Aufruhr in der Natur am ZFF «Paradise War» zeigt den Kampf von Bruno Manser

«Gian Kenin» bedeutet in der Sprache der Penan «grosses Herz». In «Paradise War» zeigen die Filmmaker-Award-Gewinner 2017 den Kampf des Stammes an der Seite von Bruno Manser.
Paradise War
© Tomas Wüthrich

Mitten im indonesischen Urwald hat die Crew um den Schweizer Regisseur Niklaus Hilber, 48, und den Produzenten Valentin Greutert, 43, für sechs Wochen ihr Camp aufgeschlagen. Mit dabei 108 Crew-Mitglieder aus Europa, Malaysia und Indonesien plus Schauspieler aus der Schweiz und dem Stamm der Penan. Das gemeinsame Ziel: den Spielfilm «Paradise War» rund um den Schweizer Umweltaktivisten Bruno Manser (gespielt von Sven Schelker) und dessen Einsatz für die Penan – und somit gegen die Regenwaldabholzung – so real wie möglich zu inszenieren.

«Paradise War»
© Tomas Wüthrich
Abenteuer: Auf den Spuren von Bruno Manser. Sven Schelker verkörpert den Basler Umweltaktivisten in «Paradise War».

Eine Authentizität mit politischer Schlagkraft – das wollen Niklaus Hilber («Ziellos», «Amateur Teens») und Valentin Greutert (A Film Company) mit «Paradise War» schaffen. «Die heute noch immer herrschende Dringlichkeit des Themas sollte zu spüren sein», erklärt Greutert. «Deshalb wollten wir unbedingt mit Stammesangehörigen arbeiten.» 

Die indigene Volksgruppe lebt im Urwald der Insel Borneo. Jedoch ist ihr Zuhause nicht nur seit Jahren bedroht, sondern fällt zunehmend der industriellen Rodung zum Opfer. «Unser Film ist eine offene Story mit realen Menschen, die direkt vom Konflikt betroffen sind», so Hilber. «Manser war damals derjenige, der ihnen sagte: Ihr müsst euch den Holzfällern stellen, die gehen nicht von alleine weg.» Der Basler Manser lebte und kämpfte von 1984 bis 1990 mit dem Volk und passte sich seiner Lebensweise an. Seit Mai 2000 gilt der Schweizer Ethnologe als verschollen. 

«Paradise War»
© Tomas Wüthrich
Der Feind: Auf Borneo roden Holzfäller den Regenwald ab. «Auf Manser war ein Kopfgeld von 50 000 Dollar ausgesetzt», so Niklaus Hilber.

Die Persönlichkeit von Bruno Manser war für Niklaus Hilber auch der Schlüssel, um das Herz der Penan für sich und das Filmprojekt zu gewinnen – zur Begrüssung und zum Dank sagen diese «Gian Kenin» – «grosses Herz»

Indigene Schauspieler

Mit einem Guide, einem Assistenten und einem Fahrer machte sich Niklaus Hilber per Jeep, Boot und zu Fuss in den Regenwald von Sarawak auf, um einige von ihnen als schauspielernde Protagonisten zu akquirieren. «Wir wollten unser Projekt vorstellen, sie motivieren, ans Casting zu kommen – viele waren jedoch auf dem Reisfeld oder auf der Jagd», erinnert sich Hilber.

«Zudem sind die Penan zurückhaltende, ruhige Menschen, die nicht sagen, wenn ihnen etwas nicht passt. Das Schwierige war dann, ihr Vertrauen zu gewinnen.» Schliesslich kamen die gewillten Personen nicht nur vom Regenwald in die Filmwelt, sondern brauchten auch den Mut, drei Flüge von Borneo nach Indonesien zu begehen und drei Monate in einem fremden Land zu verbringen. «Das Ganze war ein soziales Experiment.»

«Paradise War»
© Tomas Wüthrich

Die Crew: Regisseur Niklaus Hilber im Gespräch mit dem Darsteller Sven Schelker (Manser).

Der Aufwand hat sich gelohnt. Alle Penan-Schlüsselfiguren und 14 Sprechrollen konnten Hilber und Greutert besetzen. «Sie zeigten vollen und begeisterten Einsatz, denn es geht nicht nur um die Story von ihrem Freund Manser, sondern um ihre eigene Lebensgeschichte, um ihr Schicksal», so Greutert. «Darum, wie ihre Lebensgrundlage von Holzfällern zerstört wird.» 

50 Stunden Filmmaterial

Mittlerweile befindet sich der Film, der 2017 am ZFF den Filmmaker Award des Vereins zur Filmförderung in der Schweiz gewonnen hat, in der Postproduktion. 50 Stunden Filmmaterial haben sie auf 140 Minuten reduziert, noch fehlen Visual Effects und Musik. Das von IWC gesponserte Preisgeld von 100 000 Schweizer Franken floss ins Gesamtbudget von sechs Millionen ein. Ein grosser Beitrag, zumal die Hälfte des Budgets privat finanziert wurde. «Der Filmmaker Award war ein weiterer Baustein mit Strahlkraft. Es ist Supergeld, denn es ist an keine Gegenleistung gekoppelt», so Greutert. «Zudem ist die Marke IWC  mit Prestige verbunden, was unserem Projekt Gewicht verleiht.» 

Voraussichtlicher Filmstart ist im Oktober 2019 – die Premiere vielleicht sogar am Zurich Film Festival. «Es macht stolz, den Film bald zeigen zu können. Dieser Kampf hat sich gelohnt», so Valentin Greutert. Seine und Niklaus Hilbers Bewunderung für das Urwaldvolk ist gross. «Bei uns ist das Individuum so hochgehalten. Bei den Penan ist die Gesellschaft das Wichtigste», so Greutert. «Es gibt keine Leistungsgesellschaft. Das hat etwas Beruhigendes und Entspannendes. Das ist ein Sog.» 

«Paradise War» Niklaus Hilber Valentin Greutert
© Joseph Khakshouri
Auszeichnung: Regisseur Niklaus Hilber und Produzent Valentin Greutert im Kino Kosmos in Zürich. 

Bei der herausfordernden Teamarbeit im Urwald – «wir hatten Riesenschwein: Niemand wurde krank, verunfallte oder fing giftige Bisse ein» – wuchs auch die Achtung vor Bruno Mansers Einsatz und Persönlichkeit. «Niemand weiss, dass er für mehr als ein Dutzend Blockaden verantwortlich war und für die Sache über 4000 Penan aus 26 Dörfern miteinander vereint hat», so Hilber. «Während der Dreharbeiten konnte ich immer besser verstehen, weshalb er sich dafür  so eingesetzt hat.»

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