Roger Federer bringt Eisprinzessin Sarah Meier zum Schmelzen «Ich lache mit ihm, ich weine mit ihm«

Auch wenn er verliert, gewinnt Roger Federer. Die Tennis-Ikone lässt niemanden kalt. Eiskunstlauf-Europameisterin und «Schweizer Illustrierte»-Journalistin Sarah Meier erklärt ihre wachsende Bewunderung für den Maestro.
Roger Federer nach Wimbledon vor Davis Cup Sarah Meier
© NIKE

Grandseigneur: Roger Federer strahlt mit seiner Souveränität weit über den Tenniscourt hinaus.

Er gehört zur Schweiz wie Schoggi und Käse, ist wie die Landeshymne: längst ein Bestandteil unserer nationalen Identität. Es mögen ihn nicht alle lieben und verehren. Aber eine Meinung zu Roger Federer hat jeder und jede.

Meine Position ist klar: Ich gehöre zu den Fans. Für mich ist er weit mehr als einer der besten Sportler aller Zeiten. Weil mich nicht nur seine Erfolge, sondern auch seine Menschlichkeit mit einem seltsamen Gefühl von Stolz erfüllt. Stolz auf einen Menschen, der ja nur zufällig denselben Pass besitzt.

Der Ursprung meiner Faszination für Federer liegt in meiner Vergangenheit als Spitzensportlerin. Um es also im Sportvokabular zu formulieren: Roger wäre einer von zwei Gründen, weshalb ich lieber bei den Olympischen Sommer- als den Winterspielen angetreten wäre. Der andere: weil ich ein «Gfrörli» bin.

Heute, als Jung-Journalistin, ist meine Bewunderung für Federer nicht kleiner geworden. Und nur schon der Auftrag, einen Artikel über King Roger zu schreiben, macht mich nervös. Ich spüre das Gewicht von Ehre und Druck gleichzeitig auf meinen Schultern, diesem Thema gerecht zu werden. So würde es wohl vielen Sportlerinnen und Sportlern in meiner Situation gehen. Denn ich kenne keinen einzigen Schweizer Athleten, der kein Federer-Fan ist. Besonders deutlich wird das regelmässig an den Credit Suisse Sports Awards. Es wird jeweils mehr darüber getuschelt, ob der Tennisstar wohl dieses Jahr auftaucht, als darüber, wer die Auszeichnungen gewinnt.

Apropos Sports Awards: Als Roger 2012 anwesend war, aber gleich nach der Sendung durch den Hintereingang wieder abschlich, um noch vor dem Nachtflugverbot nach Dubai fliegen zu können, gabs an der After-Party einige enttäuschte Gesichter. Meines eingeschlossen, wollte ich doch unbedingt für meine Schwester ein Autogramm holen. Als ich mir meinen Frust von der Seele redete, hörte ein Journalist zu und zitierte mich anschliessend in einer Zeitung. Zu meiner Überraschung fand ich einige Tage später ein Couvert in meinem Briefkasten - mit einer unterschriebenen Autogrammkarte von Roger Federer. Seine Eltern Lynette und Robi hatten sie mir geschickt. Da hat er sie wohl her, der Roger, seine Bodenständigkeit, seine Klasse, seine Professionalität.

Er kann, was für andere unvorstellbar ist. Auf und neben dem Tennisplatz



Natürlich fasziniert mich Federer wegen seiner sportlichen Fähigkeiten. Aber phänomenal an ihm erscheint mir, was in seinem Kopf vorgeht. Ich frage mich ständig, wie einer, der schon alles gewonnen hat und der erfolgreichste Tennisspieler der Geschichte ist, sich noch motivieren kann. Äussere Antriebe können es nicht sein - Ruhm, Geld, Ehre, das alles hat er ja schon. Er sagt, die Liebe zum Sport und zum Tennis seien sein Antrieb. Doch nur mit Spass alleine gewinnt man keine Turniere. Wer im Sport nicht vorwärtsgeht, sich nicht immer an seine Grenzen pusht, bleibt nicht stehen, sondern geht rückwärts. Schwitzen, sich im Konditionstraining zu quälen, täglich mit Schmerzen und Erschöpfung umzugehen, sich seinen inneren Zweifeln zu stellen und gegen sie anzukämpfen. So gewinnt man Turniere.

Ich frage mich auch, wie er es schafft, dauernd unterwegs zu sein, praktisch jede Woche an einem anderen Ort in einer anderen Zeitzone, ohne ausgebrannt zu sein. Ich hatte jeweils Mühe, mich an grosse Zeitverschiebungen zu gewöhnen, konnte die ersten paar Tage nicht meine volle Leistung abrufen. Klar, Roger fliegt First Class, aber auch ein bequemes Bett im Flugzeug macht den Jetlag nicht wett. Dann kommt bei Federer noch die zusätzliche Belastung der Familie hinzu. Wie machen die Federers das bloss? Roger und Mirka bekommen zwar Hilfe von einer ganzen Entourage. Und ich kann, was Kinder anbelangt, sowieso nicht aus Erfahrung sprechen. Aber ich weiss, dass es anstrengend genug ist, wenn man sich als Spitzensportler nur schon um sich selber kümmern muss. Und ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, den Kopf freizuhaben für den Sport, wenn beispielsweise eines der Kinder krank ist.

Aber genau deswegen ist Roger Federer wohl der Superstar, der er ist: weil er kann, was für andere unvorstellbar ist. Und das auf und neben dem Tennisplatz. Hunderte von Händen schütteln, Tausende von Autogrammen schreiben, Small Talk führen, Sponsoren- und Medientermine wahrnehmen, mit unzähligen Fans für ein Foto posieren - lächeln nicht vergessen. Das alles mit scheinbarer Leichtigkeit. Und ich habe nicht das Gefühl, das Lächeln sei aufgesetzt, die Freundlichkeit gespielt. Dass er dabei nicht als kontrollierte, berechenbare Maschine, sondern ganz menschlich rüberkommt, ist es, was ihn in ganz andere Sphären katapultiert.

Davon konnte ich mich schon selber bei zwei Treffen überzeugen. Das erste Mal beim Match for Africa 2010 im Hallenstadion. Da hatte ich durch einen gemeinsamen Sponsor die Möglichkeit, ihn nach dem Spiel in der Garderobe zu besuchen, zusammen mit Fussballnati-Captain Gökhan Inler. Wir mussten nach dem Spiel zwar noch bis Mitternacht warten - aber für ein Federer-Treffen hätten wir auch die ganze Nacht ausgeharrt. Als es dann so weit war, standen wir ganz ehrfürchtig vor ihm, brachten kaum ein Wort heraus. Doch der Tennisstar brach mit lockerer Begrüssung und Small Talk das Eis; er ist es sich offenbar gewohnt, dass es Leuten in seiner Anwesenheit die Sprache verschlägt.

Die zweite Begegnung war 2012 an Olympia in London, wo ich als Fan zur rechten Zeit am rechten Ort war. Nach einem Drink im Swiss House mit Snowboard-Olympiasiegerin Tanja Frieden und Kunstturnerin Ariella Kaeslin wurden wir an die interne Silbermedaillenfeier unseres Idols eingeladen. Ariella und ich hatten uns vorgenommen, Roger um ein gemeinsames Foto zu bitten. Da er aber sofort ungezwungen mit uns zu plaudern begann, wurden wir von unserem Vorhaben abgelenkt. Wir fühlten uns wie Fans, die ihn anhimmeln. Er begegnete uns wie Kollegen auf Augenhöhe. Und wer fragt schon einen Kollegen mitten im Gespräch nach einem Selfie. Zu unserem Foto kamen wir dann doch noch - Ariellas Freund Timon übernahm das Fragen.

Roger Federer mit Sarah Meier Ariella Kaeslin
© ZVG

Roger Federer posiert mit Sarah Meier (l.), Ariella Kaeslin und deren Freund Timon sowie Tanja Frieden (r.).



Warum ich Roger sonst noch liebe? Weil niemand seine Gefühle so offen zeigt wie er. Niemand freut sich so schön, niemand weint und schluchzt so schön wie er. Und ich fiebere mit niemandem so mit - ausser natürlich mit meinem Freund, dem Profi-Triathleten Jan. Ich lache mit, wenn sich Roger bei einem Werbedreh vor Lachen kaum mehr beruhigen kann. Ich weine aus Mitgefühl, wie bei der Rede nach der Final-Niederlage in Melbourne 2009. Oder vor Freude, wie bei seinem ersten Wimbledon-Sieg 2003. Auch heute werden meine Augen feucht, wenn ich Bilder wie diese zum x-ten Mal am Bildschirm sehe.

Deshalb freue ich mich, dass Roger angekündigt hat, noch lange weiter zu spielen. Weil er eben Freude daran hat. Und in ihm das Feuer fürs Tennis noch weiter brennt. So werde ich wieder die Nächte vor dem Fernseher verbringen und mich mit ihm freuen und mit ihm weinen. Und alle, auch Sportmuffel oder Federer-Überdrüssige, werden weiterhin etwas über Roger, den Unvergleichlichen, zu sagen haben.

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