Mia Aegerter Reisetagebuch: Paris des Nordens

In diesem Jahr erfüllt sich Mia Aegerter einen Traum. Die Schauspielerin und Musikerin reist mit ihrer Fotokamera bewaffnet nach Norwegen und macht sich dort auf die Suche nach dem Polarlicht. Für SI online führt die Freiburgerin während ihrer Reise Tagebuch. Im fünften Teil verlässt sie Tromsø - hungrig und müde, aber voller Vorfreude auf Oslo.

Tag 5

Jetzt hab ich doch tatsächlich Gratis-Internet, hoch oben über den Wolken. Norwegian Airline for President! Ich kann gar nicht glauben, dass ich Tromsø schon wieder verlasse. Fünf Tage waren definitiv zu kurz. Aber ich habe die Mission, Nordlichter zu sehen, erfüllt. Und was noch viel wichtiger ist: Ich habe ein paar neue Freunde gefunden. Ich werde die Gastfreundschaft, die ich im Norden erfahren habe, an andere Reisende weitergeben. Tromsø hat mir besser gefallen, als ich erwartet hatte. Und nebst den Nordlichtern hat die Stadt viel an Kultur zu bieten.

Ich hatte kaum Zeit zu schlafen. Völlig übermüdet überprüfe ich meine Augen im Fotodisplay meines Computers. Ich wünschte, ich hätte ein kühles Eye-Pad, statt ein erbarmungsloses iPad! Beim Anblick meines Gesichts muss ich augenblicklich an den nordkoreanischen Zombie-Film denken, den ich gestern am Filmfestival gesehen habe. Ein weiterer Zombie sitzt links neben mir. Ein norwegischer Filmemacher, der mit offenem Mund vor sich hin schnarcht. Er ist vor Kurzem nach Berlin gezogen und sitzt zufällig in derselben Maschine. Irgendwie schön, ein bisschen Tromsø fliegt mit mir mit. Arthur hatte uns gestern Abend auf einer Filmparty vorgestellt - ein Underground-Szene-Treffen in einem Industriebunker am Hafen. Was in Tromsø so viel bedeutet, wie ein «get together» von interessanten, herzlichen Leuten, die in einem leicht schäbigen Raum auf das Festival anstossen. Keine Dekadenz, kein Anbiedern, keine coolen, distanzierten Gesichter, wie man es sonst von Festivalpartys gewohnt ist.

Es ist 6.45 Uhr. Ich hab Hunger und muss an mein letztes Abendessen in Tromsø denken. Das war mit Abstand der beste Lachs, den ich je gegessen habe. Der Regen hatte mich in ein sehr gutes Lokal am Hafen namens «Kaja» getrieben. Kulinarisch gesehen steht Tromsø der französischen Küche in nichts nach. Nicht umsonst nennt man die Stadt auch das «Paris des Nordens». 

Auch noch erwähnenswert ist der Film «Shadows of Liberty», den ich ebenfalls gestern am Festival gesehen hatte. Die Thematik des Dokumentarfilms war Pflicht, da ich mich ja jetzt - als Reiseschreiberin - ein bisschen wie eine coole Journalistin fühle. Besonders mit meiner ollen Brille auf der Nase (weiss der Teufel, wo ich meine Kontaktlinsen hingeschmissen habe). Die Doku ist sehr empfehlenswert. Sie informiert über die Medienkrise in Amerika, wie die Grenze zwischen News und Entertainment verschwimmt. Es leuchtet ein, dass ein Medienunternehmen nicht neutral und im Sinne der Demokratie berichten kann, wenn es Kooperationen mit Grossunternehmen oder der Regierung eingeht. Ein Journalist kann im Prinzip nur glaubwürdig sein, wenn er sich seine Unabhängigkeit bewahrt. Vielleicht sind Blogs in Zukunft informativer, selbst wenn sie von Laien geschrieben werden, als die Newsbeiträge einer Handvoll profitorientierter Firmen?

Landung in 10 Minuten. Ich freue mich auf Oslo!

Alle Tagebuch-Einträge von Mia Aegerter finden Sie im Dossier von SI online.

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