Die grosse Reportage Die Tveters: Eine Familie für den Rennsport

Sein Vater Eric ist als UPC-Chef einer der Wirtschafts-Topshots in der Schweiz. Doch Ryan Tveter hat Benzin im Blut statt Daddys Geschäftssinn. In Silverstone beweist der Rennfahrer, dass sein Weg stimmt. 
Ryan Tveter Rennfahrer grosse Repo
© Adrian Bretscher

Family-Business: Mama Terry und Papa Eric Tveter unterstützen ihren Sohn Ryan: Sie koordiniert Termine, er kümmert sich um Sponsoren. 

 

«Life is a rollercoaster», singt die Dame in Army-Kleidung auf dem Podest hinter den Teamgaragen tapfer gegen den Lärm der Schlagschrauber an. Die paar Gäste auf den Festbänken nebenan kümmerts weniger als ihr lauwarmes Pint of Lager. Doch einen aufmerksamen Zuhörer hat die Lady: Eric Tveter, 59, wippt im Stehen mit und kauft ihr schliesslich eine ihrer CDs ab. «Für die Rückfahrt zum Flughafen in London», sagt er. «Das wird uns guttun nach all dem Motorenlärm.» 

Das Leben mag eine Achterbahn-Fahrt sein. Nicht aber das Wochenende der Familie Tveter im südenglischen Silverstone. In einem Ort, der verrückt ist nach Autorennsport, läuft für sie von Anfang an alles – im Wortsinn – wie geschmiert. Der Höhepunkt zum Abschluss: Papa Eric und Mama Terry Collins, 59, jubeln ihrem Sohn Ryan, 24, zu, als der auf dem Ehrenbalkon über der Boxengasse den Pokal für seinen dritten Platz im zweiten Rennen der GP3-Rennserie in die Hand gedrückt bekommt. Well done, son! Eric Tveter wird emotional: «Ich bin mächtig stolz auf Ryan.»

Ryan Tveter Rennfahrer grosse Repo
© Adrian Bretscher

Boxengeneral? Telekommunikations-Profi Eric Tveter sieht die Aufwärmrunde an der Box. «Ich weiss aber, wann ich im Weg stehe.»

 

Der Vater jubelt dem Sohn stilecht zu

Es ist ein ungewohntes Bild. Den Top-Wirtschaftsmann Tveter, der seit neun Jahren in der Schweiz für den Kabelnetzbetreiber UPC tätig ist und die einstige Cablecom als CEO vom kriselnden und unbeliebten Unternehmen zur florierenden Gewinnmaschine saniert hat, kennt man eher in Businessanzug als in Bluejeans und mit Funk-Kopfhörer. Doch der Amerikaner aus Long Island bewegt sich im lauten und hektischen Rennmilieu so stilsicher und selbstverständlich, als würde er am Firmensitz in Wallisellen ZH ein Meeting leiten. 

Der Apfel fällt manchmal weit vom Stamm 

Klar, Tveter ist ein wandelbarer Mensch, der sich einst nicht scheute, im TV-Werbespot für UPC mit Rapstar und Markenbotschafter Carlos Leal aufzutreten. Aber ein Rennsport-Insider? Da fällt der Apfel doch ziemlich weit vom Stamm, als sich Ryan Tveter in den frühen Nullerjahren im Bubenalter sicher ist: Irgendwann werde ich Autorennfahrer. «Ich wusste es einfach, mich hat nie etwas anderes so interessiert», sagt der stille, introvertiert wirkende junge Mann. «Er war von klein auf von allem hingerissen, was sich bewegt: Autos, Züge, Flugzeuge», sagt Terry Collins. «Komisch, wir hatten mit Autorennen nie etwas am Hut», wundert sich Eric Tveter über die Ursprünge der Leidenschaft seines Sohnes.

Ryan Tveter Rennfahrer grosse Repo
© Adrian Bretscher

Family-Business: Mama Terry und Papa Eric Tveter unterstützen ihren Sohn Ryan: Sie koordiniert Termine, er kümmert sich um Sponsoren. 

 

Bis Ryan Tveter allerdings Wirklichkeit werden lässt, was sich in seinem Kopf längst festgesetzt hat, vergehen noch viele Jahre. Im Alter, als Schumacher oder Hamilton längst im Kartsport Benzin atmen, spielt Ryan Eishockey und Posaune. Einmal fragt ihn sein Instrumentallehrer, ob er gerne einmal Musiker werden will. «Nein», lautet die Antwort, «Autorennfahrer und Formel-1-Weltmeister!» Auf die Gegenfrage, weshalb er sich denn mit der Posaune abmühe, sagt Klein Ryan: «Weil es wichtig ist, dass man sein Leben lang lernt.» 

Mit Engagement und Leidenschaft

Es sind keine leeren Worte. Ryan ist ein fleissiger Schüler, schafft es ans College, beginnt ein Ingenieurstudium. Vereinzelte Plausch-Ausflüge mit Kumpels auf öffentliche Kartbahnen sind der einzige Kontakt mit seiner Traummaterie. Doch als er mit 17 durch den Vater eines Schulfreundes die Gelegenheit erhält, in Texas einmal mit einem richtigen Formel-Rennauto ein paar Runden zu drehen, ist es um die akademische Karriere geschehen.

Ryan Tveter Rennfahrer grosse Repo
© Adrian Bretscher

Teamwork: Die Mechaniker arbeiten zwischen den Trainings an Ryans Auto. Seine Inputs sind wertvoll für die Abstimmung des Wagens.

 

Mit Support seiner Eltern setzt Ryan Tveter nun voll auf den Rennsport. Sein Vater ist längst nach Europa berufen worden, die Familie lebt in London oder Wien, ehe sie in Meilen am Zürichsee ihr Zuhause auf Dauer findet. Ryan fährt zuerst in der Formel Renault beim deutschen Kaufmann-Team, wo auch Leute wie Nico Hülkenberg oder Sébastien Buemi ihre ersten Formel-Rennschritte gemacht haben. Dann steigt er via Formel 3 2017 in die GP3-Klasse auf. Drei Podestplätze und 78 Punkte bringen den Jungpiloten gleich in seiner Debütsaison auf den achten Gesamtrang.

Im italienischen Trident-Rennstall, dessen Besitzer Maurizio Salvadori Manager des Italo-Rappers Jovanotti ist, heissen Tveters Fahrerkollegen Pedro Piquet und Giuliano Alesi, beides Söhne einstiger Formel-1-Stars. «Mir entspricht die italienische Mentalität total», sagt Ryan, «ich habs nicht so mit den Jungen in den USA, wo das Partymachen oft im Vordergrund steht.» Bei Trident halten sie grosse Stücke auf Ryan. «Wir nennen ihn ‹Professore›», erzählt Teammanager Giacomo Ricci. «Er ist auf der Strecke extrem clever, trifft stets die richtigen Entscheidungen. Und neben den Rennen hilft er mit seiner Intelligenz den Ingenieuren und Mechanikern, das Auto perfekt abzustimmen.»

Ryan Tveter Rennfahrer grosse Repo
© Adrian Bretscher

Renn-Instinkt: Ryan hoch konzentriert Minuten vor dem Start auf der Piste. Die Grid-Girls fehlen in der GP3-Klasse noch. 

Auch Mama Terry fiebert mit 

In Silverstone ist die Siegerehrung vorbei. Ryan Tveter kehrt per Shuttle-Transport in die Teamgarage zurück. Er lacht, die Anspannung der letzten Tage vor der Qualifikation ist abgefallen. Jeder im Team wird geherzt. Ryan ist beliebt. Auch Mama Terry schliesst ihn in die Arme. Sie ist nicht «nur» als Mutter ein wichtiger Rückhalt ihres einzigen Kindes, sondern arbeitet im Team als Ryans PR-Managerin mit, koordiniert Termine, organisiert Reisen. Angst um ihren Sohn hat die Amerikanerin nicht. «Ich vertraue auf seine Abgeklärtheit. Er hat das Erfahrungsmanko mit riesigem Fleiss wettgemacht. Jetzt hat das Rennfieber auch mich gepackt.» So sehr, dass sie das Pendeln zwischen dem Zweitwohnsitz New York und Zürich klaglos auf sich nimmt.

Vorurteilen davongerast 

RTF1 Investment Fund ist die exakte Bezeichnung der Tveter-Rennfirma mit Standort Florida, in der Terrys Freundin und Ryans Gotte Gail Williams sich um die finanziellen Belange kümmert. Und damit ist man bei einem heiklen Thema rund um Ryans Karriere. Kommt denn nicht nur in die Königsklasse, wer über das Jahrhundert-Talent eines Vettel oder aber über millionenschweren finanziellen Support im Rücken verfügt? Ryan Tveter versteht die Frage genau: «Ich weiss, dass es Leute gibt, die denken, ich rutsche da als ‹rich kid› nach oben. Aber mit jedem starken Rennen kann ich das Gegenteil beweisen.»

Ryan Tveter Rennfahrer grosse Repo
© Alexandra Wey / Keystone

Innig: Unmittelbar nach Ryans Zieleinfahrt als Dritter und der Auslaufrunde wird er von Eric Tveter geherzt. «Ich bin so stolz auf ihn», sagt der Vater. 

Vater Eric, der ab September als VR-Präsident die strategische Planung sowie das Beziehungsmanagement von UPC Schweiz innehat und die Geschicke des Mutterkonzerns Liberty Global in Osteuropa lenken wird, sieht auch nichts Problematisches an seinem Engagement für die Karriere des Sohnes: «Natürlich unterstützen wir Ryan finanziell. Ohne geht es gar nicht. Aber ich kann auch mit meinen Beziehungen helfen.»

Der grosse Traum: Formel 1

Das Fernziel Formel 1 hat Ryan fest im Blick. «Aus Marketingsicht stehen meine Chancen als Amerikaner nicht schlecht, irgendwann in die höchste Klasse aufzusteigen. Deshalb muss ich mich hier durchsetzen können, wo die Konkurrenz härter ist als in den US-Rennserien.» Trident-Teamchef Ricci sagt es unverblümt: «Klar müssen die Finanzen stimmen für einen weiteren Aufstieg. Nächste Saison möglicherweise in die Formel 2, eventuell in unserem Team. Aber für mich hat er mit seiner Intelligenz klar das Zeug für die Formel 1.»

Ende Feuer in Silverstone. Das Trident-Team baut die Garageneinrichtung ab. Ryan holt seine Sachen aus dem Teamtruck. Die Nacht vor dem Rennen hat er darin geschlafen. «Weils viel ruhiger ist als im Teamhotel und erst noch klimatisiert.» Im Hintergrund röhren schon die Formel-1-Motoren. Zukunftsmusik für Ryans Ohren? Eric Tveter schiebt die CD in den Player des Mietautos. «Life is a rollercoaster …» 

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