Die Rothenbühler Kolumne «Sich eine Kugel in den Fuss zu schiessen, ist dumm»

Peter Rothenbühler schreibt jede Woche Persönlichkeiten, die aufgefallen sind. Dieses Mal dem neuen Bundesrat Ignazio Cassis.
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© Keystone

Ignazio Cassi tritt sein Amt als Bundesrat am 1. November angeschlagen an.

Lieber Ignazio Cassis

Als vielsprachiger Waffenkenner ist Ihnen sicher der französische Ausspruch «se tirer une balle dans le pied» – sich eine Kugel in den Fuss schiessen – geläufig. Das ist dumm. Aber sich gleich zweimal in den eigenen Fuss schiessen?

Das erste Mal mit der Rückgabe des italienischen Passes vor der Wahl in der irrigen Überzeugung, dass eine Doppelbürgerschaft nicht kompatibel sei mit dem Bundesrats-Amt. Dann mit dem Beitritt zum Verein Pro Tell, der Schweizer Waffenlobby schlechthin. Das kurz vor der Wahl, um wenige Wochen nach der Wahl gleich wieder auszutreten mit der Begründung, Ihre Mitgliedschaft bei Pro Tell sei «politisch instrumentalisiert» worden.

Einen ersten Eindruck kann man nur einmal machen

Also, wenn Sie jetzt jedes Mal, wenn ein Sätzchen oder eine Tat von Ihnen «politisch instrumentalisiert» wird, einen Umfaller machen, dann guet Nacht am Sächsi für Ihr Verhandlungsgeschick als Aussenminister bei den Verhandlungen mit der EU. Wussten Sie denn nicht, dass man als Bundesrat dauernd im Gegenwind steht? Der heute beim kleinsten Fehler schnell zum Orkan anwachsen kann, auch Shitstorm genannt?

Unser System des Ausgleichs und der Kompromisse

Es ist besser, sich warm anzuziehen, Standfestigkeit zu zeigen und abzuwarten, bis der Sturm vorüber ist. Passen Sie auf, die Schonfrist der ersten hundert Tage für Bundesräte gilt längst nicht mehr! Und: Einen ersten Eindruck kann man nur einmal machen. 

Zurzeit sehen Sie aus wie einer, der schnell bereit ist, sein Hemd zu wechseln, um noch etwas besser auszusehen. Wobei man Ihre Wechselhaftigkeit auch als Vorteil sehen kann: Wenigstens sind Sie anpassungsfähig. Was ja in unserem System des Ausgleichs und der Kompromisse nicht schaden kann.

Mit freundlichen Grüssen
Peter Rothenbühler

Im Dossier: Weitere Rothenbühler-Kolumnen

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