Das persönliche Interview mit Bergsteiger Reinhold Messner «Jetzt fängt mein 7. Leben an - mein wohl letztes»

In der Höhe hat er alles erreicht: Reinhold Messner gilt als berühmtester Bergsteiger der Welt, stand auf jedem Achttausender. Jetzt bleibt der Südtiroler lieber im Tal, will gar in einer Höhle leben. Seine Beerdigung hat er auch schon geplant. Dennoch: Die Legende ist voller Tatendrang.
Reinhold Messner Bergsteiger
© Keystone

Reinhold Messner, 72, bezwang als erster den Mount Everest ohne Sauerstoffflasche. Heute hält er Vorträge und arbeitet an seinem zweiten Dok-Film.

Schweizer Illustrierte: Reinhold Messner, wo am Körper tuts Ihnen weh?
Reinhold Messner: Gerade schmerzt die linke Schulter. Ich weiss nicht, warum. Vielleicht habe ich mich im Hotel verkühlt. Hotels mit Klimaanlagen sind nicht mein Geschmack.

Sie sagten unlängst, Sie wollen jetzt in einer Höhle leben?
Das mache ich erst, wenn ich nicht mehr auf Expeditionen gehe und mit den Vorträgen zurückstecken muss. Das Höhlenleben ist auch nicht ohne. Meine Kinder meinen allerdings, ich sei zu verwöhnt dazu. Schauen wir mal.

Wie hätte Ihr Vorname als Mädchen gelautet?
Bei uns wartete man mit der Namenssuche bis nach der Geburt. Bei mir wäre es sicher einer gewesen, der nicht ins Italienische übersetzbar wäre. Mein Vater war strikt gegen den italienischen Faschismus. Vor 1939 versuchte man in Südtirol, Namen, vor allem Ortsnamen, zu italienisieren.

In unserem Garten bauen wir alles selbst an

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schulschatz?
Ich hatte in der Pubertät keinen Schwarm, weil kein Mädchen in der Klasse war. Ich führte eine Art Doppelleben. Ich hatte meine Schulkameraden und war andererseits fest in der Kletterwelt verwurzelt. Vielleicht schwärmte ich für eine gute Kletterin. Es ist nichts daraus geworden.

Welches Gemüse sollte verboten werden?
Keines. In unserem Garten bauen wir alles selbst an. Da weiss ich, dass es sauber ist.

Und was für ein Gemüse wären Sie?
Ein Pilz. Er hat Kontakt mit allem, was ihn umgibt: dem Boden, den Bäumen, der Luft - ein kreatives Lebewesen ganz eigener Natur.

Welchen Wunsch haben Sie endgültig begraben?
Die Arktis zu durchqueren. Daran bin ich 1995 gescheitert. Ich wollte lange Zeit noch einen zweiten Versuch wagen, habe es aber inzwischen endgültig aufgegeben. Das Alter ist eine Grenze, die auch ich anerkennen muss. Heute suche ich mir wieder altersgerechte Aufgaben. Solange ich gesund und im Kopf klar bin, wird mir immer etwas einfallen.

Sie gelten als lebende Legende. Was motiviert Sie noch?
Ich habe noch viele Ziele! Nun lerne ich, wie man Filme macht. Regie, Schnitt, Musik, das will ich in den nächsten drei Jahren lernen. Filmerei ist meine neue Möglichkeit, Geschichten zu erzählen. Ich will nichts weiter als erzählen.

Die bisher beste Idee Ihres Lebens?
Mich alle 10 bis 15 Jahre neu zu erfinden. Das ist mein Erfolgskonzept. Immer, wenn ich merkte, dass ich mich in meinem Tun nicht mehr weiterentwickeln kann, habe ich etwas Neues gesucht. Und diese Herausforderung dann bis zu den Grenzen meiner Möglichkeiten betrieben. Jetzt fängt mein siebtes Leben an. Es wird wohl auch das letzte sein.

Und Ihre dümmste Idee?
Bei allem, was ich nicht selbst in die Hand nahm, bin ich wirtschaftlich gescheitert. Heute weiss ich: Es lohnt sich, sich mit einer Sache zu identifizieren, sie selbst auszuführen. Im Tun entsteht gelingendes Leben.

Meine Asche kommt in einen kleinen tibetischen Tschorten

Welche Werte vererbten Sie Ihren Kindern?
Ich habe ihnen die Freiheit gegeben, das zu werden, was sie wollten. Den eigenen Weg zu finden, ist für ein Kind schwer genug. Ich selbst habe ein grosses Aggressionspotenzial. Das sollten sie nicht erben. Es hat zwar den Vorteil, dass ich in kurzer Zeit sehr viel Energie aufbauen kann. Die hilft, Unmögliches zu schaffen. Aber wenn ich mich über etwas oder jemanden ärgere und aufbrause, ist das für das Gegenüber nicht so toll.

Welche Musik soll an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
Gar keine. Mein Abschied soll stillschweigend geschehen. Meine Asche kommt in einen kleinen tibetischen Tschorten, ein Grabmal, das neben meinem Schloss Juval steht. Eine öffentliche Beerdigung werde ich so verhindern wie einst meine öffentliche Heirat.

Über welches Geschenk haben Sie sich zuletzt gefreut?
Mein Sohn Simon schenkte mir vor zwei Jahren zum 70. eine Erstbegehung. Er klettert heute ja viel besser als ich. Er hat sich eine Route in den Geislerspitzen ausgedacht, die für mich gerade noch möglich war. Darunter bin ich aufgewachsen. Eine geniale Tour, weil sie diagonal und ein Umweg war. Es ging quer durch eine ganze Flucht von Felstürmen.

Sie haben alle Achttausender bezwungen. Können Sie Menschen verstehen, die mit der Bergbahn hohe Gipfel erreichen wollen?
Ja und nein. Ich kann zum Beispiel das Matterhorn nur erleben, wenn ich selbst Mass nehme und in irgendeiner Form dort hinaufsteige. Wenn ich hochfahre, erlebe ich nicht viel, ausser dem Rundblick. Ich könnte mich auch in einem Ballon nach oben tragen lassen und hätte so die bessere Aussicht.

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