Steffi Buchlis WM-Kolumne Kein Appenzeller Klatschwalzer auf Lanzarote

Sie ist unsere WM-Kolumnistin! Steffi Buchli, 39, Moderatorin und Programmchefin des Sportsenders MySports. Bis 2017 arbeitete sie fürs SRF – auch an mehreren Fussball-Grossanlässen. In ihrem vierten Beitrag beschreibt Buchli, warum Public Viewing wirklich nichts für sie ist, und weshalb sie sich mit Schweden versöhnen konnte.
Steffi Buchli Homestory
© Geri Born

Ich habe es getan. Ich habe ge-public-viewt. Die Zuschriften von Ihnen nach meiner letzten Kolumne haben mir Mut gemacht. ‹Jetzt gib dir einen Schupf!›, habe ich mir gedacht und mich nachmittags in meinen Ferien auf Lanzarote in ein Irish Pub gesetzt, mit einem Kaffee vor und meinem Mann neben mir.

Ich hätte es ahnen müssen: Die Kulisse war schon vor dem Spiel eine traurige. Ich zählte 13 Nasen, Sonne auf dem Bildschirm von links, das nervige Piepsen eines maroden Flipperkastens von rechts. Im Rücken vier Deutsche, die sich demonstrativ vom Bildschirm abwandten, als ob da nichts wäre in Russland. Vor uns sassen drei laute Engländer, die sich aufwärmten für das Abendspiel, das ihnen das Sommermärchen bringen sollte, das uns verwehrt blieb.

Die Schweizer WM-Geschichte ist ein Drama

Wie gerne hätte ich doch am Ende des Spiels auf dem wackeligen Pub-Tisch in den Flip-Flops spontan und überschwänglich einen Appenzeller Klatschwalzer zum Besten gegeben und mich somit mit dem Phänomen Public-Fussball-Viewing versöhnt. Aber eben, unsere Schweizer WM-Geschichte ist kein Märchen, sondern ein Drama. ‹Wenn›, ‹wäre!› und ‹hätte› nützen nichts. Aus im Achtelfinal – aua. Statt dem ‹Schweizerpsalm› scherbelt im Pub Pink Floyds ‹Dark Side of the Moon› aus den Lautsprechern. Melancholie pur.

Da wird selbst eine Frohnatur wie ich schwermütig. Ich leide mit Manuel Akanji, dem 22-jährigen Purscht aus Oberwinterthur. Er hatte seinen Fuss zur falschen Zeit am falschen Ort. Sein Name wird morgen in jeder Zeitung stehen, der tragische Held. Wie steckt er das weg? Was sagten seine Kollegen in der Garderobe zu ihm? Wen ruft er heute Abend an? Wer hilft ihm und wie? Wird er daran wachsen? Hinter jedem nackten Resultat stehen Menschen und Charaktere. Ich sinniere so vor mich hin und merke erst, als der Engländer vor uns nach mehr Bier schreit, wo ich bin. In diesem lausigen Public Viewing. Fluchtreflex, zahlen, wir gehen.

Versöhnung mit Schweden am Frühstücksbuffet

Das einzig Gute an diesem Fussball-Nachmittag im Pub war übrigens, dass keine Schweden zugegen waren. Das Fan-Shirt ihres Helden Emil Forsberg traf ich am Tag danach am Frühstücksbuffet. Während ich mir ein Müesli mischte, fragte ich den stolzen Shirt-Träger, wo er gestern den Match geschaut habe. ‹Im Hotelzimmer!› Dieses Fussball-Schauen in Beizen sei so gar nicht sein Ding. Er lädt sich – die Wahrheit – fünf Scheiben schwedisches Knäckebrot auf den Teller und fügt an, dieser Akanji habe ihm übrigens sehr, sehr leidgetan. Da soll noch einer sagen, Sport sei nicht völkerverbindend! Ich klopfe ihm auf die gelbe Schulter. ‹Gratuliere, Bruder!›

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