Lara Gut Sie hat das Potenzial zum globalen Star

Die Skirennfahrerin ist zurück. Am Freitag vergangener Woche gewann Lara Gut das erste Weltcup-Rennen seit fast zwei Jahren. Und bewies, dass ihr Sonderzug im Expresstempo fährt.
Glücklich auf dem Podest in Val-d'Isère: Keine lacht herzlicher als Lara Gut.
© Reuters Glücklich auf dem Podest in Val-d'Isère: Keine lacht herzlicher als Lara Gut.

Selbstbewusst oder selbstverliebt? Abgezockt oder abgehoben? Unverstanden oder unverschämt? Die Tessiner Skirennfahrerin Lara Gut, 21, polarisiert wie kaum eine andere Schweizer Athletin. Im sportlichen Halbdunkel der vergangenen zwei Jahre führte dies zu Missverständnissen. Das Wunderkind wurde zu einer egoistischen Zicke. Statt in die Herzen der Fans fuhr Gut auf einem Sonderzug, respektierte nur eigene Regeln und entwickelte eine Immunität gegen Kritik. «Ich mache mein Ding - und das zieh ich durch. Was andere sagen, interessiert mich nicht», tönt das in ihren Worten.

Am Freitag, 14. Dezember 2012, waren alle Einwände mit einem Schlag weggewischt. Nach einer entfesselten Darbietung gewann Gut in der Abfahrt von Val-d’Isère ihre erste Weltcupprüfung seit dem 9. Januar 2011 - und befreite Swiss Ski im 20. Saisonrennen aus der Agonie der Durchschnittlichkeit. Im Zielraum wurde deutlich, wie gross das Potenzial der jungen Fahrerin neben der Piste ist. Auf Französisch diktierte sie den Journalisten von «L’Equipe» druckreife Sätze in den Notizblock, für die CNN-Reporterin wechselte sie wie per Knopfdruck auf Englisch, um dann auf Schweizerdeutsch ebenso souverän Auskunft zu geben wie auf Italienisch.

In der überschaubaren Welt des Skisports besitzt Lara Gut das Potenzial zum globalen Star - kann sportlich wie kommunikativ in der gleichen Liga wie Lindsey Vonn und Tina Maze spielen. Und auch die Optik passt perfekt: Keine lacht herzlicher, keine strahlt heller als der Star aus Sorengo bei Lugano.

Die wiedergewonnene Unbeschwertheit ist das Resultat von viel Arbeit und einer minutiösen Vorbereitung. «Wir mussten in jeder Beziehung sehr hart schaffen - beim Material, im Kopf und in der Physis», erzählt Vater Pauli Gut, sportlich und strategisch der Vordenker im Privat-Team. Gut stellte die Ernährung um, verbrachte so viel Zeit im Kraftraum wie noch nie, sie leistete bei Ski-Tests und Technik-Trainings Sonderschichten - und orientierte sich an den weltbesten Ausdauerathleten. Wenn sie in Zermatt trainierte, schlief sie auf dem Klein Matterhorn auf 3800 Metern über Meer.

Dünn wird jetzt die Luft für ihre Konkurrentinnen. Denn neben dem Coup in der Abfahrt sorgte Gut in dieser Saison auch schon mit Top-Klassierungen im Riesenslalom, Super-G und in der Kombination für Aufsehen. In der Einschätzung von Trainer-Legende Karl Frehsner kann es langfristig nur ein Ziel geben: «Für eine Fahrerin mit dem Potenzial von Lara ist der Gesamtweltcupsieg nicht nur möglich, sondern realistisch.» Rückblickend stuft der Österreicher Guts Verzicht auf Slalomstarts als richtig ein: «Es war wichtig, dass sie sich auf ihre Stärken konzentriert und mit Erfolgen wieder Fuss fasst. Aber der Slalom muss schnell wieder zum Thema werden. Sonst droht sie den Anschluss zu verlieren.»

In der Erfolgsrechnung spielt auch der Verband eine wichtige Rolle. Ohne dessen Infrastruktur und Organisation hat selbst die tapferste Einzelkämpferin einen schweren Stand. Der Wechsel von Mauro Pini zu Hans Flatscher auf dem Cheftrainer-Posten entspannte das Klima sichtlich. «Der neue Trainer arbeitet mit mir, nicht gegen mich», sagt Gut und beweist, dass sie lieber austeilt als einsteckt.

Flatscher setzt auf Kompromissbereitschaft: «Wenn Lara bei uns ist, behandle ich sie gleich wie die anderen Fahrerinnen. Wenn sie etwas allein machen will, kann sie das.» Pauli Gut hebt Flatschers Anteil am Erfolg hervor: «Hans hat eine riesige Erfahrung. Er weiss genau, was wir brauchen - und er weiss, was das Team braucht.» Dass Flatscher für Guts Situation Verständnis aufbringt, liegt auch an der eigenen Geschichte. Seine Ehefrau, die frühere Spitzenfahrerin Sonja Nef, bewegte sich mit ihrem persönlichen Trainer Sepp Brunner ebenfalls auf einer unabhängigen Spur durch den Weltcup.

Das gilt auch für Bode Miller, Alberto Tomba, Anja Pärson, Marc Girardelli. Diese Liste prominenter Namen zeigt, an welcher Klasse sich Lara Gut orientiert. Schöpft sie ihr Potenzial aus und fährt wie in Val-d’Isère, kann sie diesen Anspruch lächelnd erfüllen. In dieser Form ist Gut die Beste.

 

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