Die schönsten Freilichtbühnen Schweizer Stars über Traumrollen, Patzer und Lampenfieber

Sie sind fürs Rampenlicht geboren: Die Stars der schönsten Freilichtbühnen der Schweiz sprechen über ihre Traumrolle und verraten, wie sie mit Pannen und Lampenfieber umgehen. Fünf Shows, die man gesehen haben muss.

Therapie in fünf Tagen

Corinne Thalmann, Abefahre, Theater Gurten
© Geri Born

Corinne Thalmann: Für die Schauspielerin ist der Gurten ein Schicksalsberg. Hier hat sie das Theaterfieber gepackt.

«Ich muss mich auf das Unberechenbare einlassen», sagt Schauspielerin Corinne Thalmann, 32, zu ihrem Sommerengagement. Draussen auf dem Gurten zu spielen, auch bei Wind und Wetter – eine Herausforderung. Zum sechsten Mal steht die gebürtige Bernerin hier auf der Bühne, mimt 2018 die gestresste Alleinerziehende, die sich in nur fünf Tagen einen Therapieerfolg erhofft.

Thalmann selbst rang länger mit sich, alles auf die Karte Theater zu setzen. Erst mit 23 Jahren besuchte sie eine Schauspielschule in Berlin, blieb acht Jahre, heute ist sie künstlerische Leiterin des Theater Matte in Bern.

Im Schauspiel geht sie auf: «Ich kann mich ausleben, sein, wie ich bin.» Und auch gegen ihr früher ausgeprägtes Lampenfieber hat sie inzwischen ein Rezept gefunden: Aufwärmübungen «zu ganz peinlichem Hip-Hop» und Pedanterie.

Vor jedem Auftritt macht sie hinter der Bühne stets alles exakt gleich. WC-Pause am selben Ort, jeder Handgriff beim Frisieren, die Kostümteile hängen am fixen Ort. «Das tönt komisch, aber das ist mein Sicherheitsnetz», gibt sie amüsiert zu. Pannen auf der Bühne nimmt die Frau mit Hang zum Perfektionismus hingegen locker, auch wenn sie aus Versehen einem Mitspieler schon mal eine Ecke des Zahns ausschlug. «Magische Vorstellungen gibt es, aber man kann sie nicht planen.»

Liebeserklärung ans Leben

Hanspeter Müller Drossaart, Freilichtbuehne Ballenberg, Steibruch, Brienz Ballenberg 2018
© Geri Born

Hanspeter Müller Drossaart: Er mimt einen verschrobenen Amerika-Rückkehrer: «Aufs Lampenfieber folgen Glückshormone.»


 

 

«Die Natur hat mehr zu sagen», meint Hanspeter Müller-Drossaart, 63, angesichts der mächtigen Kulisse, in der er diesen Sommer mit 38 Laiendarstellern wirken darf. Er spielt in «Steibruch» einen missverstandenen und verschrobenen Amerika-Rückkehrer: «Ein Doppelgesicht und Opfer, das rehabilitiert werden will.» Der Schauspieler, der sich selbst als «Dialektchamäleon» bezeichnet, hat das Stück von Albert J. Welti von 1939 für die Freilichtaufführung umgeschrieben und erweitert. In der Umgebung müsse man exakt spielen, schnörkellos.

Er schwärmt über seinen Beruf: «Im Theater treffen sich Menschen, die spielen, und andere, die sehen wollen. Diese unglaublich heftige Begegnung im Fragen und Antworten ist grossartig und eine Liebeserklärung ans Leben, denn alle Menschen spielen. Schon von klein auf. Und als sogenannter Erwachsener darf ich als Schauspieler Kind bleiben.»

Auf die Bühne führte den Sohn eines Handwerkers aus Sarnen OW sein Hang zur Ironie, er kam vom Kabarett zum Schultheater. Seine Eltern liessen ihn gewähren, hatten einzig Sorge, ob der Junge denn auch etwas dabei verdiene, erinnert sich Müller-Drossaart lächelnd. Obwohl er von Mario Corti bis Dällebach Kari viele wichtige Charaktere verkörpert hat, ist er vor Auftritten immer noch nervös. «Ist die Angst aber überwunden, setzen die Glückshormone ein, und ich habe Kraft, die Vorstellung zu spielen. So kann Lampenfieber sinn- und energiestiftend sein.»

Schnuckiputz und Weltenbummlerin

Walensee-Bühne, Walenstadt SG
© Geri Born

Patric Scott & Eveline Suter Für den St. Galler ist das Musical ein Heimspiel, für die Wahl-New-Yorkerin eine Rückkehr in die Heimat.

«Die Naturkulisse!», antwortet Sänger Patric Scott, 31, spontan auf die Frage, was das Spiel auf der Walensee-Bühne so speziell mache. Und auch Bella-Darstellerin Eveline Suter, 38, ist verzaubert: «Bei manchem Sonnenuntergang kriege ich richtig Gänsehaut während meiner Auftritte.» Die Zugerin, die meist in New York lebt, ist zum fünften Mal dabei, geniesst am See die Natur und die Ruhe: «Heute habe ich am Ufer Yoga gemacht.» Suter arbeitet auch als Sprecherin und dreht Serien, in der alten Heimat ist sie aber ein Garant für Musicalhauptrollen.

Die Singlefrau mit der feinen Mezzosopran-Stimme liebt ihren Beruf: «In eine Rolle zu schlüpfen, ist für mich wie Urlaub. Ich kann dann abschalten.» Ihr Tick: Hinter der Bühne wartet immer ihr Glücksbringer auf sie, ein Bärli mit Mütze. Das Geschenk ihrer verstorbenen Eltern bedeutet ihr viel. – Für Scott aus Gams SG ist das Engagement ein Heimspiel und Garantie für einen «lässigen Sommer mit Familienzeit», wohnt er doch während der Aufführungen bei seinen Eltern.

Seit der Gründung der Bühne spielt er mit, ob «als Schnuckiputz oder Mörder». 2018 darf der Tenor einen eigenen Song beisteuern, gibt in jeder Show alles. «Wer im Musical Erfolg haben will, muss konstant sein», sagt er über seine lange Karriere. Der Sänger komponiert mit Komponist Martin de Vries, 49, derzeit ein Musical über den Zirkus Knie, findet grosse Broadway-Shows ebenso inspirierend wie Suter.

Ritt ins Abenteuer

Peter Pfaendler, Winnetou II, Freilichtbuehne Engelberg, Engelberg OW
© Geri Born

Peter Pfändler: Als Komiker wechselt er sonst im Sekundentakt die Rollen. Jetzt wird er für einmal zum Bösewicht.

«Sommer und Engelberg, das passt einfach. Das Engagement ist für mich ein Ritt ins Abenteuer», sagt Komiker Peter Pfändler, 57, am Rande der Proben auf der riesigen Freilichtbühne nahe des Titlis. Die Reitkünste sitzen beim ehemaligen Springreiter schon ebenso wie das Wildwest-Outfit und sein Hut. «Da fühle ich mich gleich wie 1899.»

Im Stück spielt er den verirrten und kaltblütigen Händler Rollins, der von Winnetous Feinden gefangen und fast umgebracht wird. Um seinen Kopf zu retten, verrät er Winnetou und Old Shatterhand. Pfändlers erste Theaterrolle! Schwächen? «Mist, ich sehe nicht aus wie George Clooney... Im Ernst, mit diesen Texten tue ich mich noch unendlich schwer.»

Aber an Begeisterung mangelts ihm nicht. Schon als Kind las Pfändler im Obertoggenburg im alten Bauernhaus ohne Strom und Heizung unter der Bettdecke mit der Taschenlampe Karl May. «Ich tauchte ab in den Wilden Westen. Und auf Reisen verliebte ich mich später in die unendlich schöne Landschaft von Montana und Wyoming.»

Während der Spielzeit wohnen seine Frau Sabine, 35, Tochter Ella, 3, und Söhnchen Lio, 3 Monate, mit in Engelberg. Der Papa kann sich gut vorstellen, dass Ella mal als blonde Squaw verkleidet zu einer Vorstellung kommt. Seine Lieben geben ihm Auftrieb. Und auch eine Bühnenliebe ist schon gefunden: «Definitiv mein Pferd.»

Lokalmatador und Grande Dame

Monica Quinter, Jan Simon Messerli, Mamma Mia Musical
© Geri Born

Jan Simon Messerli & Monica Quinter: Der Quereinsteiger und die erfahrene Musicaldarstellerin: «Abba auf Berndeutsch – einfach herzig!»

«Da will ich auch dabei sein», ging es Jan Simon Messerli, 27, durch den Kopf, als er 2007 im Publikum der Thunerseebühne sass. Und tatsächlich: 2018 spielt der Quereinsteiger aus Blumenstein BE, der stets überall auf der Bühne seine Wasserflaschen versteckt, zum siebten Mal mit.

Ihn fasziniert die einzigartige Energie, die die Darsteller mit Tanz, Gesang und Schauspiel erzeugen. Obwohl er mit Abba wenig verbindet, liebt er die Geschichte und die Lieder jetzt schon: «Sie tönen einfach herzig im Dialekt. Sie kommen dann mehr aus meinem Herzen als aus dem Kopf», beschreibt er die berndeutsche «Mamma Mia»-Version.

In Hauptfigur Donna hat Monica Quinter, 53, «ihre Traumrolle» gefunden. Sie ist grosser Abba-Fan, einen Lieblingssong kann sie kaum auswählen. Als Musicalstar mit fast 30 Jahren Erfahrung und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern ist ihr die Rolle wie auf den Leib geschrieben. «Bisher dachte ich, Evita war die Rolle meines Leben, jetzt könnte es Donna werden. Wir haben die gleiche Energie», sagt sie.

Während der Spielzeit wohnt sie in einem Camper direkt am Ufer. «Herrlich!» Die Herausforderung der Ostschweizerin mit der Mezzosopran-Stimme? Berndeutsch zu lernen und ihr Lampenfieber zu bändigen. «Es wird im Alter immer stärker», gibt sie lachend zu. «Mit 25 war ich da ganz unbedarft. Jetzt spüre ich den Erwartungsdruck. Ich spiele die Rolle von Meryl Streep, um Himmels willen!»

Auch interessant