Ex-SBB-Chef Benedikt Weibel «Die Post hat an Sympathie verloren»

Als langjähriger SBB-Chef hat Benedikt Weibel selber Krisen und Rücktrittsforderungen durchgestanden. Was er Post-Chefin Susanne Ruoff nach dem Postauto-Bschiss rät und warum er Post und Swisscom privatisieren würde.
Ex-SBB-Boss Benedikt Weibel
© Joseph Khakshouri

«Postauto ist ein Stück Heimat»: Benedikt Weibel, 71, am Bahnhof Gstaad BE. Im Saarnenland verbringt er seine Skiferien.

Mit dem Auto ist Benedikt Weibel, 71, in die Skiferien nach Saanenmöser BE gereist. «An Sitzungen im Unterland fahre ich aber mit dem ÖV», sagt der Ex-SBB-Boss. Der Skandal bei der Postauto AG bewegt den Verfechter des Service public. Deshalb nimmt er sich vor einer Skitour gerne Zeit für die «Schweizer Illustrierte». 

Herr Weibel, wann sind Sie das letzte Mal Postauto gefahren?
Vor wenigen Wochen! Da bin ich von Brugg ins Schloss Böttstein gefahren. Ich bin noch oft mit dem Postauto unterwegs.

Was symbolisiert es für Sie?
Ein Stück Heimat. Als Bub hatte ich ein Buch mit einem Postauto darauf, das den Grimselpass hochfährt. Wenn ich ans Postauto denke, habe ich sofort das Dreiklanghorn in den Ohren! Und die steilste Postautostrecke Europas vor Augen. Die liegt im Berner Oberland – vom Kiental auf die Griesalp. Dort haben sie extra kleine Busse, damit sie überhaupt den Hang hinaufmögen.

Nun hat ausgerechnet der Schweizer Vorzeigebetrieb Postauto über Jahre Subventionen in Millionenhöhe erschlichen! Ihre Reaktion?
Ich war total erstaunt! Als die erste Meldung auf meinem Handy erschien, hab ich mir den Artikel sofort ausgedruckt. Als der «Blick» noch Auszüge des Revisionsberichts von 2013 veröffentlichte, in dem schwarz auf weiss auf die Probleme mit den Gewinnen der subventionierten Postauto-Linien hingewiesen wird, wunderte ich mich erst recht. 

Benedikt Weibel SBB
© Joseph Khakshouri

Ein Mann mit Erfahrung: Benedikt Weibel war von 1993 bis 2006 Chef der SBB. Seither hat er mehrere Bücher geschrieben - etwa über erfolgreiches Führen. Mit seiner Frau lebt er in Muri bei Bern, hat drei Kinder und ist dreifacher Grossvater. 

Was könnte die Motivation für den Bschiss gewesen sein?
Die Motivation ist mir schleierhaft. Postauto macht ja nur zehn Prozent des Umsatzes der Post aus. Es war immer klar, dass dort nicht ein massgeblicher Gewinn für das Unternehmen erwirtschaftet werden kann.

Sie waren 13 Jahre lang Chef der SBB. Wenn Sie sich als ehemalige Führungsperson in Post-Chefin Susanne Ruoff hineinversetzen. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Bei solchen Skandalen gibt es zwei mögliche Szenarien: Entweder sie hat es gewusst. Dann ist es sowieso nicht gut. Oder sie hat es nicht gewusst. Dann hat sie ebenfalls ein Problem. Und zwar jenes, dass die internen Kontrollmechanismen nicht gegriffen haben. 

Frau Ruoff räumt im Interview mit dem «Blick» ein, dass sie sich mehr informieren hätte müssen. Muss oder kann ein CEO überhaupt über alle Vorgänge Bescheid wissen?
Über alles kann man nicht im Bilde sein. Meine Erfahrung bei den SBB zeigt: Schlechte Nachrichten werden immer gegen oben gefiltert. 

Was kann ein Chef dagegen tun?
Rausgehen zu den Leuten! Ich bereiste jedes Jahr auf eigene Faust 17 Orte in der Schweiz und habe dort mit Tausenden Eisenbähnlern gesprochen. Es gab immer mehrstündige Diskussionen, und selbst danach sind noch einzelne Mitarbeiter auf mich zugekommen. Die Leute an der Front wissen, was nicht rundläuft. Ich habe bei den Besuchen oft Sachen erfahren, die mich erschütterten.

Zum Beispiel?
In Winterthur sagte mir ein Mitarbeiter einmal: «Wissen Sie, dass wir ohne Zugsicherung von Schaffhausen nach Bülach fahren?» Wir bauten damals die Bahnhöfe um und sind mit altem Rollmaterial gefahren. Die Leute in der mittleren Ebene wussten davon, haben es aber nicht nach oben gemeldet. Niemand in der Geschäftsleitung war informiert. Jetzt stellen Sie sich vor, dort wäre ein Unfall passiert! Man kann nicht alles wissen, aber wenn man ein Ohr draussen hat, erfährt man viel. Zudem wichtig: Es braucht eine starke interne Revision. 

Den Betrug bei Postauto hat das Bundesamt für Verkehr aufgedeckt  – nachdem es seine Revisionsabteilung neu besetzt hat.
In vielen Unternehmungen sind Revisionsabteilungen nicht beliebt. Das verstehe ich nicht. Revisionsstellen haben ja auch eine präventive Wirkung. Und gerade für einen CEO und den Verwaltungsratspräsidenten ist die Revision unglaublich wichtig. Damit solche «Buebetricks» gar nicht passieren.

Muss die Post-Chefin zurücktreten?
Für Rücktrittsforderungen ist es mit dem heutigen Wissensstand viel zu früh. Als Chef der SBB wurde ich nach der schrecklichen Unfallserie 1994 auch zum Rücktritt aufgefordert. Im Nachhinein wäre dieser Entscheid ganz schlecht gewesen. In einer Krise entwickelt man als Chef eine unheimliche Motivation, alles zu tun, damit so etwas nie mehr passiert. 

Politiker raten Frau Ruoff, in den Ausstand zu treten, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind.
Davon halte ich nichts. Sie muss jetzt Verantwortung übernehmen und den Fall lückenlos aufdecken. Sie hat ja klar gesagt, dass die Postauto AG die erschlichenen Subventionen von 78 Millionen zurückzahlen wird. Ich bin sicher: Für die ganze Post wird das eine Lehre für sehr lange Zeit sein.

Nicht nur die Post ist angeschlagen. Bei der Swisscom werden Daten von Tausenden Kunden geklaut, die SBB bauen ihre Züge nicht behindertengerecht, und der SRG droht der Billag-Entzug. Ist der Service public am Ende?
Es ist an der Zeit, den Service public – ich nenne es lieber die Grundversorgung – zu überdenken. Die technologische Veränderung bei diesen Betrieben ist riesig. Gerade bei der Swisscom frage ich mich, warum der Konzern überhaupt öffentlich bleiben soll. 

Sie wären also für eine Privatisierung der Swisscom?
Ja, zumal sie zum Teil schon privatisiert ist. Und sie behauptet sich auf dem Markt gut. Bleibt sie öffentlich, erwarte ich viel mehr von ihr. Der Kundendienst ist für einen Betrieb mit Service public eigentlich untolerierbar! 

Warum?
Als Swisscom-Kunde habe ich dort schon öfters angerufen, wenn etwas nicht funktioniert. Dann komme ich in die Warteschlaufe. Danach erkläre ich mein Problem. Am nächsten Tag funktionierts immer noch nicht, ich rufe wieder an, komme in die Warteschlaufe, und der Prozess fängt wieder bei Adam und Eva an. Da frage ich mich: Führen die überhaupt ein Kundendossier? 

Mit der Post sind Sie zufrieden?
Wenn ich das gelbe Schild meiner Poststelle in Muri sehe, kommt ein Heimatgefühl hoch. Die Mitarbeiter sind sehr hilfsbereit. Allerdings ist auch diese Filiale gefährdet. Die Poststellen sind das Gesicht des Service public der Post. Werden sie zu radikal abbaut, stellt sich auch bei der Post die Frage der Privatisierung. Der Briefmarkt ist sowieso schon zusammengefallen, Päckchen und Briefe verschicken können auch DPD oder DHL. Die Postfinance ist unter Druck, und Postlogistics kämpft gegen die Konkurrenz. 

Um Ihren ehemaligen Arbeitgeber SBB machen Sie sich keine Sorgen?
Die SBB müssen von all diesen Betrieben am wenigsten um ihre Zukunft bangen. Die Bahn ist unverzichtbar. Wie das ganze öffentliche Verkehrsnetz in der Schweiz organisiert ist – einmalig! 

Trotzdem ärgern sich Kunden über verspätete und verstopfte Züge!
Ich fahre noch oft Zug und bin mit dem Service zufrieden. Probleme sehe ich bei den Pendlern – da höre ich sehr viel Negatives. Mein Sohn fährt regelmässig die Strecke Zürich–Bern und beschreibt das Pendeln zurzeit als mühsam. Wenn ein Sprecher sagt: «Die Pünktlichkeit wird laufend besser und die Kundenzufriedenheit ist gut», frage ich mich schon, ob die SBB den Puls der Leute fühlen. 

Was sagen Sie zu den Doppelstockzügen. Seit vier Jahren sollten diese im Einsatz sein – und jetzt sind sie nicht mal behindertengerecht!
Ich bin Präsident der österreichischen Westbahn. Im Dezember 2014 bestellten wir neue Doppelstockzüge, seit Ende Jahr sind sie im Einsatz. Warum das bei den SBB so lange dauert, verstehe ich nicht. Dass die Züge nicht rollstuhlgängig sind, noch weniger.

Werden die Negativ-Schlagzeilen um die staatsnahen Betriebe die «No Billag»-Befürworter beflügeln? 
Das glaube ich nicht. Die SRG muss aber die Zeichen der Zeit erkennen und auf eine intelligente Art abspecken. Allgemein sind sich Manager der staatsnahen Betriebe zu wenig bewusst, dass die Unternehmen uns allen gehören.

Wie gross ist der Imageschaden für Postauto und die Post?
Das ist schwierig abzuschätzen. Schauen Sie sich VW an. Trotz Abgas-Skandal war 2017 eines ihrer besten Jahre. Klar ist: Die Post hat an Sympathie verloren. 

Sie sind jetzt 71 …
… müssen Sie mich daran erinnern?

Tut mir leid. Sie haben 2006 gesagt, Sie arbeiten noch zehn Jahre. 
Jetzt gerade arbeite ich nicht – ich habe Skiferien (lacht). Aber sonst bin immer noch voll dabei mit Verwaltungsratsmandaten im Bahn- und Logistikbereich. Diese Arbeit hält mich intellektuell fit. Ich bin aber unglaublich froh, dass ich den operationellen Druck nicht mehr habe. Da beneide ich Frau Ruoff nicht. 

So lief der Subventions-Bschiss bei der Postauto AG

Post-Chefin Susanne Ruoff
© Marcel Bieri / Keystone

Unter Druck: Post-Chefin Susanne Ruoff, 60, sagt: «Ich habe nichts Falsches gemacht.»

Die Postauto AG bekommt Subventionen von Bund und Kantonen, damit ihre Busse bis in die hintersten Dörfer fahren. Für rentable Postauto-Linien haben die Buchhalter von 2007 bis 2015 zusätzliche Kosten erfunden. Und so dafür gesorgt, dass die Postauto AG rund 78 Millionen Franken mehr Subventionen bekam, als ihr zustanden. Aufgedeckt hat der Betrug das Bundesamt für Verkehr (BAV) im November. Darauf ordnete Post-Chefin Susanne Ruoff eine unabhängige Untersuchung an. Am 6. Februar wurde Postauto-Chef Daniel Landolf freigestellt. Am Mittwoch hat das BAV Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht. Der Post-Verwaltungsrat unter Urs Schwaller tagte – bis Redaktionsschluss fiel noch kein Entscheid. 

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