In den Pausen schaut er Netflix Unterwegs mit Tour-de-Suisse-Fahrer Silvan Dillier

Das Zielwochenende der Tour de Suisse führt nach Bellinzona ins Tessin. Mit dabei ist der Aargauer Silvan Dillier. Die «Schweizer Illustrierte» hatte den Radrennfahrer bei der dritten Etappe in seinem Heimatkanton begleitet. Sein Tour-Alltag zwischen französischem Vocabulaire, Hudelwetter und den Witzen seiner Copains.
Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Stramme Waden: Im Teambus von AG2R warten die Fahrer auf Instruktionen des sportlichen Leiters.

Es ist ganz still in Salenstein TG über dem Bodensee. Nur ein paar Betreuer des französischen Radteams AG2R beladen den modernen Teambus, der zwischen alten Stallungen steht. Ein Plakat wirbt für die «6. Ostschweizer Chriesistei-Spuckmeisterschaft». Silvan Dillier sitzt mit Teamkollegen beim Hotelzmorge, drei Scheiben Brot mit Ovo-Aufstrich und Konfi auf dem Teller. Was die Männer am Tisch vorhaben, braucht mehr Energie als Chriesisteispucken: neun Etappen Tour de Suisse, 1212 Kilometer und 16 470 Höhenmeter.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter
Klassisch: Silvan Dillier mag beim Zmorge gutes Brot «mit etwas drauf», Konfi oder Ovo-Crunch.
 

Dillier, 27, bleibt nach dem Zmorge gerne noch sitzen und plaudert weiter. Seit dieser Saison fährt der Aargauer für AG2R, nachdem er die vergangenen fünf Jahre beim amerikanisch-schweizerischen Team BMC unter Vertrag gewesen ist. Und die Atmosphäre bei den Franzosen passt ihm. «Wir haben ein paar coole Typen mit gutem Humor», sagt er. «Und zum Glück ist mein Französisch langsam gut genug, um ihre Witze zu verstehen.» Ein bisschen Lachen vor und nach der Arbeit tut gut, das Rennen ist hart genug.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Fliessender Schweiss: Vor dem Mannschafts-Zeitfahren wärmt sich Dillier auf der Rolle auf.

Am Start in Oberstammheim ZH sind die Teamräder fein säuberlich vor dem Mannschaftsbus aufgereiht. Jenes von Dillier ist unter lauter himmelblauen das Einzige in Knallrot – das Privileg des Schweizer Meisters. «Make your own luck» steht auf dem Oberrohr. «Ich finde, man kann das eigene Glück ein Stück weit selbst bestimmen», führt Dillier aus. «Je nachdem, wie man sich vorbereitet und in ein Rennen geht. Es ist nicht alles einfach Glück oder Pech.»

Eine Etappe führte durch Dilliers Heimat

An diesem Montag, der dritten Etappe, gehts in den Aargau, Dilliers Heimat. Die Strecke führt auch durch Schneisingen, wo er aufgewachsen ist, sowie durch Ehrendingen, wo er heute lebt. Deshalb sind seine Eltern Karl, 52, und Verena, 50, vor Ort.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Unterstützung: Dilliers Eltern Karl und Verena kommen, so oft es geht, zu den Rennen in der Schweiz.

Gemeinsam mit Dilliers Frau Cornelia, 27, fahren sie mit dem Velo zum Bergpreis Hagenfirst hoch und harren dort im strömenden Regen aus, bis Silvan vorbeifährt. Neben ihnen ein Banner: «Hopp Silvan». Zu den Dreien haben sich beim stundenlangen Wolkenbruch allerdings nicht allzu viele Menschen gesellt, um die Fahrer anzufeuern.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Ersehnter Kuss: Silvan Dilliers Ehefrau Cornelia wartet im Ziel der dritten Etappe auf ihren Mann.

Eigentlich sind die Dilliers eher Turner als Velofahrer, Cornelia ist Fitnesstrainerin. Vater Karl ist Leiter in der Jugendriege: «Durch Silvan habe ich aber auch Spass am Velofahren bekommen.» Im Juli haben sie alle drei zwei Wochen Ferien genommen. Denn es spricht vieles dafür, dass Silvan zum ersten Mal die Tour de France fahren kann. Dann würde die ganze Familie in die Alpen fahren und zum Schluss auch das legendäre Ende auf den ChampsÉlysées mitnehmen.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Hudelwetter: Kurz vor dem Bergpreis Hagenfirst im Aargau steht Dilliers Familie parat – im Regen.

Vielleicht müssen sie sich dann aber ein anderes Ferienziel suchen. Denn noch weiss Dillier nicht, ob er am Sonntag nach der Tour de Suisse ins Vorbereitungscamp einrückt oder eine ganz andere Planung für den Juli erhält. «Man spürt, dass die Tour bevorsteht», sagt Dillier, der in Frankreich Helfer für den zweimaligen Podiumsfahrer Romain Bardet wäre. «Das Team will die Topfahrer am Start, Gewicht und Fettgehalt werden kontrolliert.» An der Tour de Suisse möchte Silvan sich deshalb durch seine Leistung aufdrängen.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Kollegial: Der Luzerner Mathias Frank (r.) fährt ebenfalls für AG2R.

An der Tour de Suisse kriegt er genug Schlaf

Im Gegensatz zur Tour de France ist die Schweizer Rundfahrt für die Fahrer neben der Strecke recht entspannt. Dillier geht meistens gegen 23 Uhr zu Bett und schläft mindestens neun Stunden pro Nacht. Mit wem er das Zimmer teilt, spielt ihm keine Rolle: Er mag es, seine Teamkollegen von einer anderen Seite kennenzulernen. «Das Wichtigste ist, vor dem Schlafrhythmus des Zimmerpartners Respekt zu haben, dann gehts gut.»

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Locker: Bei durchschnittlich 135 Kilometern pro Tag ist die Massage für die Regeneration wichtig.

Für tiefgehende Gespräche mit den Mannschaftskollegen fehlt ihm der französische Wortschatz noch. Beim Rennfahreralltag kann er mithalten, «aber wenn einer über seine Probleme mit einer Hausinstallation spricht, komme ich an meine Grenzen», bemerkt er trocken.

Dillier nutzt die freien Stunden oft, um sich auf seinem kleinen Smartphone Netflix-Dokumentationen und Serien wie «Narcos» oder «El Chapo» anzusehen, die beide von Kolumbiens Drogenbaron Pablo Escobar handeln, über den Dillier schon Bücher gelesen hat.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Entspannend: Silvan Dilliers Abendprogramm besteht aus Serien schauen und Beine hochlagern.

Was ihn zudem zur Tour begleitet: ein goldenes Armkettchen. Seit er bei einem Sprung über einen Zaun mit seinem Ehering hängen geblieben ist und sich fast den Finger abgerissen hat, trägt er statt des Rings das Kettchen ums linke Handgelenk.

Ein Andenken ganz anderer Art bewahrt er zu Hause auf: ein Pflasterstein, der zeigt, dass er beim berüchtigten Eintagesrennen Paris–Roubaix im April auf dem Podest stand. Sein zweites herausragendes Ergebnis nach einem Etappensieg am Giro d’Italia 2017.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter

Pingelig: Einrollen fürs Team-Zeitfahren: Jede Kurve des Kurses wird genaustens studiert.

Ist sein Ansehen im Feld seither gestiegen? «Am zweiten Tag der Tour de Suisse hat mir André Greipel für den Effort gratuliert», erzählt Dillier. «Das ist schon cool, wenn dir solch grosse Fahrer gratulieren» – der deutsche Sprinter ist 22-facher Etappensieger an den drei grossen Rundfahrten.

Dillier schätzt es, dass es bei seinem neuen französischen Team ein wenig lockerer zugeht als bei BMC. «Ich bin am besten, wenn ich ohne Druck und mit Spass auf dem Velo fahren kann, aus Instinkt attackieren darf.» Dafür spürt man auch die Abstriche, die das wesentlich kleinere Budget mit sich bringt: Arzt, Osteopath und Medienbetreuer etwa sind nicht wie bei den grössten Teams während der ganzen Rennwoche vor Ort.

Silvan Dillier Tour de Suisse 2018 Begleitung 3. Etappe
© Stefan Walter
Wissenschaftlich: Dillier speist die Daten seines Velo-Computers zur Überprüfung ein.
 

Im Aargau kämpft Dillier letztlich glücklos. Nach dem Rennen steht er mit einer Schale Reis mit Früchten und Schokolade vor dem Teambus und spricht mit seiner Familie. Noch hat er Chancen auf einen Etappensieg. Und sonst, wer weiss, vielleicht in Frankreich? Ans Land angenähert hat er sich dank seinem neuen Team ja nun.

Auch interessant