Nachruf Pfarrer Ernst Sieber – Eine Leuchtspur der Liebe

Vom Bauernknecht zum berühmtesten Obdachlosenpfarrer der Schweiz: Ernst Sieber war ein feinfühliger Mensch und als Redner ebenso brillant wie provokant. Obwohl der Zürcher 91 Jahre alt wurde, war sein Leben viel zu kurz.

Trotz Tränen und Trauer: Ernst Sieber wusste, dass kaum ein Moment einem so viel fürs weitere Leben mitgibt wie der Abschied. Die Familie an der Seite zu wissen, ist für einen Sterbenden das grösste Geschenk. Samstagnacht schloss der Pfarrer der Herzen im Zürcher Spital Triemli im Kreise seiner Liebsten für immer die Augen.

Dabei hatte er allen Grund, optimistisch zu sein. Nach einer Hirnstreifung im August 2017 war er mehrere Wochen in der Klinik Susenberg in Zürich zur Kur – und erholte sich prächtig. «Wenn chunsch?», fragte er mich damals am Telefon. Es war der letzte milde Sommertag. Und so sassen wir kurz darauf im Park des Sanatoriums, wo er sich während seines Aufenthaltes eine Staffelei aufstellen liess, um an seinem Hirtenbild zu malen.

Pfarrer Ernst Sieber
© Caroline Micaela Hauger

Begabter Künstler: Pfarrer Sieber malt an seinem Hirtenbild.

Sieber war ein begnadeter Handwerker! Seine Figurengruppe aus Bronze auf dem Friedhof in Horgen ZH gehört zum spirituell Stärksten, was ein Schweizer Künstler je erschaffen hat.

Pfarrer Ernst Sieber
© Caroline Micaela Hauger

Handwerker: Siebers Bronzefiguren stehen auf dem Friedhof in Horgen ZH.

Die Stimme voller Urvertrauen

Ernster sah er dann am Geburtstag aus. Der 24. Februar war ein schneefreier, eisiger Tag. Wir brachten Kuchen, wollten nur kurz bleiben. Seine Frau Sonja hegte die Befürchtung, dass ihm der Rummel zu viel würde. Als ich das Wohnzimmer ihres Hauses in Uitikon-Waldegg ZH betrat – diesen musealen Raum voller Wärme, Bilder und Erinnerungen – lag er mit müdem, leerem Blick auf der Couch.

Bis einer der Besucher zur Gitarre griff. Als sei er eben von den Toten auferstanden, richtete sich Ernst Sieber auf. Nahm das Schwyzerörgeli zur Brust. Und gab mit glänzenden Augen ein Ständchen zum Besten. Seine Hände zitterten ein wenig. Doch die Stimme wurde von Zeile zu Zeile fester und war voller Urvertrauen.

Pfarrer Ernst Sieber und Sonja
© Caroline Micaela Hauger

Ernst Sieber mit seiner geliebten Sonja.

Sieber gab den Menschen Liebe

Wie kein Zweiter besass er die Gabe, dass man sich ihm öffnete, Schwäche zeigen konnte. Er gab den Menschen das, was man Liebe nennt. Zeitlebens setzte sich Sieber für Obdachlose, Drogenkranke, Aidspatienten ein. Fast schon zärtlich nannte er sie «meine Brüder und Schwestern». «Weisch, ich kann nicht sagen Clochards, Sozialschmarotzer, Vaganten, Asylanten, Labile, Debile. Nein, für mich sind das Menschen in Not! Und mit denä heb ich zäme.» 

Bereits als Bauernknecht predigte er im Welschland und auf dem Hirzel, wo sein Lebensbaum steht, eine 600-jährige Eiche. «Mein Vorbild ist Franz von Assisi. Ich jodelte und sang an der Stalltüre und zitierte Gebete. Die Kühe schauten mich an. Ich spürte, sie verstehen mich.» Auch nach seinem Theologiestudium als reformierter Pfarrer, das er mit eiserner Disziplin nachholte, wurde er verstanden. Seine Eindringlichkeit machte Eindruck. Ob im Pfuusbus, auf der Kanzel, im Fernsehen – was hatte dieser Pfarrer aus Uitikon-Waldegg für eine Strahlkraft, für ein Format!

Pfarrer Ernst Sieber
© Caroline Micaela Hauger
Lebensbaum: Die 600-jährige Eiche auf dem Hirzel ZH war Ernst Siebers Kraftort. In ihrem Schatten predigte er als Knecht den Kühen. 

Siebers schwere Zeiten

2015 lernte ich seine stille Seite kennen. Eine Woche lang begleitete ich ihn für eine Weihnachts-Reportage in der «Schweizer Illustrierten». Es wurde eine berührende Reise zurück zu seinen Wurzeln. Sie führte uns auch ins Euthal SZ. Im Elternhaus vermittelte ihm seine Mutter Katharina Josepha Sieber-Hess schon als Bub, was christliche Nächstenliebe heisst: «Jeden Mittag teilte ich meinen Teller Suppe mit den Ärmsten des Dorfes.» Mit grosser Klarheit, keckem Selbstbewusstsein und dem ihm eigenen Röntgenblick, mit dem er direkt in die Seele seiner Mitmenschen schaute, forderte er uns auf, das Leben aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Doch wie sah es in seiner eigenen Seele aus?

Der Gründer der Sozialwerke Pfarrer Sieber machte schwere Zeiten durch. 2004 musste er sich von seinem Lebenswerk distanzieren – den von ihm ins Leben gerufenen Stiftungen. Auch sein «Dörfli-Projekt» – eine «Stadt in der Stadt für Randständige» –ging ihm viel zu langsam vorwärts. Dabei wusste der ehemalige EVP-Nationalrat, wie mühsam die Mühlen der Politik mahlen. Seine Frau Sonja, mit der er fast sieben Jahrzehnte verheiratet war und acht Kinder hatte (vier eigene und vier adoptierte), gab ihm immer den nötigen Halt: «Mis Sönneli ist meine Sonne. Ohne sie ists kalt in meinem Herzen.»

Lebensmürbe sei er gewesen, sagen enge Vertraute, altersbedingt. Dass ihn der Herrgott jetzt kurz vor Pfingsten nach einer weiteren Hirnstreifung zu sich rief, war ein typischer Sieber-Streich. Gemäss Neuem Testament erschien den Jüngern an Pfingsten der Heilige Geist. Seinem treuesten Knecht wird der liebe Gott im Himmel ganz sicher ein besonders schönes Plätzchen bereithalten.

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