Mia Aegerter Reisetagebuch: Künstler finden sich überall

In diesem Jahr erfüllt sich Mia Aegerter einen Traum. Die Schauspielerin und Musikerin reist mit ihrer Fotokamera bewaffnet nach Norwegen und macht sich dort auf die Suche nach dem Polarlicht. Für SI online führt die Freiburgerin während ihrer Reise Tagebuch. Im zweiten Teil landet sie inmitten der norwegischen Film- und Musikszene und ist am Ende des Abends bekannt wie ein bunter Hund.

 Tag 2

Die Sonne taucht nur einmal kurz auf. Dies, um den Himmel zu küssen. Dem Norden treibt es angesichts dieser Unverfrorenheit, die Schamesröte ins Gesicht. So verweilt die Stadt für ein paar Stunden in einem pastellfarbenen Zwielicht. Alles dämmert gelassen vor sich hin. Bis die Dunkelheit die Zeit wieder einholt. Ohne Zweifel ein inspirierender Ort. Die Poesie drängt sich förmlich auf. Im Städtchen Tromsø angekommen, zieht es mich instinktiv in ein kleines Filmcafé namens Verdensteatre. Sofas, warmes Licht, Schallplatten in den Regalen, coole Musik, die aus den Boxen dröhnt. Stilsicher, als hätte Quentin Tarantino höchst persönlich die Playlist zusammengestellt.

In Tromsø findet zurzeit das Filmfestival statt. Künstler und Filmfans pilgern in das sonst so verschlafene Nest. Ich bestelle einen Cappuccino, studiere den Festival-Guide und die Menschen um mich herum. Kreative und Intellektuelle sehen auf der ganzen Welt gleich aus. Schwarze Hornbrillen, Denkerfalte, exzentrische Schuhe, Bücher oder Laptops unterm Arm. Ich kaufe mir einen Festivalpass. Arthur, ein Fotograf, den ich ebenfalls über die Couchsurfing-Website kennen gelernt habe, hat mich zu einer Filmpremieren-Party eingeladen. Die Norweger sind verbindlich. Eine Abmachung gilt. Selbst bei Fremden.

Wenn Queen Aurora bloss genauso zuverlässig wäre. Die Sonnenaktivität ist zur Zeit recht hoch, aber die Wolken wollen sich einfach nicht verziehen. Ich quartiere mich erst mal im Skansen House ein. Ein sehr gutes Budget-Hotel, inmitten von Tromsø und mit dem einzigen Zimmer, das ich noch finden konnte. Das Städtchen ist voll gepackt mit Kulturschaffenden. Es stellt sich heraus, dass Arthur nebst der Fotograf auch ein aufstrebender norwegischer Regisseur ist, dessen Musikvideo-Clip am Abend mit einem Preis honoriert wird. Die Party steigt, wo könnte es auch anders sein, im Verdensteatre. Also, ich wieder dahin.

Ein vertrautes Gefühl. Als ob ich mich in der Gegend schon lange auskenne. Wann bin ich angekommen? Gestern? Arthur begrüsst mich an der Tür. Wir sprechen über Filme und Musik - als würden wir uns ewig kennen. Kurzes Abtasten, was den Humor angeht. Passt! Künstler finden sich, unabhängig von Nationalität oder Breitengrad. Da steh ich nun, etwas breit, mitten im Mekka der norwegischen Showszene. Arthur stellt mich dem halben Laden vor. Anscheinend tummeln sich hier die berühmtesten norwegischen Bands und Filmemacher. Ich kenne keine Sau. Ich selbst bin bald jedem bekannt. Als «the swiss singer/songwriter»oder «the actress from Berlin». Um 3.30 Uhr werden die Stühle hoch geklappt. Ein neuer, schlafender Morgen fiebert der Sonne entgegen und ich habe das Gefühl, ein paar neue Freunde gefunden zu haben. Für heute geb ich mich mit «Aurora Partyalis» zufrieden. Aber morgen ziehe ich andere Geschütze auf. Ich habe eine Mission zu erfüllen!

Alle Tagebuch-Einträge von Mia Aegerter finden Sie im Dossier von SI online.

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