Matthias Sempach Sogar in Argentinien wird er erkannt

Endlich abschalten! Seit er Schwingerkönig ist, kommt Matthias Sempach kaum zur Ruhe. Bei einer Reise durch Argentinien geniesst er das gemächliche Landleben der Viehzüchter und bezirzt Freundin Heidi als Tangotänzer. Zudem staunt er nicht schlecht, als ein Kellner ihn erkennt!

Er ist nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Aber für einmal verschlägts auch Sempach Matthias, 27, die Sprache, als der Kellner eines kleinen Lokals im Nirgendwo ihn erkennt. «El rey de lucha!», ruft der Camarero begeistert - «der König des Kampfes!». Was in keiner Beiz zwischen Sempachs Wohnort Alchenstorf BE und Rorschach SG eine Erwähnung wert wäre, ist hier durchaus ungewöhnlich: in einem verschlafenen Nest im argentinischen Puerto Madryn, in der Provinz Patagonien, gute 11'000 Kilometer entfernt von den Burgdorfer Sägemehlringen, auf denen sich Sempach zum neuen Herrscher der Schweizer Schwingerwelt krönen liess.

Drei Monate ist es nun her seit dem Eidgenössischen. Und der Ruhm des stärksten Emmentalers hat in Tat und Wahrheit die Grenzen der Schweiz nicht gesprengt, ja wohl kaum den Röstigraben überwunden. Dass Sempach am anderen Ende der Welt erkannt wird, liegt an einer argentinischen Zeitung für Deutschsprachige im Land, die den Besuch des Muskelmonarchen angekündigt hat. Im Reich der Gauchos leben rund 15'000 Schweizer. Und bis zu ihnen ist die Kunde von König Mättus Besuch sehr wohl vorgedrungen. Das bringt Verpflichtungen mit sich, zu denen die Schweizer Botschaft Sempach verholfen hat. Mal besucht er auf seiner dreiwöchigen Reise ein Landwirtschaftsprojekt, dann besichtigt er eine Indioschule. «Alles Dinge, die mich sehr interessieren. Deshalb habe ich den Vorschlägen der Schweizer Botschaft gerne zugestimmt», weist Sempach die Vermutung zurück, er hätte eine Promotionstour zu absolvieren.

Dabei heisst doch das oberste Ziel der Reise über den Atlantik: endlich Ruhe! Als «verrückt» bezeichnet Sempach das, was sich seit dem denkwürdigen Schlussgang in Burgdorf gegen Stucki Chrigu in seinem Leben abspielte, auch wenn er die drei Monate intensiv genossen hat. Vor dem Eidgenössischen gabs auf seiner Facebook-Site 3000 Likes, am Tag nach dem Festsieg waren es 30'000. Seinen Telefonbucheintrag liess er am Montagmittag nach dem Titelgewinn löschen, als die Anrufe wildfremder Menschen nicht mehr aufhören wollten. Fanpost, Medien - alles wurde ihm irgendwann zu viel.

Und so kommt die Reise nach Südamerika genau zum richtigen Zeitpunkt. Auch wenn sie schon vor dem Festsieg geplant und teilweise auch gebucht war. Matthias und seine Freundin Heidi Jenny, 31, hegten schon länger den Plan, nach ihren Reisen in Kanada, den USA und in Neuseeland auch einmal Südamerika zu entdecken. Und dass Heidis Schwester Luzia mit ihrem Partner Heinz Habegger - ebenfalls ein Kranzschwinger - dabei sein würde, stand ebenfalls schon fest, ehe Sempach Anfang September schlagartig zu einem der berühmtesten Menschen der Schweiz avancierte. Nur wurde aus dem ursprünglich angedachten Camping-Trip eine durchgeplante Rundreise in fast alle Gegenden des riesigen Landes.

Der Schweizer Botschafter in Argentinien, Johannes Matyassy, erfuhr per Zufall von den Plänen Sempachs und bot sofort seine Unterstützung an. «Dank dieser Hilfe machen wir hier Erfahrungen, die uns sonst kaum möglich gewesen wären», sagt Sempach. Zum Beispiel der Besuch beim Schweizer Samuel Grob, der in Cerrito, 500 Kilometer nördlich der Hauptstadt, eine Farm mit rund 120 Milchkühen führt. Am Abend lädt Grob in seinem Garten zum Asado, zum Barbecue. Es herrscht die totale Ruhe. Metzger Sempach wendet die Filets am Grill und staunt ob der Glühwürmchen. Nur die Mücken trüben das Idyll auf diesem Stück Land, das den Besuchern wie ein anderer Planet erscheint. Grob fährt wöchentlich zwei Stunden ins nächstgelegene Einkaufszentrum. Sempach ist fasziniert von diesem einfachen Lebensmodell. Aber auszuwandern und alles hinter sich zu lassen, kann er sich trotzdem nicht vorstellen.

Auch für Heidi ist der Abstecher zum Hof Grobs ein Höhepunkt der Reise. Die Kommunikationsfachfrau ist aber auch sehr angetan von Buenos Aires. «In der Stadt gehe ich zwei Schritte voraus, auf dem Land Matthias. Wir sind ein gut eingespieltes Reisegespann.» Im Vergnügungsviertel Caminito von La Boca posiert der Schwinger für einige Pesos mit dem Maradona-Double und lässt sich schliesslich auch von seiner Partnerin für einen «Tango-Crashkurs» begeistern. Als die beiden morgens um acht im Café Tortoni im perfekten Tango-Outfit erscheinen, machen die alten Männer hinter ihrer Kaffeetasse grosse Augen. Ein Riese, der sich in aller Herrgottsfrühe in die Geheimnisse des Nationaltanzes einweihen lässt, ist auch für sie nichts Alltägliches. Tanzlehrer Miguel kann kein Englisch, unterrichtet dafür mit Händen und Füssen. Er hakt ein. Fast wie bei einem Gammen. «Das ist noch anstrengend», sagt Sempach und wischt sich eine Schweissperle von der Stirn.

Die Heirat ist im Moment wirklich kein Thema.

Bloss für die Schlagzeile «Tanz ins Eheglück» können die ersten Tangoschritte nicht herhalten. «Was da immer spekuliert wird!», sagt Sempach. «Die Heirat ist im Moment wirklich kein Thema. Das kommt irgendwann einmal. Ebenso wie eine eigene Familie. Nur haben Heidi und ich im Moment erst noch anderes vor. Ich als Schwinger, sie mit ihrem Job bei der Berner Fachhochschule.» Aber gibts wenigstens schon mal die Frage aller Fragen im heissblütigen Ambiente Südamerika? «Auwä!», sagt Sempach. Was dann bei seiner Freundin doch Einspruch provoziert: «Da bin ich altmodisch; ich erwarte schon mal einen richtigen Antrag von Mättu.» Zumal die beiden gerade im siebten Jahr ihres Liebesglücks stehen. Das aber ganz offensichtlich alles andere ist als verflixt.

Rund 50 Prozent will Sempach Matthias künftig neben dem Sport beruflich tätig sein. Ein Stellenwechsel war auf Oktober geplant. Was aber mit all den königlichen Verpflichtungen unmöglich wurde. Jetzt will der gelernte Landwirt und Metzger nach Neujahr sehen, ob sich neue berufliche Wege ergeben, am ehesten in der Landwirtschaft. Die Kunst wird dabei sein, alles unter einen Hut zu bringen. Profischwinger? Da ist der Modellathlet sehr entschieden. «Kein Thema für mich. Ich will mein Leben nicht auf den Kopf stellen wegen dieses Königstitels. Ich brauche auch kein neues riesiges Auto, keine Eigentumswohnung, keine Statussymbole.» Millionenverträge hat ihm der Titel nicht eingebracht. Immerhin räumt er ein, dass «ein Blätz» eigenes Land und vielleicht mal ein Hof darauf sein Traum sind. Eine Vision, die auch für die Entlebucher Bauerntochter Heidi Jenny durchaus verlockend ist.

Vorübergehend wohnt «el Rey de Lucha» schon mal standesgemäss. In der Residenz des Schweizer Botschafters darf Matthias Sempach mit seiner Heidi während des Argentinienaufenthaltes das Bundesratszimmer belegen. Logisch irgendwie: Die Argentinier würden für Messi oder Maradona bei Bedarf bestimmt auch das Zimmer von Präsidentin Kirchner räumen.

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