77 Bombay Street Sie suchen Inspiration in England

Die Brüder von 77 Bombay Street wohnen wieder unter einem Dach. In London hat die Band ein Haus gemietet. Und dort existieren drei Regeln und drei Kühlschränke. Die «Schweizer Illustrierte» hat die Musiker zu Hause besucht.

Vier Musiker unter einem Dach - und trotzdem herrscht penible Ordnung. Dafür sorgt ihre Putzfee Margrit. Mit dem Staubsauger in der Hand steigt sie die Treppe hinunter. «Zufällig heisst sie genau gleich wie unsere Mutter», sagt Simri, 23. Seit zwei Monaten lebt er wieder mit seinen Brüdern Esra, 26, Matt, 30, und Joe, 28, zusammen. Zwischen den Londoner Stadtteilen Kingston und Putney am Ullswater Crescent, im Haus 43, in vier Schlafzimmern. Zuletzt wohnten die Brüder vor zwei Jahren unter einem Dach. In Scharans GR, im Haus 92, in nur einem Schlafzimmer! Da waren sie noch unbekannte Musiker. Mittlerweile können sie sich eigene Wohnungen und einen kreativen Aufenthalt in London leisten.

Musikalischer Ehrgeiz, nicht brüderliche Liebe ist der Grund fürs erneute Zusammenleben. In der Schweiz haben 77 Bombay Street in den vergangenen Monaten abgeräumt. Das erste Album erreichte Doppelplatin, das zweite Platin. 2012 gewinnen sie zwei Swiss Music Awards, einen Prix Walo und 2013 den Swiss Award in der Kategorie «Show». «Wir haben sehr viel erreicht», sagt Matt. «Nun brauchen wir eine neue Perspektive, gemeinsame Erfahrungen und Inspiration. Das gibt es hier in London.» Ein frei stehendes Haus in der Metropole zu finden - damit ihre Musik nicht die Nachbarn stört -, war schwierig und ist nicht billig. 900 Pfund pro Woche, umgerechnet rund 5000 Schweizer Franken pro Monat kostet die dreistöckige Unterkunft. «Ganz in der Nähe ist Richmond. Dort hat Mick Jagger gelebt», sagt Matt.

War früher Mutter Margrit der Chef im Haus, müssen sie nun ihr Zusammenleben selbst organisieren. Regel Nummer 1: «Jeden Tag wird ein paar Stunden geprobt - ab neun Uhr.» Doch gerade heute bestimmt die Ausnahme die Regel. «Esra kam gestern um Mitternacht vom Pub nach Hause und stellte den Antrag, erst um zehn zu beginnen», sagt Joe. Da alles basisdemokratisch entschieden wird, musste Esra seine Brüder einzeln um das Okay bitten. Das tat er auch - mitten in der Nacht.

Die vier sind trotzdem um neun Uhr wach. «Frühaufsteher» Joe löst mit seinem Frühstück den Feueralarm aus. «Der Toaster hat angefangen zu rauchen, er ist wohl etwas alt.» Die Probe startet schliesslich erst um 10.30 Uhr. Da ist keiner überpünktlich. Wichtiger ist nur, dass Joe nicht vor neun Uhr auf die Idee kommt, auf seiner Gitarre zu spielen. «Das ist meine Regel, denn mein Zimmer liegt gleich über dem Proberaum», sagt Simri.

Nach vierstündigem Proben knurren die Mägen lauter, als die Instrumente klingen. Zeit für Lunch! Regel Nummer 2: «Jeder kocht für sich und kauft auch selber ein.» Was sich nicht nach familiärer Gemeinschaft anhört, ist eigentlich Ausdruck von Toleranz. «In der Schweiz wohnen wir alleine. Jeder von uns hat seine Gewohnheiten», erklärt Joe. «So können wir unsere eigenen Abläufe weiterführen», ergänzt Matt. Im englischen Haushalt der Buchli-Brüder gibt es deshalb drei Kühlschränke - Matt füllt mit seinen Fertigpizzen den Tiefkühler. Esra kocht Pasta, heute mit selbst gemachter Bolognese. Joe hingegen ernährt sich seit einer Woche vegetarisch und widmet sich seinem Gemüse. Und Simri begnügt sich mit Salat und etwas Reis, er achtet auf die Kohlenhydrate. «Ich habe gemerkt, dass ich auf der Bühne bereits nach drei Liedern ausser Puste bin. Jetzt will ich für die Open-Air-Konzerte im Sommer fit werden.» Im örtlichen Fitness-Center in Kingston hat er ein Abo - und das obschon zu ihrem gemieteten Backsteinhaus mit sechs Schlafzimmern und ebenso vielen Badezimmern auch ein Hinterhof mit Jacuzzi und einem Schöpfli gehört. Im Schöpfli hats Laufband, Gymnastikbälle und Sauna. «Frühaufsteher» Joe hatte einst die Idee, vor der Probe das volle Fitness-Programm zu absolvieren. «Ich wollte verschwitzt, nass und nackt wieder ins Haus. Doch meine Brüder haben mich ausgeschlossen!» Matt lacht: «Sorry, ich habe nur gesehen, dass die Türe offen war, und sie zugemacht.»

Simri wendet seinen angebratenen Reis in der Pfanne. «Hey, da ist was auf den Boden gefallen!», bemerken die Brüder. Regel Nummer 3: «Jeder räumt auf und hinterlässt den Raum, wie er ihn vorgefunden hat.» Aufgewachsen in einer neunköpfigen Familie haben sie Ordnung und Sauberkeit früh gelernt. «Wenn du was liegen gelassen hast, rief ein Geschwister: ‹Gefunden, gehört jetzt mir›», erklärt Joe.

Nach der Arbeit und dem Haushalt ist um 18 Uhr Zeit für ein gemeinsames Bier. In Esras Kühlschrank hats zwar noch Bier, das seine Kollegen aus der Schweiz gekauft hatten, «doch ich trinke nie zu Hause. Das schmeckt mir nicht.» Deshalb gehts ins Half Moon Pub. Heute begleiten ihn die anderen nach Putney, denn bereits Mitte Mai endet ihr Londoner Leben, und es geht auf Deutschland-Tour. Im Sommer spielen sie an Schweizer Open Airs, zudem ist soeben ihre Single «Oko Town» erschienen. Darin singen sie über ihre Fantasie-Traumstadt. «London könnte das sein. Ich fühle mich wohl und bereits als Engländer», sagt Esra. Das Musikvideo haben sie spontan in ihrem Hinterhof gedreht. Und Simri, der Jüngste, überlegt gar nach London zu ziehen. Vier Brüder unter einem Dach - und bei den Buchlis existiert dennoch Harmonie.

Auch interessant