SRG-Generaldirektor Gilles Marchand im Interview «Die SRG gehört dem Volk»

Wie geht er in die Geschichte ein – als Retter der SRG oder als ihr Totengräber? Generaldirektor Gilles Marchand gibt sich bescheiden, verspricht Reformen und beteuert, dass er auch unter Druck wie ein Baby schläft.
SRG Generaldirektor Gilles Marchand SI Shooting Januar 2018
© Kurt Reichenbach

Frankofon: Der neue SRG-Generaldirektor liest im Berner Kult-Restaurant Lorenzini «Le Monde». Er hat in Paris die Schule besucht und in den letzten Monaten sein Deutsch verbessert.

Geboren ist er in Lausanne, aufgewachsen in Paris und Genf. Sein Vater ist Franzose, seine Mutter Schweizerin, beide von Beruf Fotografen – Gilles Marchand, 55, ist durch und durch frankofon geprägt und in der Medienwelt daheim. Er studierte Soziologie in Genf, arbeitete zuerst als Buchverleger, dann als Direktor von Ringier Romandie und des Westschweizer Radio und Fernsehen RTS.

Mit seiner Frau Victoria – die Journalistin betreibt die digitale Plattform Cominmag – ist der neue SRG-Generaldirektor vor Kurzem nach Bern gezogen. Am Wochenende kommt jeweils Tochter Alma, 20, heim. Sie studiert Jura in Genf. Und über Weihnachten war auch Sohn Hugo, 23, da – er lebt in Montreal und studiert Politikwissenschaften.

«Schweizer Illustrierte»: Monsieur Marchand, seit gut drei Monaten sind Sie Generaldirektor der SRG – die Probezeit haben Sie offenbar überstanden.
Ja (lacht)! So habe ich mir das noch gar nie überlegt. 

Haben Sie sich in Bern eingelebt?
Es ist ganz anders als in Genf. Aber es gefällt uns gut, Bern ist eine ruhige, schöne Stadt. Unser Haus in der Nähe von Genf haben wir verkauft, jetzt wohnen wir am Hirschengraben in einer Mietwohnung, fünf Minuten vom Bahnhof. Das ist für mich perfekt. Denn in meinem Job bin ich stets unterwegs: Basel, Zürich, Lausanne, Genf, Luzern, Chur, Lugano.

Erstmals leben Sie in der Deutschschweiz. Eine grosse Umstellung?
Ja, sehr! Hier wird alles viel mehr vorbereitet und verbindlicher kommuniziert, in der Romandie besteht mehr Platz für Interpretation und Improvisation. Aber auch innerhalb der einzelnen Sprachregionen gibt es grosse Unterschiede. Lausanne tickt anders als Genf, Bern anders als Zürich.

SRG Generaldirektor Gilles Marchand SI Shooting Januar 2018
© Kurt Reichenbach
Mobil: Gilles Marchand ist in Bern am liebsten zu Fuss oder im Tram unterwegs. Erkannt wird der SRG-Chef in der Deutschschweiz noch nicht.

Die Schweiz wird besonders geprägt durch den ländlichen Raum. 
Ja, das ist die Vielfalt unseres Landes. Wir versuchen mit den Fernseh- und Radioprogrammen, die Städte und die Berge zu erreichen.

Welchen Bezug haben Sie persönlich zu den Bergen?
Seit ich zwei Jahre alt war, fahre ich gerne Ski, immer in Les Diablerets, an der Sprachgrenze also. Seit ein paar Jahren habe ich breite Freeride-Ski und liebe die steilen Pulverhänge. Für meine anderen Hobbys – Reiten und Reisen – fehlt mir momentan die Zeit. Jetzt ist die SRG mein Leben.

Ihr Vorgänger Roger de Weck war sehr bekannt, er eckte aber auch an. Sie hingegen wirken eher blass. 
Ich suche keine Öffentlichkeit, mein Job findet nicht vor, sondern hinter der Kamera statt. 

Aber Sie sind der Chef.
In einigen Monaten oder Jahren wird man mich in der Deutschschweiz kennen. Das war auch in der Romandie so. Zuerst hiess es dort: Wer ist dieser Marchand, was macht er beim Fernsehen? Mein Ziel ist, im Hintergrund gute Programme zu entwickeln. Zurückhaltend, aber glaubwürdig! 

Dafür sind Sie der richtige Mann?
Ich komme aus dem Programmbereich, weiss genau, was machbar ist und was nicht, und habe auch international ein gutes Netzwerk.

In normalen Zeiten hätten Sie die Generaldirektion übernommen und sich um operative und inhaltliche Fragen gekümmert.
Ja, es kam anders … Diese No-Billag-Initiative erzeugt einen existenziellen Druck auf unser Unternehmen mit den 6000 Mitarbeitenden. Daher bin ich sehr fokussiert und versuche, präsent zu sein und die Rahmenbedingungen zu sichern. Für alle anderen Aktivitäten habe ich momentan nicht viel Zeit.

SRG Generaldirektor Gilles Marchand SI Shooting Januar 2018
© Kurt Reichenbach

Gilles Marchand: «Wir entwickeln die Vision für eine neue, andere SRG.»

Was können Sie im Abstimmungskampf bewirken?
Die SRG darf selber ja keinen Abstimmungskampf führen. Als Westschweizer kann ich vielleicht eine etwas andere Perspektive einbringen. Ich versuche auch, der SRG eine Vision über die Abstimmung hinaus zu geben. Denn auch nach einem Nein zu «No Billag» muss sich die SRG verändern.

Davon ist nicht viel zu spüren.
Dafür ist es auch noch zu früh. Es wäre unseriös, inmitten dieser Abstimmungsdebatte unsere Zukunft zu planen, ohne zu wissen, ob es uns nach der Abstimmung überhaupt noch gibt.

Doch die SRG kommt nicht um Reformen herum?
Ja, die SRG kann nicht so bleiben, wie sie zurzeit ist. Obwohl unsere Programme sehr geschätzt werden. Das geht in der aktuellen Debatte oft vergessen. Eine Veränderung brauchts aber nicht nur wegen der Abstimmung, sondern weil sich Gesellschaft, Mediennutzung und Markt verändert haben. Unser Menü wird künftig weniger linear und mehr à la carte sein. Und ab 2019 haben wir tiefere Gebühren, das erfordert eine grosse Sparübung.

Wo werden Sie sparen?
Es wird zwei Phasen geben. Zuerst müssen wir konkret und rasch Dutzende von Millionen einsparen, ohne unseren Leistungsauftrag zu sehr zu gefährden. Dann wollen wir die Vision für eine neue, andere SRG entwickeln. Dieser Prozess benötigt mehr Zeit.

Wird die SRG auch endlich kleiner?
Manche finden, die SRG sei zu gross, und denken dabei an die Anzahl Kanäle. Dabei sind diese im digitalen Zeitalter gar nicht so entscheidend. Wesentlich sind andere Fragen. 

Zum Beispiel?
Bieten wir ein Vollprogramm für die ganze Bevölkerung? Können wir die Informationen in allen vier Landessprachen gleichwertig liefern? Fördern wir weiterhin Filmproduktionen? Und schliesslich geht es um die Produktionsmittel und die Organisation.

Haben Sie dafür eine Strategie?
Ja, in meinem Kopf sehe ich den Weg. In den vergangenen Jahren habe ich bereits RTS in der Westschweiz reformiert. Aber das ist nicht ein Ein-Mann-Entscheid. Wir sind ein Team. Diesen Weg müssen wir bei der SRG und allen Sendern miteinander gehen.

Die neuen Umfragen versprechen ein Nein. Schlafen Sie wieder gut?
Ich schlafe immer sehr gut, wie ein Baby, selbst wenn ich unter Druck stehe (lacht). Aber ich bin Soziologe und kann solche Umfragen einordnen. Die Abstimmungsdebatte geht weiter und bleibt hart.

Müssten Sie nicht jetzt noch konkrete Massnahmen präsentieren, um «No Billag» zu bodigen?
Mais non! Das wäre nicht seriös. Es wäre opportunistisch, und das ist in einer solch wichtigen Debatte fehl am Platz.

SRG Generaldirektor Gilles Marchand SI Shooting Januar 2018
© Kurt Reichenbach

Stefan Regez, Co-Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten», im Gespräch mit SRG-Generaldirektor Gilles Marchand (r.).

Kein Austritt aus Admeira also, der gemeinsamen Vermarktungsfirma von SRG, Ringier und Swisscom?
Wir sind jederzeit bereit, bei Admeira eine faire, konstruktive Lösung zu finden – insbesondere, was unsere Beteiligung anbelangt.

Oder, wie Roger Schawinski vorgeschlagen hat, eine Fusion von Radio SRF 1 und SRF 3?
Das ist seine Idee. Ich respektiere die Erfahrung von Schawinski, aber es gibt auch andere Ansätze.

Im europäischen Vergleich hat die SRG die höchsten Gebühren, am wenigsten Werbeeinschränkungen und den grössten Spielraum für neue, personifizierte Werbemöglichkeiten. Sie haben das Weggli, den Fünfer und das Retourgeld!
Nein, das ist so nicht korrekt! Wir senden in vier Sprachen, doch unsere SRF-Sender sind günstiger als der ORF. Wir haben 1,65 Milliarden Einnahmen. Das ist für die Schweiz zwar viel, verglichen mit Italien, Frankreich oder Deutschland jedoch wenig. Dort haben die öffentlich-rechtlichen Sender zwischen 3 und 8 Milliarden. Die Produktionskosten sind im TV-Bereich jedoch grossmehrheitlich gleich, egal ob für einen oder eine Million Zuschauer. Und 25 Prozent unserer Einnahmen kommen aus der Werbung, vergleichbar mit anderen TV-Sendern.

Diskutieren Sie am Küchentisch mit Ihrer Frau über «No Billag»?
Jeden Morgen, jeden Abend – das ist eine «never ending story» (lacht).

Was sagen eigentlich Ihre Kinder über die SRG? Sie gehören ja zur Youtube-Generation, die kaum mehr Schweizer Fernsehen schaut.
Ja, meine Kinder schauen auch Youtube, zugleich erkennen sie, was eine gute Produktion bedeutet. Entscheidend ist die Produktion, nicht der Distributionskanal.

Welche Sendungen schauen Sie persönlich?
Informationssendungen, Dok-Filme und grosse Sportereignisse wie das Lauberhornrennen oder Olympische Spiele. Am Morgen höre ich regelmässig Radio.

Wie werden Sie in die Geschichte eingehen? Als Retter der SRG – oder als ihr Totengräber?
Ich weiss es nicht. Aber ich gebe mein Bestes, dass die SRG überleben wird. Das ist wichtig für unser Land, denn die SRG gehört der Bevölkerung!

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