Sarah Meiers emotionaler Abschied Ihr Herz gehört jetzt ihrem Freund Jan

Mit ihrem letzten Auftritt bei «Art on Ice» beendet Sarah Meier ihre märchenhafte Eislaufkarriere. Sie konzentriert sich nun ganz auf ihren neuen Beruf - und auf die grosse Liebe. Die «Schweizer Illustrierte» hat die Eisprinzessin bei der Show im Zürcher Hallenstadion begleitet.

Besser könnte die Musik nicht passen. Zu Tom Odells Lied «Grow Old with Me» - «werde mit mir alt» - lässt Eiskunstläuferin Sarah Meier, 30, im Hallenstadion Zürich ihre Kufen gleiten. Auf dem Eis ist sie gross geworden, das «Schlittschüenle» war über 20 Jahre ihr Leben. Die Schweiz sah zu, wie die Bülacherin an Erfolgen und Niederlagen wuchs. «Nun, mit 30 Jahren, fühle ich mich körperlich und mental zu alt, um neben meinem 100-Prozent-Job weiter auf professionellem Niveau laufen zu können.» Die diesjährigen «Art on Ice»-Auftritte sind ihr Abschied vom Rampenlicht. Ein Lebensabschnitt geht zu Ende. Eine Erkenntnis, die ihr kurz vor Beginn der Abschiedstournee unvermittelt «einfährt». «Ich lag auf meinem Hotelbett und bekam unerwartet eine Krise. Ich weinte, denn all dies werde ich nie mehr erleben und auch durch nichts ersetzen können. Doch ich fühle, es ist die richtige Entscheidung.»

Das erste Mal steht Sarah Meier als Zweijährige auf Kufen. Ideal für das hyperaktive Kind, «en Ruech», der Sprünge und Tempo liebt. Auf dem Eis kann sie ihre Energie loswerden. Eine Eisprinzessin sieht da noch niemand in dem kurzhaarigen Meitli. Aber als sie mit zehn Jahren alle Doppelsprünge beherrscht, erahnt das Umfeld auch ihr Potenzial, nicht nur Liebe zum Sport. «Eislaufen ist die Leidenschaft meines Lebens. Dem Sport verdanke ich alles, was ich bin und kann. Ich habe gelernt, unter mentalem Druck etwas zu leisten. Ich weiss: Wer hart arbeitet und dranbleibt, hat irgendwann das Glück auf seiner Seite.»

Zwanzig Jahre lang verbringt Sarah Meier fast täglich mehrere Stunden auf dem Eis. Diszipliniert lässt sie nie ein Training ausfallen, erlaubt sich keine Ausnahmen. Als «Opfer» hat sie das nie betrachtet. «Schliesslich war es mein Traumjob.» Die ganze Familie spannt für ihre Karriere zusammen - bedingungslos, über Jahre. An den Wochenenden fahren sie ihre Eltern Bettina und Ernst Meier an Wettkämpfe. Tante Eva Fehr fördert sie als ihre Trainerin, befindet sich immer an Sarahs Seite. «Nach meinem Rücktritt vom Wettkampf haben mir die Zeit, der enge Kontakt mit Eva richtig gefehlt. Ich weiss, dass meine Karriere auch hart für meine Familie war. Je länger, desto mehr sehe ich, was sie für mich geleistet und durchlitten haben. Sie haben meine schlechte Laune ausgehalten, mir zugehört. Bei meiner Familie und meiner Trainerin konnte ich all meine Sorgen abladen. Mir ging es dann besser - ihnen nicht.»

2010 bezeichnet Sarah Meier als ihr schlimmstes Jahr - beruflich wie privat. Zuerst stirbt ihre Grossmutter, dann stürzt sie an den Titelkämpfen in Turin und erzielt ihr schlechtestes WM-Resultat. Im Herbst erleidet sie im Training einen Aussenbandriss am linken Fuss. Ihre Karriere droht vorzeitig zu enden. «Zwei Tage habe ich mich im Selbstmitleid gesuhlt und gehofft, aus dem Albtraum aufzuwachen. Tiefpunkte sind schlimm, doch an ihnen bin ich am meisten gewachsen. Glücklicherweise besitze ich die gute Eigenschaft, Schlechtes schnell zu vergessen. Ohne tiefe Tiefs sind die Hochs auch nicht gleich hoch.»

Nur ein halbes Jahr später - ihr Rücktritt ist schon beschlossene Sache - wächst die damals 26-Jährige an der EM 2011 im eigenen Land über sich hinaus. Die letzte Kür in ihrer Wettkampf-Karriere beendet sie überraschend mit ihrem grössten Erfolg. Nach zehn Jahren Anlauf steht sie erstmals an einer internationalen Meisterschaft zuoberst auf dem Treppchen - schluchzend, mit Gold um den Hals. «Ich weiss bis heute nicht, wie ich das geschafft habe. Selber glaubte ich an nichts mehr, wollte bloss ‹durecho›, ohne mich zu blamieren. Dann der Sieg, dieses Glücksgefühl - auch wenns zugleich ein Ende bedeutete.»

Das neue «Schätzchen der Nation» wird in Bern mit Ovationen gefeiert. Auch Stéphane Lambiel, 29, jubelt mit. Er ist der Erste, der sie vor Ort interviewt. Der zweifache Weltmeister kennt ihre Emotionen genau. Jahrelang gaben sich die Einzelsportler gegenseitig Halt und Motivation. Auch nach der Wettkampfkarriere bilden sie bei «Art on Ice» ein Traumduo. «Steph ist ein guter Freund, eine vertraute Person. Wir verstehen uns ohne Worte. Seine Erfolge haben mir gezeigt, dass Träume wahr werden können - auch für mich. Ich bewundere ihn für das, was er auf dem Eis macht. Das kann niemand. Für mich ist er ein Übermensch, ein Wahnsinnstalent - was ich nicht bin.»

Während Lambiel weiterhin sein Geld als Show-Läufer verdient, hat Meier einen neuen Beruf für sich entdeckt. Seit 2013 besucht sie die Ringier-Journalistenschule und arbeitet bei der «Schweizer Illustrierten» als Sportredaktorin. Dabei gabs einst für ihre Schüler-Aufsätze nur mittelmässige Noten. «Heute denke ich nicht über Sprünge nach, sondern über Sätze. Der Beruf ist für mich sicher weniger emotional, aber es ist okay, nicht mehr ständig Hochs und Tiefs zu erleben. Journalismus fordert mich auf eine andere Weise.»

Mit ihrem neuen Leben kommt auch die Liebe. Als sie vor eineinhalb Jahren Triathlet Jan van Berkel, 28, interviewt, verlieben sich die beiden. Der Profisportler weiss genau, was seine Freundin alles in ihre Leidenschaft investiert hat, und ist deshalb auch bei ihrer Abschiedstour dabei.

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