Big Love im Big Apple Jetzt zeigen Tamynique allen ihre Liebe

Seit Dominique Rinderknecht und Tamy Glauser ein Paar sind, kann sie nichts mehr trennen. Beim Besuch in New York erzählen die Miss Schweiz 2013 und das Topmodel von ihrer grenzenlosen Liebe.

Zitternd stehen sie mitten auf der Strasse im hippen Stadtteil Soho, der Regen prasselt auf die Pflastersteine - und trotzdem sprühen die Funken. Wie im Film hält der Typ in der einen Hand die Zigarette, im anderen Arm seine Liebste, doch in den Hauptrollen an diesem bitterkalten Abend in New York sind zwei Frauen: Dominique Rinderknecht, 27, und Tamara «Tamy» Glauser, 32. Die Miss Schweiz 2013 und das Model brachten vergangenen Herbst mit ihrem Liebes-Outing die Schweizer Medien zum Ausflippen.

Rinderknecht, die herzige Blonde, die Jahre mit Freund Goek zusammen war, und Tamy, die mysteriöse Androgyne, die eben kein Mann ist. Aber ein Typ. «Ja, wir sind es bitzeli verliebt», sagten die beiden Frauen, die fortan den Namen «Tamynique» trugen, damals in einem Videostatement. Und das Bitzeli hat sich über die Monate zu einer grossen Liebe gewandelt. Weil Tamy von Fashion Week zu Fashion Week tourt, reist Dominique wenn immer möglich mit. Auch jetzt ist sie ihrer Freundin nachgereist, in den Big Apple.

Der erste Schritt kam von Dominique

Dabei hat alles ganz unverfänglich begonnen, wie Dominique Rinderknecht erzählt. «Im Spätsommer habe ich Tamy auf Instagram geschrieben: ‹Hey, ich finde dich eine coole Frau.›» - «Da habe ich zurückgefragt, ob sie mit mir flirtet», ergänzt Tamy. Es folgen ein zufälliges Treffen an einem Event, ein heimlicher Kuss im Ausgang und das erste richtige Date: «Ich habe Domi auf den Zürichsee eingeladen zum Wakesurfen», sagt Glauser. «Schnell war klar: Da ist etwas, was wir so nicht erwartet haben.» Denn erwartet haben die Frauen nur ein bisschen Spass - «ich hatte noch nie eine Miss Schweiz», so Tamy. «Und ich wollte alles andere als eine Beziehung», so Domi.

Als Tamy jetzt in New York für das französische Label Zadig & Voltaire über den Laufsteg geht, steht Dominique gebannt im Publikum. Sie scheint in Anwesenheit ihrer Freundin fast nervöser als damals, beim Bikini-Durchgang an der Miss-Wahl 2013. Dass «es Tämsi», wie Dominique ihre Freundin nennt, die ehemalige Schönheitskönigin verzaubert, ist nachvollziehbar. Sie hält ihr die Tür auf, trägt ihr die Taschen, ja, selbst als Dominique an der Fashion-Party morgens um drei Uhr über ihre High Heels klagt, schlüpft das Topmodel, das seit morgens auf den Beinen ist, kurzerhand in die unbequemen Treter, um ihrer Freundin dann noch einen Drink zu holen. Die Frau ist ein wahrer Gentleman! Dabei ist genau das ihr Handicap.

Das Gefühl, nicht zu genügen, kommt bei mir schnell auf

Tamy Glauser ist der Durchbruch in London und Paris mit kahlgeschorenem Kopf gelungen. Sie, die auch schon an der Männermodenschau von Jean Paul Gaultier lief, muss sich stets für ihre Rolle in der Gesellschaft rechtfertigen. Und zwar seit je. Tamy wuchs bei einer Pflegefamilie auf, hatte immer Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter, «aber sie war eben doch nicht da. Das Gefühl, nicht zu genügen, kommt bei mir deshalb vielleicht etwas schneller auf.» Sie habe als junge Frau mit vielen Männern geschlafen, in der Hoffnung, «normal zu werden». Doch «normal» wird sie nie. Zum Glück, wie sie heute selbst weiss. Denn heute ist Glauser eine gut hörbare Stimme im Kampf um die Rechte Homosexueller: «Es ist für mich absurd, mit Freunden eins trinken zu gehen und zu wissen, dass ich weniger Rechte habe als sie. Das kann doch nicht sein?» Sie stellt klar: «Ich repräsentiere die Schweiz im Ausland, ich bin stolz, aus der Schweiz zu kommen. Also verletzt es mein Ego, dass ich in meinem Land nicht die gleichen Rechte wie andere habe. Und es geht nicht nur um mein Ego, sondern um alle Egos, die in derselben Situation stecken.»

Als die Spekulationen um Tamynique anfangen, annulliert ein Kunde von Dominique seinen Auftrag an sie. Es sei «zu heikel», hiess es. «Weil man nicht wisse, ob ich jetzt lesbisch sei», weiss Dominique. Wirds politisch, werden die beiden Frauen energisch. Sie habe sich in ihrer Zeit als Miss eher zurückgehalten, das sei jetzt vorbei, sagt Rinderknecht, die schon vor ihrer Beziehung mit Tamy Erfahrungen mit Frauen gemacht hat. «Jetzt betrifft es mich auch persönlich.» Zum Beispiel, wenn ihre Freundin auf der Damentoilette angepöbelt wird, weil man sie für einen Mann hält. Dann wird die zierliche Blondine zur Löwin. Oder eher zum «wiisse Tiger». So nennt Tamy ihre Liebste nämlich. Weil «der weisse Tiger geschmeidig ist und schön. Und mega stark.» Im Gespräch wird «sTigerli» dann aber auch gerne zum «Chätzli», und energische Diskussionen weichen süssen Anekdoten. Beim Glas Rotwein - Tamy bestellt -  wirds privat. Wie gings denn eigentlich nach dem ersten Schritt von Dominique zum nächsten?

Tamy: «Das war so herzig! Wir lagen im Bett, und sie fand: ‹Hey, ich muss dich was fragen.› Ich wurde nervös und hatte keine Ahnung, was da kommen könnte. Da fragte sie: ‹Willst du meine Freundin sein?›»
Dominique: «Ich wusste, sie würde mich nicht fragen. Sie würde warten, weil ich gerade eine Trennung hinter mir hatte.»
Tamy: «Das stimmt, ich hätte nie gefragt!»
Dominique: «Sonst wäre ich wahrscheinlich noch altmodisch gewesen und hätte gewartet, bis sie den ersten Schritt macht.»

«Wir arbeiten an uns und werden immer besser»

Dass dieser Dialog eine klassische Rollenverteilung impliziert, fällt Rinderknecht, kaum ausgesprochen, auf. «Ich hatte halt immer Beziehungen mit Männern, das prägt schon», analysiert sie. Während die zwei ihre Geschichte erzählen, streicht Tamy ihrer Freundin immer wieder über den Arm. Die Hände lassen nicht voneinander, die Blicke suchen sich stets. Die Liebe zwischen den zweien fühlt sich an wie ein kitschiger Sonnenuntergang, bei dem man sich nicht vorstellen kann, dass ein Wölkchen den Himmel je trüben könnte. Die Frauen lachen. Auch bei ihnen sei nicht immer alles rosarot. «Ich habe festgestellt, dass mich manchmal eine Art Bindungsangst begleitet», verrät Tamy. Es gebe Momente, in denen sie Zeit brauche, und genau dann bringe ihr Dominique Geduld und Verständnis entgegen. Sie sind sich einig: «Wir arbeiten an uns und werden immer besser.» Denn, so Tamy: «Als ich Domi kennenlernte, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass mir etwas richtig Gutes begegnet ist.»

Es sind diese kleinen Liebeserklärungen, die kleinen Gesten, die diese Geschichte gross machen. Das wissen sie. Und trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, bleiben sie zurückhaltend, wenn es um die Zukunft geht. Man wolle im Moment leben, geniessen. «Ich weiss ja nicht einmal, wo ich nächste Woche sein werde», sagt Tamy. Da zückt Dominique ihr Handy, prüft ihre Engagements in der Schweiz und findet die Lücke. «Wenn du in Paris bist, könnte ich kommen», sagt sie. Und das wird sie. Denn das ist Liebe, und die findet ihren Weg immer.

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