Mia Aegerter Reisetagebuch: Kalt aber herzlich

In diesem Jahr erfüllt sich Mia Aegerter einen Traum. Die Schauspielerin und Musikerin reist mit ihrer Fotokamera bewaffnet nach Norwegen und macht sich dort auf die Suche nach dem Polarlicht. Für SI online führt die Freiburgerin während ihrer Reise Tagebuch. Im vierten Teil schaut sie sich einen Dokumentarfilm über Nomaden an - und fühlt sich als Reisende selbst wie eine Nomadin.

Tag 4

«Can iko waku uberø se brua per fussø?» - Kringel, durchgestrichenes «o»? Komisch, die Norweger verstehen mich einfach nicht. Auf Englisch gehts. Yes, man kann zu Fuss über die Tromsøbrua Richtung Festland. Gefühlte minus 50 Grad peitschen mir da oben auf der Brücke ins Gesicht. Das ist man bei den milden Temperaturen hier in Tromsø gar nicht gewohnt. Trotzdem ist der Blick über das Eiswasser mit den weissen Bergen im Hintergrund und dem sonnengeküssten Himmel ein Traum. Und die Eismeerkathedrale ist der Kampfmarsch allemal wert. Ein kühner Bau des Osloer Architekten Jan Inge Hovig. Wie ein Eisbrocken steht sie majestätisch am Tor der Arktis. In Tromsø ist alles am Nödlichsten. Die nördlichste Universität, das nördlichste Symphonieorchester und das nördlichste Internationale Filmfestival.

14.30 Uhr, es wird langsam wieder dunkler. Ich wundere mich, dass mir die Abwesenheit der Sonne nicht aufs Gemüt schlägt. Auch die Einheimischen scheinen nicht depressiver zu sein, als anderswo auf der Welt. Im Gegenteil. Sie sind ausgeglichen, freundlich und offenherzig. Vielleicht ist ein gleichmässiger Dämmerzustand besser für die Seele, als ein ständiger Wetterwechsel? Der glitzernde, Licht reflektierende Schnee hilft. Er legt sich wie eine Decke auf die märchenhaften Holzhäuser und hellt die Dunkelheit auf. Ausserdem steht die Stadt unter dem Zauber Auroras. Der Hafen mit den Schiffen und alten Kähnen verleihen dem Ort eine seemännische Weltoffenheit, dass einen die Abenteuerlust packt. Am liebsten würde ich auf einen Kahn springen und zur Polarexpedition aufbrechen.

Ich betrete - wie könnte es auch anders sein - das Verdensteatret. Der Kellner grüsst. Cappuccino? Yes! Das Café beherbergt das älteste Kino der Stadt und es sieht wirklich zauberhaft alt aus. Ich seh mir den norwegischen Dokumentarfilm «Nomade's Trail» an. Ein Dokumentarfilm von Regisseur Yossi Somer. Eine gefühlvolle Gegenüberstellung traditioneller Lebensweisen von Beduinen und Nomaden. Zum einen durch Inge Line, einem Sami-Mädchen aus Karasjok (Norwegen), und Tamer, einem Beduinen-Junge aus Negev (Israel). Sie kommunizieren über Skype. Tradition verbunden durch moderne Technologie. Interessant auch die Einblicke in die Kultur der Samen, des Urvolks Norwegens. Nur ein kleiner Prozentteil spricht hier Sami. Vor rund 25 Jahren haben sich Intellektuelle und Künstler für die Samikultur eingesetzt, da sie von der Regierung, die eine Vereinheitlichung der norwegischen Sprache anstrebte, nicht anerkannt wurde. Als ewig Reisende fühle ich mich auch ein bisschen wie eine Nomadin. Oder zumindest wie ein Wandervogel.

Pernille betritt das Café. Eine Bekannte von Arthur und Singer/Songwriterin. Wir sprechen über die norwegische Sprachkultur. In norwegischer Sprache bedankt man sich bei der Begrüssung für das Treffen, das man letztes Mal hatte. Aha. Ich sags ja. Ein freundliches Volk.

Alle Tagebuch-Einträge von Mia Aegerter finden Sie im Dossier von SI online.

Auch interessant