Skirennfahrer Marc Gisin über seine Momente auf der Streif «Ich dachte ans Aufhören»

Nach seinem sensationellen 5. Platz in Kitzbühel fuhr Marc Gisin in der heutigen Abfahrt von Garmisch-Partenkirchen etwas zu verhalten und schaffte es nicht unter die Top 30. Die «Schweizer Illustrierte» hat den Skirennfahrer diese Woche zum Gespräch getroffen und mit ihm über Momente der Verzweiflung und Freudentränen gesprochen.
Marc Gisin Porträt in Engelberg aufgenommen
© Remo Naegeli

Zwischenstopp: Marc Gisin nach dem Kitzbühel-Erfolg im Restaurant Alpenclub in Engelberg OW: «Zu Hause kann ich Kraft schöpfen.»

Sportmittelschule Engelberg. Feuerwehrlokal. Hier werden keine Brände gelöscht, sondern Muskeln gestählt. Marc Gisin, 29, lässt eine Langhantel zu Boden sinken und wischt sich den Schweiss von der Stirn. «Früher hab ich schon grössere Gewichte gehoben», sagt er lachend.

Marc Gisin
© Remo Naegeli

Erleichtert: «Ich hab früher schwerere Gewichte gestemmt. Heute quäle ich mich nicht mehr bis zum Umfallen.»

Gisin beschert der Ski-Schweiz den emotionalsten Moment des Winters

Der 29-jährige Skirennfahrer befindet sich in seinem Heimatort auf der Durchreise – zwischen den Weltcup-Abfahrten in Kitzbühel und Garmisch. Seit vergangenem Samstag ist nichts mehr, wie es war – im positiven Sinn.

Der fünfte Platz auf der Streif, die selbst hartgesottenen Routiniers das Blut in den Adern gefrieren lässt, war ein Befreiungsschlag wie aus einem Sport-Märchen. «Als ich das Resultat sah, war ich überglücklich», sagt Gisin. Dabei ist in Kitzbühel allein das Ankommen ein Erfolg: «Auf dieser Strecke befindet sich der Körper in permanenter Alarmbereitschaft. Das Adrenalin steigt bis unter die Augenbrauen.»

Die Mischung aus Anspannung und Erleichterung führt bei Gisin zu einer Reaktion, die man von einem der längsten Abfahrer der Geschichte (198 cm) nicht erwartet: Im Interview mit SRF-Mann Paddy Kälin stockt seine Stimme, der Blick wird glasig, er muss das Gespräch schluchzend abbrechen. Drei Tage später lacht Gisin darüber: «So etwas ist mir noch nie passiert. Ich habe mich normalerweise im Griff.»

Marc Gisin schluchzend nach Abfahrt in Kitzbühel
© Screenshot/SRF

Schluchzend: Marc Gisin im Zielinterview mit Paddy Kälin nach der Abfahrt in Kitzbühel.

Gisin hat schlimme Erinnerungen an die Streif

Doch in Kitzbühel ist nichts normal, schon gar nicht für Gisin. Auf der Streif stürzt er vor drei Jahren im Super-G fürchterlich. Zehn Minuten liegt er bewusstlos im Schnee. Im Spital wird eine Hirnblutung diagnostiziert. Trotzdem scheint der Obwaldner mit einem blauen Auge davonzukommen. Die sich einschleichenden Schlafstörungen und das Pfeifen im Ohr wertet er nicht als alarmierende Zeichen.

Im Sommertraining gibt er bereits wieder Vollgas – und exakt ein Jahr nach seinem Crash feiert er Anfang 2016 just in Kitzbühel mit dem fünften Platz seinen grössten Karriereerfolg. Dass sein Körper nach wie vor nicht im Gleichgewicht ist, schiebt er von sich. «Ich dachte, dass ich den Sturz endgültig hinter mir gelassen hatte.»

Marc Gisin in Engelberg
© Remo Naegeli

Kloster Engelberg: Hier besuchte Marc Gisin die Sportmittelschule. Heute nutzt er deren Kraftraum.

«Wieder wachte ich jede Nacht um halb vier auf.»

Gisin klammert sich an die Hoffnung. Doch im Oktober 2016 holen ihn die Beschwerden ein: «Wieder wachte ich jede Nacht um halb vier auf.» Die Erinnerungen an jene Zeit sind noch präsent: «Mein Körper stand wie unter Strom – obwohl ich eigentlich müde war.» Er geht jeden Abend mit dem Gedanken ins Bett, wieder mitten in der Nacht aufzuwachen: «Schlafstörungen fressen dich langsam von innen auf.»

An sportliche Höchstleistungen ist nicht zu denken – allein aus Sicherheitsgründen: «Es ist unmöglich, eine Abfahrt im übermüdeten Zustand kontrolliert zu bewältigen.» Der Athlet zieht die Notbremse: Nach den Rennen in Val d’Isère beendet er die Saison 2016/2017 schon im Dezember. Der kommunikative und lebensfrohe Sportler baut eine Mauer um sich auf: «Ich liess nur noch meine Familie und meine Freundin an mich heran.»

Marc Gisin mit Schwester Dominique und Michelle Gisin
© Remo Naegeli

Super-Trio: Marc mit seinen Schwestern Michelle und Dominique (r.): «Die Geschichte von Dominique gab mir Hoffnung.»

Kein Arzt kann Abhilfe schaffen

Die Schulmedizin kann ihm nicht helfen: «Ich zeigte nicht die gewöhnlichen Symptome nach einer Hirnverletzung. Niemand konnte meine Schlafstörungen einordnen.» Gisin sucht Hilfe: «Bei Pontius und Pilatus» – bei Homöopathen, Kinesiologen, Akupunktur-Spezialisten. Doch auch deren Methoden greifen nicht. «Ich dachte ans Aufhören», blickt er zurück.

Was ihn letztlich wieder ins Gleichgewicht gebracht hat, kann er heute noch nicht sagen: «Vermutlich brauchte mein Körper die Zeit der Regeneration. Nach einer längeren Phase ohne Belastung verbesserte sich mein Zustand.» Kontinuierlich nimmt die Qualität des Schlafes wieder zu. Er zieht auch im Training die Konsequenzen: «Ich stellte Dosierung und Plan um, hörte auf, mich bis zum Umfallen zu quälen.»

Seit dem Kitzbühel-Erfolg vom vergangenem Wochenende blickt Gisin als Sportler wieder voller Zuversicht nach vorne. Die Selektionskriterien für die Winterspiele hat er erfüllt. Und was dort selbst mit einer langen Krankenakte möglich ist, zeigte seine ältere Schwester Dominique Gisin, 32, mit dem Abfahrtstriumph vor vier Jahren in Sotschi. Ein so spektakuläres Happy End würde auch perfekt zur Geschichte ihres Bruders passen.

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