Richners Nachfolger im Interview Peter Studer: «Beats Asche gehört nach Kambodscha»

Peter Studer, der Nachfolger von Beat Richner, leitet heute die Kinderspitäler von Kantha Bopha. Gestartet aber sind die beiden Kinderärzte gemeinsam ins Abenteuer Kambodscha – und haben Seite an Seite gearbeitet. Nun muss Studer seinen Freund alleine ziehen lassen.
Beat Richner Peter Studer
© Monika Flückiger

Starkes Duo: Peter Studer, 71, hielt Beat Richner stets den Rücken frei. Oder wie er sagt: «Ich bin die geborene Nummer 2.» Hier kommen die beiden an ein Shooting am Stazersee GR (2009).

Peter Studer, wann haben Sie Dr. Beat Richner zum letzten Mal gesehen?
Ich habe ihn jede Woche besucht, wenn ich in der Schweiz war. Von unserem letzten Treffen hat Beat aber leider nicht mehr viel mitbekommen – er lag in einer Art Dämmerschlaf im Bett, nahm nichts mehr wahr. Anschliessend reiste ich für zwei Wochen in die USA und kehrte eben erst zurück. Ich durfte ihn aber nach seinem Tod ein allerletztes Mal besuchen, um mich von ihm zu verabschieden.

Wie haben Sie vom Tod Ihres Freundes erfahren?
Am Sonntagmorgen hat mich Beats Schwester angerufen und die Nachricht überbracht. Er ist in den Tagen zuvor immer schwächer geworden. Und nach einem letzten Aufflackern ist Beat in der Nacht auf Sonntag für immer eingeschlafen.

Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Natürlich mussten wir erwarten, dass Beat uns verlassen wird. Und für ihn war der Tod sicher eine Erlösung. Doch wenn dieser Moment kommt, ist das trotzdem ein Schock. Ich bin tieftraurig und bedaure, dass ich zwei Wochen nicht mehr bei ihm war. Beat realisierte zwar nicht mehr viel von unseren Besuchen – doch für mich waren sie wichtig. Und ich bin froh, dass er anscheinend im Schlaf friedlich gehen konnte.

Beat Richner Peter Studer
© Dick Vredenbregt
Baupläne: Beat Richner und Peter Studer überwachen das Entstehen der neuen Maternité neben dem Spital in Siem Reap (2000). 

Wie wurden die Mitarbeiter in Kambodscha informiert?
Ich habe die beiden Chefärzte und den operativen Leiter Denis Laurent angerufen, anschliessend wurden das kambodschanische Gesundheitsministerium und das Königshaus informiert. Die Nachricht machte im ganzen Land schnell die Runde, Tausende Menschen kondolieren nun via Facebook. Und die Spitalmitarbeiter haben am Montag beim Rapport sowohl in Phnom Penh als auch in Siem Reap eine Schweigeminute abgehalten.

Sie haben über all die Jahre Seite an Seite mit Beat Richner gearbeitet, ihn beraten und unterstützt. Können Sie sich noch an die erste Begegnung mit ihm erinnern?
Sehr gut sogar. In einer Zeitung las ich im Februar 1992, dass ein Kinderarzt aus Zürich nach Phnom Penh gehen will, um ein Kinderspital zu eröffnen. Ich selber war zehn Jahre zuvor während einer Rot-Kreuz-Mission in diesem Land und wusste – dort funktioniert gar nichts. Also dachte ich mir, das muss ein echter Spinner sein, aber der Versuch lohnt sich.

Sie nahmen Kontakt auf?
Ja, es hat mich «plaget» – ich musste mich einfach melden. Also rief ich Dr. Richner an, erklärte, ich sei Kinderarzt, nicht verheiratet, und wenn ich in der Schweiz oder in Kambodscha helfen könne, würde ich das gerne machen. Er meinte nur trocken «vielen Dank» und hängte das Telefon auf. Ja gut, ich hatte es zumindest versucht … Doch am nächsten Tag meldete Beat sich bei mir, fragte: «Sie sind Kinderarzt, waren in Kambodscha und haben keine Familie? Dann müssen wir uns noch heute sehen, denn morgen fliege ich ab.» So stand ich an einem Nachmittag im März in seiner Praxis in Zürich. Im Mai trafen wir uns wieder an der ersten Knie-Gala, und im August reiste ich nach Kambodscha.

Beat Richner Peter Studer
© Dick Vredenbregt

Führungscrew: Denis Laurent (l.) und Peter Studer leiten die Spitäler heute – hier mit Richner in der Spitalkantine (2010).

Was hat Ihre Freundschaft ausgemacht und getragen?
Wir haben als Kinderärzte beide unser Herz in diesem mausarmen Kambodscha verloren – diese Aufgabe und das Engagement hat uns verbunden. Obwohl mich Beats direkte Art am Anfang schon erstaunt und manchmal auch etwas erschreckt hat. Er sagte geradeheraus, was er dachte.

Sie waren auch gegensätzlich.
Ich habe mit Musik wenig am Hut; und Beat interessierte sich nie für meine Motorräder. Ich mochte Sport, er nicht. Als Spitalleiter war er ein absolutes Alphatier, ich hingegen die geborene Nummer 2. Wir haben uns ergänzt und wohl auch deshalb als Team so gut funktioniert. Ich habe ihm meine Sichtweise immer gesagt, er hat zugehört. Manchmal ist Beat auf meine Argumente eingegangen, manchmal auch nicht.

Beat Richner war ein Mensch, der sich selber nur wenig Glück gönnte.

Welche Erlebnisse mit ihm bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?
Der Start in Kambodscha war sehr intensiv. Wir kamen beide aus unserem Praxisleben in der Schweiz und bauten ein Spital. Und das in einem Land, wo es nichts gab. Wir haben jeden Backstein aus dem Ausland kommen lassen müssen, jeden Wasserhahn. Auf den Märkten in und um Phnom Penh haben wir die ersten Kinderbettchen zusammengesucht. Das war für uns eine prägende Zeit.

In welchen Momenten war Beat Richner am glücklichsten?
Immer wenn ihm ein Entwicklungsschritt gelungen ist, er einen neuen Spitalteil einweihen oder ein modernes Gerät anschaffen konnte. Zufrieden war er auch, wenn er morgens mit auf die Visite ging. Grundsätzlich war er aber ein Mensch, der sich wenig Glück gönnte. Ich habe ihm oft gesagt: Tritt mal ein paar Schritte zurück und betrachte dein Werk, was du alles geschafft und erreicht hast! Doch der tägliche Druck lastete schwer auf ihm, die finanziellen Sorgen und die vielen kranken Kinder. Deshalb hatte er nie die Ruhe, seine Erfolge zu geniessen.

Beat Richner Peter Studer
© Monika Flückiger

Ehrung: Anstossen mit Blumen an der Feier zum «Schweizer des Jahres» in einer Bergbeiz auf der Älggi-Alp OW (2003).

Gehadert hat er in erster Linie wegen der Geldsuche … 
Jeden Tag musste er 120 000 Franken an Spenden einnehmen. Man muss sich das mal vorstellen!

Was hat ihm sonst am meisten zu schaffen gemacht?
Der Kampf gegen Institutionen und etablierte Organisationen, die ihn unermüdlich kritisierten statt unterstützten. Dabei wollte er einfach nur kranke Kinder behandeln. Dazu braucht es gute Geräte für das Erstellen einer korrekten Diagnose. Und Medikamente für die Behandlung – also nichts Wahnsinniges. Wenn kein Wasser da war, pumpte Beat es halt aus dem Boden. Wenn es keinen Strom gab, besorgte er Generatoren. Und seine eisernen Prinzipien: Da die Menschen in Armut leben, sind die Behandlungen kostenlos. Und wer Korruption unterbinden will, muss sein Personal anständig entlöhnen.

Beat wünschte kein Grab in der Schweiz. Und auch die Geschwister haben den Eindruck, dass seine Asche nach Kambodscha gehört. 

Wann wird die Schweiz von Beat Richner Abschied nehmen können?
Am Mittwoch, 24. Oktober um 14 Uhr gibt es für ihn eine Gedenkfeier im Grossmünster in Zürich.

Und wo wird der Kinderarzt seine letzte Ruhestätte finden?
Beat wünschte kein Grab in der Schweiz. Und auch die Geschwister haben den Eindruck, dass seine Asche nach Kambodscha gehört. Es gibt dort einen grossen Baum, den Beat sehr mochte. Und vermutlich errichten wir zwei Gedenkstätten, eine in Siem Reap und eine in Phnom Penh.

Peter Studer Kambodscha
© ZVG

Peter Studer (m.) betet zusammen mit Partnerin Geneviève Cattin und mit Mitarbeitern der Kinderspitäler in Kambodscha am Altar, der für Beat Richner erbaut wurde.

Sein Lebenswerk wird dank der Stiftung weitergetragen – wo liegen nun die Herausforderungen?
In Kambodscha ist unbestritten, dass die Spitäler in Beats Sinn weitergeführt werden müssen. Dass die Kinder gratis behandelt werden. Der Staat anerkennt, dass dies der einzig gangbare Weg ist. Ich selber bin sechsmal im Jahr für zwei, drei Wochen vor Ort und täglich mit den Mitarbeitern per Telefon in Kontakt – als Bindeglied zwischen der Stiftung und den Spitälern. Wir entwickeln uns weiter, haben neue Geräte angeschafft, das älteste Spitalgebäude in Phnom Penh wurde abgerissen und muss einem Neubau Platz machen, wo Operationssäle und Bettenstationen entstehen.

Und wie steht es um die Finanzen?
Es ist eindrücklich, dass mittlerweile ein Drittel des Geldes aus Kambodscha selber kommt. Und auch die Spenden aus der Schweiz sind zum Glück stabil – denn wir sind nach wie vor auf sie angewiesen! Premierminister Hun Sen hat zudem eine Stiftung gegründet, die auf längere Sicht Geld für unsere Spitäler sammelt – als Rettungsnetz, falls der Geldfluss je zurückgehen sollte. Das ist ein starkes Zeichen für die Zukunft.

Und was passiert mit dem persönlichen Nachlass von Beat Richner? Mit seinen Cellos?
Die beiden Cellos – seine Frauen, wie Beat zu sagen pflegte – habe ich in die Schweiz gebracht. Auf dem Sitz neben mir im Flugzeug. Die Instrumente sind nun in der Obhut der Familie. Sonst besass Beat ja nicht wirklich viel.

Galerie: Beat Richners Lebenswerk in Bildern


 

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