Michel Gammenthaler «Privat bin ich kein betrügender Scharlatan»

Kein Hokuspokus. Vom KV-Lehrling zum Star-Magier. Hinter der Erfolgsgeschichte von Michel Gammenthaler stecken ein paar richtig gute Tricks. Und seine starke Familie.
Magier Michel Gammenthaler zeigt Haus & Familie
© Fabienne Bühler

Zauberei bei Lio, Michel, Caro und Yann Gammenthaler (v.l.)? Nein, Gaffa-Klebeband!

Wie macht man aus 5 + 5 + 5 = 550 eine Gleichung, die aufgeht? Mit einem einzigen Strich, behauptet Lio, 8, und drückt seinem Papi den Zettel mit der gekritzelten Rechnung in die Hand. Michel Gammenthaler, 41, überlegt zwei Sekunden. Dann greift er zum Bleistift und setzt den fehlenden Strich. Enttäuschung auf Lios Gesicht. Papi hat einfach viel zu viel Übung in solchen Dingen! Der Star-Magier aus dem Kanton Aargau liebt Rätsel. Sie gehören genauso zu seiner Zauberwelt wie Tricks und Finten. Denn wirklich hexen kann Michel nicht, das gibt er im Titel seines neuen Programms «Scharlatan» offen zu. Im Stück narrt Gammenthaler seine Fans und beraubt sie ihres Hab und Gedankenguts - entzaubert jedoch alles Übersinnliche. «Um es diplomatisch auszudrücken: Ich habe noch nichts gesehen, was mir das Gefühl gab, es sei keine Täuschung.»

Auch beim «Scharlatan» zu Hause wird gemogelt. Etwa wenn es darum geht, für das Fotoshooting mit der «Schweizer Illustrierten» eine Ananas fliegen zu lassen. Diesmal ist es jedoch nicht der Magier, der in die Trickkiste greift, sondern dessen pragmatische Ehefrau Caro, 39. «Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wirft jemand von unten die Ananas hoch. Oder wir hängen sie an einem durchsichtigen Faden an die Decke.» Nach kurzem Werweissen darüber, ob Gaffa-Klebeband wohl an Sichtbeton hafte, holt Yann, 13, die Rolle hervor. Befestigen muss der Vater. Er kommt mit seinen 194 Zentimetern Körpergrösse auch ohne Schemeli an die Küchendecke.

Vor fünf Jahren haben Gammenthalers ihr Traumhaus am Riniker Waldrand bezogen. Es entstammt der Feder des renommierten Architekten Norbert Walker aus Brugg AG. Aufgrund von Michels Körpergrösse waren eine XL-Badewanne, erhöhte Küchenelemente und Platz im Schlafzimmer für ein Bett mit den Massen 230 mal 230 Zentimeter vorgegeben. «Ansonsten liessen wir Walker bei der Planung völlig freie Hand.» Entstanden ist ein schlichtes Gebäude aus Holz und Beton mit konisch angeordneten Wänden. Der Grundriss gleicht einem Flipperkasten. «Oder einem Sarg, das ist eine Frage der Interpretation», scherzt der Magier. Der schwarze Humor liegt ihm genauso wie die schwarze Magie. «Aberglaube und Okkultes haben mich immer fasziniert. Auch wenn ich nicht daran glaube.» Da überrascht es wenig, dass eine pechschwarze Katze durch die eigenwillig geformten Räume schleicht. Da habe der Zufall eine Pointe gesetzt, sagt Caro. «Mogli befand sich noch im Bauch seiner Mutter, als wir zusagten, ihn zu uns zu nehmen.»

Nur geringfügig älter war Michel, als er beschloss, die Welt an der Nase herumzuführen. Im Alter von sieben Jahren entdeckt er den Zauberkasten seiner Cousine und übt erste Kartentricks. «Mir war sofort klar, dass ich Magier werden will.» Da Michels Eltern die Begeisterung für seinen Berufswunsch nicht teilen, macht er ihnen die Freude und absolviert eine solide Grundausbildung als kaufmännischer Angestellter. Mittlerweile ist er nicht nur als zaubernder Kabarettist, sondern auch als Moderator erfolgreich. «Seine Leidenschaft zu finden, ist ein Geschenk. Diese zum Beruf machen zu können, ein noch viel grösseres.»

Eine seiner Leidenschaften allerdings, das Schauspielern, hat Michel an den Nagel gehängt. Die schrulligen Figuren, hinter denen er sich auf der Bühne jeweils versteckte, sind passé. Im fünften Soloprogramm ist Gammenthaler ganz er selber. Das gefällt vor allem seiner Frau. «Ich freue mich, dass er dazu endlich den Mut hat», sagt die Fotografin und Kulturmanagerin des Vereins rinikenLIVE. Und versichert: «Der Michel, den das Publikum auf der Bühne sieht, entspricht ziemlich genau meinem Exemplar zu Hause.» Allerdings sei er privat kein betrügender Scharlatan, beteuert Michel. «Wenn es einen Ort gibt, an dem ich hundertprozentig ehrlich sein kann, dann bei meiner Familie.» Im Gegenzug ist Caro - neben Regisseurin Bettina Dieterle - seine schärfste Kritikerin. «Sie ist immer die Erste, der ich neue Nummern zeige. Sagt sie ‹hmm› dazu, weiss ich, dass ich die Idee gleich wieder vergessen kann.»

Auch die Haftfähigkeit von Gaffa hat Caro richtig beurteilt: Das Ananas-Bild ist im Kasten. Und Lio hat Zeit, einen neuen Zettel zu bekritzeln. «Mami, willst du probieren? 5 + 5 + 5 = 550. Mit einem einzigen zusätzlichen Strich stimmt die Rechnung.» Caro macht ihm die Freude und brütet ein paar Minuten über dem Rätsel, bevor sie aufgibt. «Ist doch ganz einfach!» Lio setzt den Bleistift an, macht das erste Pluszeichen zu einer Vier und sieht stolz in die Runde. Jetzt steht da: «5 4 5 + 5 = 550».

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