Mia Aegerter Reisetagebuch: Jagd auf die Green-Queen

In diesem Jahr erfüllt sich Mia Aegerter einen Traum. Die Schauspielerin und Musikerin reist mit ihrer Fotokamera bewaffnet nach Norwegen und macht sich dort auf die Suche nach dem Polarlicht. Für SI online führt die Freiburgerin während ihrer Reise Tagebuch. Im dritten Teil kommt sie ans Ziel - und berichtet von ihrer himmlischen und hypnotisierenden Erfahrung.

Tag 3

Sie spielt «hard to get»! Aber nicht mit mir! Die Zeit ist kurz bemessen, und ich befürchte, dass ich die Mission nicht alleine zu Ende bringen kann. Deshalb kaufe ich mir, obwohl völlig überteuert und trotz meiner Aversion, was touristische Attraktionen angeht, ein Aurora-Chase-Tour-Ticket beim Ishavshotel. Ich brauche Experten.

Jack und Francesco (zwei Italiener in Norwegen), sehen wie zwei kompetente Lichtjäger aus. Auf ihren iPads entdecke ich Nasa-Statistiken, Sonnenaktivitäts-Tabellen und meine neue Lieblings-Facebook-Seite: «I fucking love science». Ich bin zuversichtlich! Jack erzählt mir, was ich schon weiss. Ich bin am richtigen Ort, die Sonnenaktivität ist knapp über dem Schnitt, bei guten 18 Gigawatt, aber das bringt alles nichts, wenn der Himmel verhangen ist. Deshalb fahren wir nach Nordosten, Richtung Russland, wenn man so will. Weg vom bewölkten und lichtverschmutzten Tromsø. Eine Stunde lang fahren wir vorbei an Fjorden, Bergen und Tälern bis wir in Skibotn ankommen. Der trockensten Stelle Norwegens.

Francesco zeigt mir, wie man die Kanone lädt. Sprich, wie ich meine Canon schusstauglich schraube. Ich stelle mein Stativ im Dunkeln auf. Geht alles einwandfrei. Ein bisschen wie einen Notenständer aufbauen. Kamera drauf anbringen. Warten. Kalt. Warten. Hmm. Irgendwie absurd. Da stehen wir nun an diesem See und warten darauf, dass sich im Himmel ein paar Millionen verirrte Sonnenpartikel entladen. Und nach einer Weile, tatsächlich, da tut sich was. Ein zarter, weisser Bogen, über dem See. Und schon wieder weg. Wie jetzt? Ich dachte die wären grün? Francesco, warum ist der Bogen nicht grün?

Die Wolken sind mal wieder schuld. Weil sie nicht genug Licht durchlassen, können unsere Augen die grüne Farbe nicht erkennen... Oder so. Doch die Canon can! Auf dem Foto, ist der Bogen grün. Wieder warten. Kalt. Warten. Plötzlich schiesst ein silberner Streifen senkrecht vom Himmel Richtung See. Eine Sternschnuppe. Gefolgt von drei langen, weissen Aurora-Armen. Wie ein Tintenfisch thront sie über dem Wasser. Wie extravagant, die Show mit einer Sternschnuppe zu eröffnen! Ein perfekte Darbietung ihrer zauberhaft launischen Magie. «It's a bomb!», ruft Francesco. So nennt man eine geile Aurora. Ich fands auch bombe!

Hoch motiviert jagen wir weiter. Es geht Richtung Osten, nach Brennfjell. Wir fahren mit dem Bus in ein kleines Waldstück, steigen aus, und wie bestellt fängt die Aurora auch schon an zu tanzen. Wie ein himmlischer Airbrush, im wahrsten Sinne des Wortes. Völlig unvorhersehbar taucht sie auf, verschwindet wieder, schlängelt sich quer durch den Nachthimmel. Dann plötzlich, ein sich schnell bewegender Sturm von aufgeladenen
Atomen entlädt seine elektrische Energie beim Durchdringen der Erdatmosphäre. Diesmal
in Grün, mit roten Rändern. 99 Prozent der Aurora sind grün. Findet das Phänomen in
tieferen Schichten der Atmosphäre statt, ist die Erscheinung auch mal rot oder sogar blau.
Das stärkste Nordlicht des Abends hab ich nicht mit der Kamera eingefangen, weil ich
schlichtweg hypnotisiert war, von der Schönheit der mystischen Green-Queen!

Alle Tagebuch-Einträge von Mia Aegerter finden Sie im Dossier von SI online.

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