Ruedi Lüthy: «Die Menschen sind euphorisch»

Der Schweizer Aids-Arzt von Simbabwe

Er kennt Simbabwe wie kein anderer Schweizer: Seit vielen Jahren kümmert sich Ruedi Lüthy um Aids-Patienten in diesem armen Land. In der «Schweizer Illustrierten» erzählt er, wie er den Sturz von Präsident Mugabe in Harare erlebte und wann er durch die Strassen tanzt.  

© Ben Curtis/ AP

Ruedi Lüthy, der Arzt mit Herz: Die Newlands Clinic in Harare betreut fast 6000 Patienten. In Simbabwe ist jeder siebte Erwachsene von Aids betroffen.

Die letzten zehn Tage waren mit Sicherheit die speziellste Zeit, die ich in Simbabwe jemals erlebt habe. Seit 2003 verbringe ich den Grossteil des Jahres in diesem armen Land im südlichen Afrika. Doch seit dem 14. November ist hier nichts mehr wie vorher.

Der Tag begann ganz normal: Ich fuhr morgens in unsere Newlands Clinic in Harare, die etwa zehn Autominuten von meinem Zuhause entfernt liegt, und unterrichtete den ganzen Vormittag Ärzte und Pflegepersonen. Nach dem Mittag erreichten mich aus der Schweiz erste Nachrichten von Armeefahrzeugen, die in den Strassen rund um Harare gesichtet worden waren. Als immer mehr Putschgerüchte aufkamen, war ich schon ein wenig beunruhigt.

Am nächsten Morgen ging es richtig los

So richtig los ging es am nächsten Morgen. Der Armeesprecher verlas um vier Uhr früh am staatlichen Fernsehen eine Stellungnahme, und bald wurde uns allen klar, dass hier weit mehr im Gang war als nur eine kleine militärische Operation.

Seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen: Es gab einen riesigen Marsch zur Absetzung des unter Hausarrest stehenden Präsidenten Robert Mugabe, zahlreiche Pressekonferenzen und eine sonderbare Rede von ihm, in der er als unumstrittener Präsident und Oberbefehlshaber der Armee auftrat. Und schliesslich am Dienstagabend die Erlösung: Mugabe, der das Land 37 Jahre lang mit eiserner Faust regiert hatte, gab seinen Rücktritt bekannt.

© Jekesai Njikizana/AFP

Robert Mugabe, 93, wollte seine Frau Grace, 41, als Nachfolgerin. Wegen ihres luxuriösen Lebensstils wurde sie auch «Gucci Grace» genannt.

Simbabwe ist seither weltweit in den Schlagzeilen, und viele Freunde und Spender fragen besorgt nach, ob bei uns alles in Ordnung sei. Am Morgen des Putschs überlegten wir, ob wir die Klinik normal öffnen können. Doch die Sorgen waren unbegründet: Die Mitarbeitenden und Patienten trafen wie immer bei uns ein. Der Betrieb läuft seither ganz normal, und der Warteraum ist voll wie eh und je.

Etwas ist aber anders: Ich habe unsere Mitarbeitenden noch nie so gelöst, ja euphorisch erlebt wie in den vergangenen Tagen. Ein Mitarbeiter tanzte am Morgen des Putschs vor der Klinik und sagte mir, er werde diesen Tag nie vergessen.

Die eigene Meinung zu äussern, konnte lebensgefährlich sein

Viele unserer Mitarbeitenden haben ihr ganzes Leben unter dem 37-jährigen Regime von Mugabe verbracht und konnten sich bisher kaum vorstellen, dass ein anderes Simbabwe möglich wäre. Die eigene Meinung zu äussern, konnte lebensgefährlich sein, und das Thema Politik wurde in der Klinik tunlichst vermieden. Nun wagen die Menschen endlich, ihre Hoffnungen auszusprechen, und in unserer Kaffeeküche geht es seit Tagen sehr laut und fröhlich zu und her.

Auch wenn der Ausgang ungewiss ist: Dies ist sicher eine bedeutende Entwicklung in Simbabwe. Was mich zutiefst beeindruckt, ist die friedliche Stimmung, die herrscht. Ich wusste bereits, dass die Simbabwerinnen und Simbabwer zurückhaltende und höfliche Menschen sind, die wenig mit dem Klischee des lauten und farbigen Afrika zu tun haben. Doch dass es auch bei einer Demonstration von Zehn- oder gar Hunderttausenden Menschen in Harare so bleibt, hat mich sehr berührt.

© Pia Zanetti
Ausgelassen: «Die friedliche Stimmung bei der Demonstration hat mich sehr berührt,» sagt Ruedi Lüthy.
 
 

Nachdem ich den Marsch vom 18. November eine Weile von zu Hause aus mitverfolgt hatte, wollte ich ihn mit eigenen Augen sehen und fuhr mit unserem neuen medizinischen Direktor Stefan Zimmerli ins Stadtzentrum. Es herrschte eine unglaublich ausgelassene, fröhliche Stimmung.

Wildfremde Menschen kamen auf uns zu und wollten Selfies mit uns machen. Transparente wurden mutig hochgehalten, Strassenschilder der Robert Mugabe Road abmontiert, und es wurde sogar auf den Panzern der Armee getanzt. Am Abend der Rücktrittserklärung dann dasselbe Bild: Weisse, Schwarze, Inder, Arme, Reiche – Menschen aller Couleur feierten gemeinsam das Ende der Ära Mugabe.

 

© Stefan Zimmerli
Mittendrin: Ruedi Lüthy, 76, am Marsch für Mugabes Absetzung in Simbabwes Hauptstadt Harare.
 
 

Bei aller Skepsis, die ich angesichts der grossen Macht von Mugabes Partei und der Armee verspüre: Ich wünsche den Menschen von Simbabwe aus tiefstem Herzen, dass sich nachhaltig etwas verändert. Wir sehen die Not der Menschen in der Newlands Clinic jeden Tag. Keine Arbeit, zu wenig zu essen für die Familie, eine notdürftige Bleibe, Trauer um verstorbene Angehörige, Ausgrenzung, Gewalt – es ist unvorstellbar, was viele von ihnen aushalten müssen.

Auch im Fall des bestmöglichen Ausgangs, einer Übergangsregierung, welche die verschiedenen politischen Gruppierungen einschliesst, und den anschliessenden fairen Wahlen, dürfte es noch lange dauern, bis sich ihr Leben verbessert, weil die Wirtschaft dermassen am Boden ist.

Das Wichtigste aber ist wohl der Funke Hoffnung, der entzündet wurde. Das erlebe ich auch bei der HIV-Behandlung immer wieder: Es braucht manchmal gar nicht so viel, um etwas zum Positiven zu verändern. Wir hören zu, wir erklären, wir kümmern uns.

Das vermissen die Menschen in Simbabwe vermutlich am meisten: eine Regierung, die für sie da ist und für ihre Bedürfnisse sorgt. Wenn es tatsächlich dazu kommt, werde sicherlich auch ich durch unsere Klinik tanzen!

Ruedi Lüthy am 24. November 2017, 16.41 Uhr