ‹Himmel über Berlin›. Ich wollte mit ‹Courgette› dieses Gefühl teilen, die diese Filme bei mir als Kind ausgelöst haben.» Das ist ihm gelungen. Trotz der Schwere des Themas - die Story handelt von misshandelten Waisenkindern - schafft es Barras dank poetischer Leichtigkeit, aber auch humorvoller Fantasie Gross und Klein zu begeistern.

Beziehungsstatus: «it's complicated»

«Es ist schön, dass unsere Arbeit so wertgeschätzt wird.» Sein Arbeitsort sieht mehr nach Werkstatt als Filmstudio aus: Schachteln und Kisten voller Stoffe, Drähte, Kabel. Zwölf Angestellte werkeln bereits wieder in minutiöser Kleinstarbeit am nächsten Kurzfilm. Für einen Stop-Motion-Film müssen die Puppen mit minimalsten Bewegungen verändert werden, damit es eine fliessende Bewegung gibt. Bei «Courgette» drehte ein Animator pro Tag rund drei Sekunden Film. Kein Wunder, haben die Dreharbeiten über zwei Jahre gedauert - bei 54 Puppen und 60 gebauten Kulissen.

Höhepunkt dieses Aufwandes ist nun die Nomination als bester Animationsfilm an den Academy Awards. Barras, der seinen Beziehungsstatus als «it's complicated» bezeichnet, reist ohne weibliche Begleitung, dafür mit seinen Produzenten nach Los Angeles. Dieses Mal hat er eine Rede vorbereitet. «Aber mein Englisch ist sehr rudimentär. Ich würde sicher wieder eine Panikattacke kriegen.» Eine, die man ihm jedoch wünscht.

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