Cavegn, Marti & Co. Schweizer geben sich nicht für Wahlkampf her

Sind bei einer Präsidentschaftswahl so wie im Krieg und in der Liebe auch alle Mittel erlaubt? Nein, finden Schweizer Prominente und rümpfen die Nase über Mitt Romneys derzeitige Wahlhelfer Clint Eastwood und Chuck Norris.

Hand in Hand steht Chuck Norris mit seiner Frau Gena vor der amerikanischen Flagge und prophezeit im Falle einer Wiederwahl Obamas den wahnwitzigen Untergang der Welt. Gena legt nach und spricht von «tausend Jahren Dunkelheit». In ihrer knapp zweiminütigen Ansprache will das Paar aufrütteln und ihre amerikanischen Brüder und Schwestern zum Urnengang am 6. November bewegen. «Unser grossartiges Land und unsere Freiheit sind bedroht und könnten für immer verloren sein, wenn wir nicht unseren Kurs ändern», spricht Norris mit finsterer Miene in die Kamera.

Es ist schon fast unheimlich, wie sich Hollywoodgrössen derzeit im US-Wahlkampf gegen den Demokraten Barack Obama engagieren und mit welch harten Worten gekämpft wird. Ebenso sorgt Clint Eastwoods bedauerlicher Stuhlgang zu Spott und Kopfschütteln. In der Rede des überzeugten Republikaners spricht er zu einem imaginären Obama auf einem leeren Stuhl. «Ist der Alte jetzt völlig durchgedreht?», fragten sich nicht wenige Amerikaner und bezeichneten Eastwoods-Auftritt als surreal. 

VERLUST EINES MYTHOS
Ein guter Zug von einem Politiker, ein schlechter von einem Schauspieler, sich für derartiges beanspruchen zu lassen, findet der Markenexperte Dominique von Matt gegenüber SI online. «Der Prominente verliert etwas von seinem Mythos, wenn er sich für einen Wahlkampf einspannen lässt und kann sich je nach Qualität des Auftritts lächerlich machen.» Die jeweiligen Aussagen seien nämlich immer eine Gratwanderung zwischen Unterhaltungswert und Peinlichkeit, sagt der Experte. 

Beat Marti findet es ebenso «schwierig», wenn sich Stars für einen konkreten Wahlkampf engagieren. «Man sollte sich als bekannte Persönlichkeit nicht von einer regulären Partei oder einer politischen Organisation instrumentalisieren lassen», sagt der in Berlin wohnhafte Schweizer Schauspieler. Für ihn wäre es undenkbar, für eine Partei zu werben. «Aber ich kann eine klare Haltung zu einzelnen Menschen haben. Und wenn es dann ein Politiker ist, der parteiunabhängig seine Arbeit für das gesamte Wohl einer Stadt, eines Landes oder gar international gut macht, dann kann man das durchaus öffentlich äussern. Aber nur, solange es im Sinne von Freiheit, Gleichheit und des globalen Friedens ist.»

Auch Sandro Cavegn könnte kein Politiker zugunsten einer Wahlkampagne für sich gewinnen. Der amtierende Mister Schweiz hält nämlich nicht viel von Partei-Politik. «Ich stehe weder links noch rechts, bei mir geht es immer um die Sache. Ich bin ökologisch, aber auch schweizerisch-traditionell sowie sozial eingestellt. Es gäbe also gar keinen Politiker, dessen Haltung ich zu 100 Prozent unterstützen könnte.» Und mit Nubya könnte ebenso kein Politiker auf Stimmenfang gehen. Die Sängerin hält sich nämlich grundsätzlich in der Öffentlichkeit aus «sämtlichen politischen Angelegenheiten raus».

EINFLUSS AUF DIE WÄHLERSCHAFT
Doch inwiefern haben Prominente überhaupt Einfluss auf das Verhalten der Wähler? «Identifikationsfiguren haben durchaus eine Wirkung auf die öffentliche Meinung. Das wissen wir von zahlreichen Konsumgüter-Kampagnen mit Persönlichkeiten», sagt Agenturinhaber von Matt. «Allerdings nur, wenn deren Auftritt unterhaltend und pointiert ist. Deshalb steht fest: Der Wahlkampf in den USA wird weder von Chuck Norris noch von Clint Eastwood entschieden.» 

WERBUNG? NEIN, DANKE!
Wenn es aber darum geht, auf soziale oder politische Missstände hinzuweisen, so kann man doch den einen oder anderen Schweizer für sich gewinnen. Bestes Beispiel: Viktor Giacobbo. Auf der Website des Satirikers steht ausdrücklich, dass er für keinerlei Werbung oder Aktionen mit werbendem Charakter zur Verfügung stehe. Als es jedoch um seinen in Myanmar inhaftierten Berufskollegen Zarganar ging, war es für ihn im vergangenen Jahr selbstverständlich, der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sein Gesicht und seine Stimme zu verleihen.

Doch die Aktion sei für ihn eine klare Ausnahme gewesen. «Man kann nicht Satire machen und sich verkaufen. Sonst verliert man seine Unabhängigkeit», sagte er Anfang des Jahres in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten». 

Auch Beat Marti kann sich sehr gut vorstellen, mit seinem Namen wohltätige Organisationen zu unterstützen. «Ich bin schon Mitglied bei der Wohnbaugenossenschaft für MCS erkrankte Menschen und stehe mit meinem Namen für das Bau-Projekt ‹Gesundes Wohnen›, welches zu meiner grossen Freude jetzt auch im Raum Zürich organisiert wird.»

Clint Eastwood aber könnte sich zukünftig Peinlichkeiten wie seine Rede mit dem leeren Stuhl sparen, indem er sich wieder voll und ganz auf seine Filme konzentriert. Denn die begeistern auch einen Barack Obama. «Ich bin noch immer ein grosser Fan des Oscar-Preisträgers», sagte der amerikanische Präsident am Sonntag in einem Interview mit der Zeitung «USA Today». Völlig unbeeindruckt von dem prominenten Wahlhelfer zugunsten seines Gegners Mitt Romney. Eastwood sei ein grossartiger Schauspieler und ein noch besserer Regisseur. Und auf die Frage, ob er den Auftritt als beleidigend empfunden habe, sagte er: «Wenn du dich leicht angegriffen fühlst, solltest du dir vielleicht einen neuen Job suchen.»

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