Pfarrer Ernst Sieber «Ich hüpfte dem Tod wieder einmal von der Bahre»

Halleluja! Pfarrer Ernst Sieber erhält heute Freitagabend den «Prix Courage Lifetime Award» für sein Lebenswerk. Von seiner plötzlichen Krankheit hat sich Gottes Knecht gut erholt. Die Malerei gibt ihm täglich Kraft.
Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Caroline Micaela Hauger

Malen als Medizin: Ernst Sieber schuf das Hirtenbild im Garten der Klinik Susenberg in Zürich. Letzte Woche durfte er wieder nach Hause.

Jetzt ist er da, der Preis fürs Lebenswerk. «Welches Lebenswerk?», fragt Ernst Sieber ernst. «Ich han doch würkli nüüt Bsundrigs gleischtet!» Bescheidenheit ist seine Stärke, Jesus Christus sein Vorbild.

Seit 60 Jahren bewegt der bekannteste Obdachlosenpfarrer in der Schweiz Grosses im Kleinen. Nun wird er für sein Engagement als Held gefeiert: Heute Freitag verleiht ihm die Zeitschrift «Beobachter» den ersten «Prix Courage Lifetime Award».

Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Caroline Micaela Hauger

Kraftquelle: Der ehemalige Bauernknecht hat eine starke Bindung zu Bäumen, Pflanzen, Tieren. «Ich fand über die Natur zum Glauben.»

«Der Tod ist schon lange mein Begleiter»

«Für die Schwachen gebe ich mein letztes Hemd», sagt Sieber, der nun selber Hilfe braucht. Was ist passiert? Mitte September verspürt er ein Stechen im Oberschenkel. Im Zürcher Notfall gibt man Entwarnung und schickt den sonst so quirligen Senior nach Hause. Das Unwohlsein bleibt.

Nach einer erneuten Abklärung wird er ins Spital eingeliefert. Er fühlt sich schwach, ist wackelig auf den Beinen. Drei Wochen bleibt er zur Kur in der Klinik Hirslanden, drei Wochen in der Klinik Susenberg. «Ich bin dem Tod wieder mal von der Bahre gehüpft», meint er schelmisch.

Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Caroline Micaela Hauger

Musikalischer Missionar: Bei einem spontanen Ständchen auf der Gitarre findet Ernst Sieber zur alten Form zurück.

Einen Schutzengel hat er schon 2012, als er mit seinem Renault Scénic in einen Kandelaber kracht. Angst vor dem Sterben? «Der Tod ist schon lange mein Begleiter. Als aktiver Pfarrer hatte ich bis zu 55 Abdankungen pro Jahr.» Wenn es der Herrgott will, wird Sieber am 24. Februar 2018 seinen 91. Geburtstag feiern.

Malen auf der «Leinwand der Armen»

Dank Therapien, der Unterstützung von Ärzten, Schwestern und seiner Familie, der er den «Prix Courage» widmet, geht es ihm wieder gut. Statt sein Schicksal zu bejammern, nutzte Ernst Sieber die letzten schönen Herbsttage, um im Freien zu malen. «Fast täglich arbeitete ich unter dem Ahorn am Hirtenbild.»

Aus Euthal, wo sein Atelier steht, lässt er sich Leinwand, Staffelei und Acrylfarben bringen. Präzise taucht der Autodidakt den Pinsel ins Grün und malt auf rauer Jute, der «Leinwand der Armen», das Fundament für den Hirten und seine Tiere. Besonders ein schneeweisses Zicklein sticht aus der Herde heraus. Erinnerungen ans geliebte Flöckli werden wach: «Die Zeit mit meinen Geissen im Maderanertal zählt zu den schönsten meines Lebens.»

Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Caroline Micaela Hauger

Auge um Auge: Sieber malt den Esel mit Acryl auf raue Jute.

Frömmelei ist ihm zuwider

Als junger Mann war Sieber Bauernknecht. Erst auf dem zweiten Bildungsweg studiert er Theologie. Frömmelei und verkrustete Kirchenstrukturen sind ihm zuwider. «Mein Auftrag ist gelebte Nächstenliebe und Barmherzigkeit», sagt der Missionar im Mantel. Doch was heisst das schon in einer Zeit, wo jeder sich selbst der Nächste ist?

Jesu Botschaft sog er mit der Muttermilch auf. Katharina Josepha Sieber-Hess lebte ihrem Buben vor, was Teilen heisst: «Diese feine Frau tischte in unserem bescheidenen Heim Bedürftigen Suppe auf, bis alle satt waren.» Sein «liäbs Müeti» vermisst er noch heute schmerzlich: «Sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin.»

Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Caroline Micaela Hauger

Bunt wie das Leben: Siebers Malerhände sind seit seiner Kindheit aktiv.

Der Behördenschreck als Gallionsfigur der Drogenhölle

Der Mann mit dem krausen Moses-Bart und den blauen Augen ist kein gewöhnlicher Prediger. Dafür hat er zu viel Charisma. Und eine Mission: 1963 im Jahr der Seegfrörni verschaffte sich der Horgener im bitterkalten Winter erstmals medial Gehör. Kurzerhand erklärte er den Kriegsbunker am Zürcher Helvetiaplatz zu einem «Stück Himmelreich für Randständige».

In den 80er-Jahren wurde der Behördenschreck zur Gallionsfigur der Drogenhölle auf dem Zürcher Platzspitz. Vom «Sune-Egge» bis zum «Pfuusbus»: rund 30 Sozialwerke tragen teilweise seinen Namen. Die Bilder, wie er Randständige aus der Gosse holt, sie herzt, umsorgt, mit ihnen betet, brannten sich ins kollektive Gedächtnis der Schweiz ein. Eine Herzensangelegenheit ist ihm die Weihnachtsfeier im Hotel Marriott in Zürich. Jeden Dezember feiert er mit rund 600 «Brüdern und Schwestern» das Fest der Liebe an einer reichen Tafel.

Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Caroline Micaela Hauger
Noch wackelig auf den Beinen im Klinikpark: «Ich muss jetzt stark sein für meine obdachlosen Brüder und Schwestern.»

«Es gibt noch so viel zu tun»

Fragt man ihn nach den Wurzeln seines Glaubens, erzählt er von der mächtigen Linde auf dem Hirzel ZH. Ihr Stamm ist so riesig, dass es eine Menschenkette braucht, um sie zu umarmen. Von hier sieht man den Föxenhof, wo Ernst als 15-jähriger Knecht den Kühen predigte. Mit Erfolg: «Standen abends alle still im Stall, gabs vom Meister zwei Stutz.» Der Zustupf währte nicht lange: «Ich wurde ihm rasch zu teuer.»

Die Lehrer prophezeiten dem begnadeten Redner eine Karriere als Schauspieler oder Politiker. Als EVP-Nationalrat schaffte er es in den 90er-Jahren tatsächlich ins Bundeshaus. Seine Auftritte waren ein Spektakel! Wortgewaltig forderte er ein eigenes Dorf für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Das Projekt «Brothuuse», eine schweizerdeutsche Übersetzung des hebräischen «Betlehem» wurde 2012 in Affoltern eingeweiht. Weitere Selbsthilfe-Dörfer folgten. Dass er 2004 die Leitung der Sozialwerke Pfarrer Sieber (180 Fachleute, 100 Freiwillige) abgeben musste, nagte am Ego. Auch die Zeit im Spital, wo ihm die Hände gebunden waren, liessen ihn schier verzweifeln: «Es gibt noch so viel zu tun!»

Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Pfarrer Ernst Sieber
Zwiegespräch: Ernst trifft Franz von Assisi. «Mein Bruder im Geiste.» Seine Bilder hofft Sieber bald in einer Ausstellung zeigen zu können.

«Wiä han ich d Suni vermisst»

Just als das Heimweh am stärksten auf die Seele drückt und der letzte Pinselstrich auf dem Hirtenbild getrocknet ist, darf der prominente Patient nach Hause nach Uitikon-Waldegg. Das Erste, was er tut, ist, mit seiner Frau Sonja still in der Küche zu sitzen.

«Wiä han ich d Suni vermisst», sagt er händeringend. Acht Kinder hat das Paar: 4 eigene, 1 adoptiertes, 3 Pflegekinder, dazu 13 Enkel. Die Sängerin mit Engelsstimme hätte Weltkarriere machen können. «Stattdessen hat sie mich geheiratet.»

Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Caroline Micaela Hauger

Starke Bande: Sonja und Ernst Sieber lernten sich in einem Gottesdienst kennen.

60 Jahre ist das jetzt her. Noch immer ist ihre Liebe stark wie am ersten Tag. Ernst Sieber: «Als wir nach einem Spaziergang auf dem Bänkli sassen, kam ein Älpler vorbei, schaute sie an, schaute mich an, kratzte sich am Bart und sagte: ‹Schön Ätti, gosch mit dr Tochter go spaziere.›»

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