Nati-Captain Stephan Lichtsteiner «Ich habe die Nationalhymne lange nicht gesungen»

Mit viel Leidenschaft und Herzblut. Nati-Captain Stephan Lichtsteiner, 33, will gegen Ungarn und Portugal eine perfekte WM-Quali krönen.
Stephan Lichtsteiner
© Valeriano Di Domenico

Vorkämpfer Der Captain über sich als Vorbild: «Aggressionen gehören zum Spiel – weh tue ich damit niemandem.» 

Noch 180 Minuten bis zur Fussball-WM in Russland – doch gewonnen ist noch nichts. Stephan Lichtsteiner, könnte diese Ausgangslage auch gefährlich sein?
Wichtig ist, dass wir einen Schritt nach dem anderen machen: zuerst die ersten 90 Minuten gegen Ungarn. Dann schauen wir weiter. Die sportliche Rechnung ist einfach: Wir brauchen aus den zwei Spielen gegen Ungarn und Portugal vier Punkte, um sicher für die WM qualifiziert zu sein.

Sie erlebten die bisher perfekte Qualifikation – mit 24 Punkten aus acht Spielen und 18:3 Treffern. Können Sie sich noch an das letzte Gegentor erinnern?
Ja – das war in Andorra im Oktober 2016. In einer anderen Gruppe wären wir mit dieser Bilanz schon durch – und könnten nun unbeschwert spielen. Aber jetzt ist es halt so, dass wir mit Portugal einen Konkurrenten haben, der ebenfalls vieles richtig gemacht hat. 

Ihre Rolle als Captain?
Ich gehe immer mit gutem Beispiel voran – egal, ob Spiel oder Training. Ich verlange von mir, dass ich stets von Anfang an mit letzter Konsequenz dabei bin, dass ich immer Vollgas gebe. Selbstverständlich gibt es für einen Captain auch Aufgaben neben dem Platz: Hat ein Mitspieler ein Problem, kann er mit mir reden. Auch gewisse organisatorische Dinge gehören zu meinem Pflichtenheft. Aber in erster Linie definiere ich meine Vorbildfunktion über die sportliche Leistung und das Auftreten auf dem Platz.

Es spielt keine Rolle, ob jemand die Nationalhymne singt oder nicht

Sie sind kein Mann, der zurücksteckt oder den Weg des geringsten Widerstands wählt. Am TV kann das ziemlich furchteinflössend wirken. Wie wichtig ist es für Sie, Aggressionen auf den Platz zu tragen?
Ich versuche, das Spiel gezielt in eine Bahn zu lenken, auf der die Mannschaft die Punkte nach Hause bringen kann. Das sind im Fussball normale Aggressionen – und ist letztlich ein Teil des Spiels. Weh tut das niemandem. Deshalb muss vor mir niemand Angst haben. 

Kommt es am Dienstag gegen Portugal zum erwarteten Showdown, sind alle Augen auf Cristiano Ronaldo gerichtet. Gibts ein Rezept gegen diesen Ausnahmespieler?
Man muss als ganze Mannschaft extrem aufpassen – nicht nur auf Ronaldo. Denn Portugal ist mehr als dieser Spieler. Die Mannschaft verfügt über viele hervorragende Fussballer. Das zeigte gerade auch der Euro-Final, als Ronaldo verletzt vom Platz musste. Gegen Ronaldo habe ich einige Male gespielt. Gäbe es ein wirklich taugliches Rezept gegen ihn, würde er wohl nicht so viele Tore schiessen.

Denken Sie, dass man der Schweizer Nati grundsätzlich zu kritisch gegenübertritt? Gehört dies zu unserem Land?
Das gehört zum Fussball. Und das gehört zu Mannschaften, die erfolgreich sind. Mit den Resultaten steigen die Ansprüche von aussen. Und der Fussball ist ein Sport, in dem jeder mitredet und jeder das Gefühl hat, er versteht etwas. Aber wenn du dann siehst, wie wenige tatsächlich auf hohem Niveau spielen, bleibt die Erkenntnis, dass auch vieles gesagt wird, das nicht stimmt.

Wie hat sich Trainer Vladimir Petkovic seit seinem Amtsantritt verändert?
Eigentlich gar nicht. Er ist immer seinen Prinzipien treu geblieben. Er hatte einen schwierigen Start – ohne Testspiel und ohne Punktgewinn in den ersten beiden Qualifikationsspielen zur Euro gegen England und in Slowenien. Dann kam eine gewisse Unruhe auf, obwohl wir nicht schlecht spielten. Aber Petkovic liess sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Und die Resultate sagen alles über seine Arbeit.

Yann Sommer sagte in einem Interview, er würde sich wünschen, dass mehr Schweizer die Nationalhymne zumindest ein bisschen mitsingen würden. Geben Sie als Captain Gesangsunterricht? 
Ich glaube nicht, dass irgendjemand etwas machen muss, um Aussenstehende zufriedenzustellen. Jeder soll das tun, was für ihn stimmt und was ihn glücklich macht. Ich habe auch lange die Nationalhymne nicht gesungen – aber nicht, weil ich nicht stolz war, Schweizer zu sein. Sondern weil meine Konzentration dem Spiel galt. Wenn man unsere Mannschaft spielen sieht, weiss man, dass sich alle Spieler mit dem Land identifizieren – da spielt es keine Rolle, ob jemand die Nationalhymne singt oder nicht. Solange man nur darüber spricht, haben wir eigentlich keine grossen Probleme.

Stephan Lichtsteiner
© Valeriano Di Domenico
Ballkontrolle Die Schweiz ist seit einem Jahr ohne Gegentreffer. «Doch gewonnen haben wir noch nichts», sagt Lichtsteiner. 

Themawechsel. In Ihrer Kindheit erlebten Sie harte Zeiten – als Ihre Mutter wegen eines Blutgerinnsels im Gehirn während eines Jahres im Spital lag. Wie sehr hat Sie diese Erfahrung geprägt? 
Ich glaube, wenn man – besonders in jungen Jahren – von einem solchen Schicksalsschlag getroffen wird, ist das immer ein einschneidendes Erlebnis. Die Familie rückt näher zusammen – mein Vater, mein Bruder und ich halfen uns gegenseitig durch die schwere Zeit. Und ich bin sicher schneller selbstständig geworden. Ich musste mit 13 Jahren Sachen erledigen, um die sich in anderen Familien die Mutter oder der Vater kümmert. Ich denke, wir sind alle an dieser schweren Erfahrung gewachsen. 

Sie litten vor zwei Jahren selber unter Herzproblemen, mussten sich operieren lassen. Ist heute wieder alles gut?
Mir geht es wieder bestens. Doch auch diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Gesundheit viel wichtiger ist als alles Materielle. Deshalb engagiere ich mich nun als Botschafter für die Schweizerische Herzstiftung. Es ist wichtig, dass das Thema Lebensrettung auch Kindern und Jugendlichen nähergebracht wird. Denn mein Fall zeigt: Herzprobleme sind keine Frage des Alters.

Zurück zum Sport. Sie sind 33 Jahre alt. Wie lange planen Sie noch als Nationalspieler?
Solange ich fit bin – und solange man den Unterschied zwischen einem 33-Jährigen und einem 25-Jährigen nicht spürt.

Können Sie sich in der Schlussphase Ihrer Karriere eine Rückkehr in die Schweiz vorstellen?
Der Schweizer Fussball interessiert mich. Die Grasshoppers liegen mir noch immer am Herzen. Und als Innerschweizer habe ich Sympathien für den FC Luzern. Ich kann mir durchaus eine Zukunft im Sport oder im Fussball vorstellen. Aber in der Schweiz zu spielen – wohl eher weniger.

Würden Ihre Gattin Manuela und die Kinder Noe und Kim gerne in die Schweiz zurückkommen?
Früher oder später schon. Aber jetzt geniessen sie es im Ausland – vor allem in Turin. 

Wo schauen Ihre Kinder die Spiele gegen Ungarn und Portugal?
Am Fernsehen. Am Samstag dürfen Sie sicher aufbleiben. Aber am Dienstag könnte es etwas gar spät werden für sie – Noe ist erst drei und muss am Mittwoch in den Kindergarten. Und Kim geht in die erste Klasse.

Stephan Lichtsteiner
© Giorgio Perottino / Reuters
Meisterglück: Lichtsteiner mit Gattin Manuela und den Kindern Noe (r.) und Kim nach dem Titelgewinn mit Juventus.

Heute Samstag spielt die Schweizer Nati um 20:45 Uhr gegen Ungarn im Basler St. Jakob Park.

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