Steffi Buchlis WM-Kolumne Die Fussball-Stars im Viehgatter

Sie ist unsere WM-Kolumnistin! Steffi Buchli, 39, Moderatorin und Programmchefin des Sportsenders MySports. Bis 2017 arbeitete sie fürs SRF – auch an mehreren Fussball-Grossanlässen. In ihrem ersten Beitrag beschreibt sie die mühsame Arbeit von Journalisten an einer Fussball-WM.
Steffi Buchli Homestory
© Geri Born

Steffi Buchli, 39, ist Moderatorin und Programmchefin des Sportsenders MySports. Bis 2017 arbeitete sie fürs SRF – auch an mehreren Fussball-Grossanlässen.

Mit Panini-Sammeln habe ich aufgehört, als für ein Heft über 500 Chläberli nötig waren. Bis dahin gehörte das Sammeln der Spielerporträts zu meinem Turnier-Vorbereitungsritual. Irgendwann kommen die Aufgebote und damit der Frust für den emsigen Sammler: Bild 582 ist nach einem Beinbruch seit Wochen in der Rehabilitation, Bild 361 hat sich mit dem Trainer überworfen und figuriert auch nicht im Aufgebot, und Bild 286 hat spontan entschieden zurückzutreten. Alles ist im Fluss, nichts ist sicher! 

Dies gilt auch für die journalistische Arbeit vor Ort: Nicht jeder, der auf dem Platz gestanden hat, gibt nach dem Spiel auch Interviews. Ein fixer Treffpunkt für Film-Aufnahmen wird gern auch mal ohne Vorwarnung abgesagt. Alle Beteiligten stehen unter Hochdruck, da muss hin und wieder eine Notlüge her, um einen Journalisten auf Distanz zu halten. «Er hat noch Physiotherapie» ist während einer Weltmeisterschaft der Code für «Lasst ihn in Ruhe!»

Fussball-WM Finale 2014
© Getty Images

Schwierige Symbiose: Das deutsche Team nach dem WM-Finalsieg 2014 gegen Argentinien im Pulk der Medienleute.

Manche Ballkünstler wollen einfach nur spielen

Nun finden wir Journalisten solche Antworten natürlich immer die absolute Höhe. «Wir wollen ja nur unseren Job machen!», rufen wir empört und gemahnen mit Schnappatmung an die Fairness und an die gute Erziehung. Und überhaupt und sowieso: Die sollen nicht so tun, nur weil sie gut Fussball spielen können.

Nun, wenn die Welt so einfach wäre. Manchmal vergessen wir wohl, dass nicht jeder Fussballspieler auch ein Entertainer ist, der das Mikrofon oder die Kamera sucht wie die Anspielstation oder die linke hohe Torecke. Manche Ballkünstler, da bin ich mir sicher, wollen doch einfach nur spielen. Interviews sind notwendige Übel und wenn möglich zu umgehen. 

Der Medienmensch wird am Zaun zum Taktiker

Geht das durch als Grundhaltung eines Fussballers? Wohl nicht mehr. Aus dem Spiel Fussball ist längst eine Vermarktungsmaschine geworden. Deshalb werden sogenannte «Mixed Zonen» gebaut, abgesperrte Bereiche, in denen Interviews gemacht werden dürfen. Die Spieler werden nach verrichteter Arbeit durch ein Viehgatter geschleust, und die Journalisten stehen sich ennet dem Zaun gegenseitig auf den Füssen. Der Medienmensch wird am Zaun zum Taktiker: «Ich stelle mich ganz nah zum portugiesischen Staatsfernsehen, dort hält der Ronaldo sicher!» Erfolgsgarantie hat er damit noch keine. Jeder mitgehörte Halbsatz wird deshalb notiert. Daraus werden dann lange Artikel und Schlagzeilen gebastelt. Es ist ein Chrampf.

Nur ganz wenige, auserwählte Medienleute werden in den kommenden fünf Wochen gepflegte Interviews führen dürfen. Alle anderen Journalisten werden sich damit begnügen müssen, dass sie Bildli-Nummer 328 haben vorbeigehen sehen. Immerhin. «Und der ist im Fall gar nicht so gross, wie er am TV aussieht!» Als Souvenir dienen die hoffentlich prall gefüllten Panini-Alben. Bei mir im Keller lagern auch noch einige.

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