Steffi Buchlis WM-Kolumne Die Dschungelkönige des Weltfussballs

Steffi Buchli ist unsere WM-Kolumnistin! In ihrem fünften Beitrag vergleicht die MySports-Chefin die Gruppendynamik an der WM mit dem «Dschungelcamp».
Steffi Buchli Homestory
© Geri Born

Steffi Buchli, 39, Moderatorin und Programmchefin des Sportsenders MySports. Bis 2017 arbeitete sie fürs SRF – auch an mehreren Fussball-Grossanlässen.

«Hoppla, bald ist WMFinal! Der Trainer der Franzosen, Didier Deschamps, hat nach dem Einzug ins Endspiel über den Weg dorthin gesagt: «Es war nicht einfach. Wir sitzen seit über 40 Tagen aufeinander. Da gab es auch diffizile Momente.»

Es gibt nur eine Lösung: Gnadenlose Offenheit oder – wahlweise – Distanz. 

Diese Aussage hat mich an die WM in Brasilien erinnert. Ich war damals als Reporterin in Rio de Janeiro unterwegs, zusammen mit einem Kollegen, der sich um Kamera und Schnitt gekümmert hat. Wir hatten eine tolle Zeit, und doch hatten wir so einige Krisen zu überstehen. Hand aufs Herz: Mit wem zusammen möchten Sie vier Wochen lang jeden Tag frühstücken, Zmittag und Znacht essen und dazwischen zehn bis zwölf Stunden lang zusammen arbeiten? Viele würden das nicht mal mit ihrem absoluten Lieblingsmenschen durchstehen.

Es gibt nur eine Lösung: Gnadenlose Offenheit oder – wahlweise – Distanz. Wir haben das in Rio de Janeiro genauso gemacht: Mal haben wir gekeift wie ein altes Ehepaar, und immer mal wieder sind wir uns aus dem Weg gegangen. Nur so haben wir diese Situation ausgehalten und als Team funktioniert.

Die Gruppendynamik von «Dschungelcamp»

Ich weiss nicht, ob Sie ‹Dschungelcamp› schauen. Das macht ja offiziell niemand. Die TV-Sendung taugt aber sehr gut zur Veranschaulichung dessen, was Gruppendynamik ausmacht: Die spannendsten Szenen im Dschungel ergeben sich immer dann, wenn jemand die Nerven verliert, die Nähe nicht mehr erträgt, dem Druck nicht standhält.

Ich mag Fussball, ich mag WM. Aber manchmal war mir in den letzten Wochen einfach richtig fest langweilig.

Dann streiten sie, dann fluchen sie, dann wird es unterhaltsam. Im Unterschied zum ‹Dschungelcamp› bleiben bei der WM die Details über das Innenleben einer Fussballmannschaft meist verborgen. Das ehrt die Akteure, ist aber gleichzeitig des Zuschauers Elend.

Buchlis Wunsch für den WM-Final

Ich mag Fussball, ich mag WM. Aber manchmal war mir in den letzten Wochen einfach richtig fest langweilig. Ich hätte mich das nicht zu sagen gewagt, hätte nicht Thomas Hitzlsperger im deutschen Fernsehen Ähnliches konstatiert – und der ist schliesslich Experte. Wir sahen auf dem Rasen Auftritte, die maximal kontrolliert und bisweilen taktisch brillant waren. Was fehlte? Vielleicht die Kamera beim Frühstück oder in der Taktik-Stunde? Live dabei sein, wenn Hummels in der Garderobe mit Khedira ‹chiflet›. Das wärs. Im ‹Dschungelcamp› essen sie ja schliesslich auch nicht ständig Würmer.

Der Final ist die letzte Insekten-Mutprobe auf dem Rasen.

Fussball als Reality-Show gibts zum Glück (noch) nicht. Ein paar Geheimnisse müssen wohl sein. Damit zurück zu Didier Deschamps’ Aussage zum Camp-Blues: Im WM-Final am kommenden Sonntag werden sich die beiden Teams gegenüberstehen, die das über 40-tägige Zusammengepfercht-Sein am besten bewerkstelligt haben. Der Final ist die letzte Insekten-Mutprobe auf dem Rasen. In dem Sinne: Elf Dschungelkönige müsst ihr sein!»

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