Tina Roth Eisenberg Bloggerin Swiss Miss: Vom Appenzell nach New York

Sie lebt in New York, kommt aus der Ostschweiz und erobert die Welt. Tina Roth Eisenberg, bekannt als Swiss Miss, erreicht mit ihrem Design-Blog Millionen. Sie veranstaltet Kreativ-Treffen in 65 Städten und startet mit ihren abwaschbaren Tattoos gerade richtig durch.

In der weiss gehaltenen, für New Yorker Verhältnisse ungewöhnlich grosszügigen Wolkenkratzerwohnung sticht die gelbe Wandertafel sofort ins Auge. «Brooklyn to Speicher, Appenzell: 6850 Kilometer». Ja, sie ist ganz schön weit weg, die Heimat. Und auch wenn Tina Roth Eisenberg und ihre Familie das «Wanderweging» lieben, zieht es sie höchstens noch für ein paar Tage Ferien in die Schweiz. Denn Tina, der Internet-Community besser bekannt als Bloggerin Swiss Miss, könnte unschweizerischer nicht sein. Sie ist undiplomatisch direkt, lacht laut, denkt schnell, redet noch schneller und ist froh, dass sie mit New York endlich ein Zuhause gefunden hat, das genauso tickt wie sie.

Und so wird auch an diesem Sonntagmorgen gleichzeitig Brunch aufgetischt und Bastelzeug aus den Schränken geholt. Aus Bonbons und Lebkuchen entstehen farbige Häuschen; Tinas Kinder Ella, 7, und Tilo, 4, sind konzentriert bei der Sache. Zeit hat die zweifache Mutter oft zu wenig, Ideen stets mehr als genug. Und reden geht immer. Ihr Mann Gary, ein Küchendesigner, habe aus zwei Apartments diese Wohnung kreiert. Kennengelernt hat sie den Amerikaner im Lift («er war gross, attraktiv, es hat geregnet, und er hatte einen Schirm»). Neun Monate später heirateten sie, nochmals neun Monate später kam Ella zur Welt.

Während ihrer ersten Schwangerschaft hat Tina entschieden, sich selbstständig zu machen. Damals war sie Chef-Designerin bei einem renommierten amerikanischen Web-Unternehmen. Ihr privater Blog, in dem sie online gefundene Trouvaillen präsentierte - Möbel, Spielzeug, Alltagshilfen, Weisheiten -, zog plötzlich immer grössere Kreise. Architekten, Designer und sogar der Kreativ-Direktor der «New York Times» begutachteten, was sie täglich aus dem Netz zog. Firmen boten Geld, um auf ihrer Site zu werben. Und das Museum of Modern Art wollte die Swiss Miss als Designerin für ihr Intranet. Alleine vor sich hinarbeiten war aber nichts für Tina. Sie mietete ein Grossraumbüro in einem Fabrikgebäude unter der Manhattan-Bridge, scharte andere Kreative um sich. Studiomates, eine Art Arbeitsspielplatz für Gleichgesinnte, war geboren.

Während der zweiten Schwangerschaft (Tina suchte per Twitter-Aufruf nach einem Namen für ihren «Swiss Mister») wurde ihr dann klar, dass sie nicht länger für Kunden arbeiten möchte. Sie entwickelte eigene Ideen - darunter die App «TeuxDeux», mit der sich zu erledigende Arbeiten organisieren lassen. Später lancierte sie Vortrags- und Networking-Treffen für junge Unternehmer und Freelancer. Mittlerweile gibt es die Creative Mornings in 65 Städten, darunter auch in Zürich. Eine weitere Geschäftsidee entstand, wie so oft, durch Zufall. Als Tochter Ella mit hässlichen Aufklebetattoos auf dem Arm nach Hause kam, erklärt die Mama: «Das mach ich besser!»

Montagmorgen im Headquarter von Tattly, einem Nebenraum des Studiomates-Büros. Zwölf Mitarbeiter sortieren Tausende von Tattoos in Umschläge und verschicken diese von Brooklyn aus in 86 Länder. Der Laden brummt. Und das Zielpublikum hat sich verändert. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene haben den abwaschbaren Hautschmuck entdeckt. Beliebt sind Schriftbilder mit Positivbotschaften wie «Be happy!».

Der Unternehmergeist wurde der Swiss Miss in die Wiege gelegt. Die Mutter führte ein grosses Kleidergeschäft in St. Gallen, der Vater eröffnete eine der ersten Computerschulen in der Schweiz. Trotzdem schluckten die beiden kurz leer, als ihre Tochter nach dem Kommunikationsdesign-Studium verkündete: «Ich geh nach New York!» Nach 9/11 war sie lange Zeit arbeitslos, die Eltern litten mit. Der Erfolg der Swiss Miss wurde ihnen - wie vielen anderen - erst richtig bewusst, als Talkmaster Kurt Aeschbacher 2012 die «Turbo-Appenzellerin» interviewte. Eine Million Besucher habe ihr Blog pro Jahr, schwärmte er. «Pro Monat», korrigierte Tina nonchalant. Der Talker war baff.

Es ist kurz vor 18 Uhr, und Tina Roth Eisenberg stürzt aus ihrem Studiomates-Büro. Zu Hause wartet die Nanny - «ich muss pünktlich sein». Rote Mütze mit Schweizer Kreuz auf den Kopf, Freitag-Tasche umhängen und tschüss. Manchmal ist die Swiss Miss eben doch unglaublich schweizerisch.

Infos: Swiss-miss.com, Tattly.com, Creativemornings.com

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