Stanislas Wawrinka Der Schweizer des Jahres ist ein Kämpfer

Dass Stanislas Wawrinka Schweizer des Jahres wird, hat auch mit Schweizer Selbstverständnis zu tun. Das Land liebt zwar die Sieger, aber auch einen, der sich nicht unterkriegen lässt.
Tennisspieler Stanislas Wawrinka im Oktober 2013 in Basel
© Keystone

«Wie mich die Leute während des ganzen Jahres unterstützt haben, war einfach toll», sagt Stanislas Wawrinka nach seiner Wahl zum Schweizer des Jahres in Melbourne.

Der Mann des Tages trägt ein leuchtend gelbes T-Shirt, strahlt in die Runde und beantwortet im Auditorium der Rod Laver Arena in Melbourne, Australien, sichtlich zufrieden in aller Ruhe Journalistenfragen. Die Wahl in der Heimat hat ihn zeitig am Morgen aus dem Schlaf gelockt. Kurz nach sieben Uhr Ortszeit hatte ihn das Schweizer Fernsehen angerufen und ihm verraten, dass er nach Auszählung eines Teils der abgegebenen Stimmen in der Spitzengruppe liege, er sich also auf einen Erfolg vorbereiten könne. Wenig später wusste Stan Wawrinka, dass er die Wahl zum Schweizer des Jahres tatsächlich gewonnen hatte. Er, den man gerade in der deutschen Schweiz während Jahren viel weniger beachtet hatte, als es seine sportlichen Leistungen verdient hätten!

In einer Live-Schaltung aus dem Garten seines Hotels in Melbourne bedankte er sich beim Publikum zu Hause vor den TV-Geräten und im Saal. Und eroberte mit seinem sympathischen, in typischer Manier bescheidenen und fast etwas scheuen Auftritt gleich noch mal einige Tausend Herzen. Mit wem er feiern werde, wo doch Ehefrau Ilham und Töchterchen Alexia die Reise nach Down Under zu den Australian Open nicht mitgemacht hätten, wollte Moderatorin Susanne Wille wissen. «Mit meiner Kaffeetasse beim Frühstück», witzelte der Tennisheld.

Über Twitter verkündete er selbst stolz die Nachricht, und die Fülle der Reaktionen erinnerte irgendwie an die Ereignisse, die sich vor genau einem Jahr in Melbourne zugetragen hatten. Fünf Stunden und zwei Minuten hatte er damals im Januar 2013 in der Rod Laver Arena gegen die damalige Nummer 1 des Tennis, Novak Djokovic, wie ein Gigant gespielt. Bis Viertel vor zwei in der Nacht hatten die beiden alles gezeigt, was Tennis so faszinierend macht. Und obwohl Wawrinka am Ende der tragische Verlierer war, wurde er mit Lob überschüttet. Wenn nicht alles täuscht, dann hatte diese ganz besondere Nacht entscheidenden Anteil daran, was in den Monaten danach passierte. Anteil daran, wie ihn die Zuschauer auf der ganzen Welt im Allgemeinen und in der Schweiz im Speziellen nun wahrnahmen. Aber auch, wie er selbst den Leuten begegnete - offener als früher, selbstbewusster, entspannter. Sein Auftreten ist das eines Mannes, der seinen Platz gefunden hat. Auch privat. Nachdem er zurück zu seiner Frau gefunden hatte, gings auch sportlich nur noch aufwärts.

Jahrelang hatte er sich mit der Rolle in Roger Federers Schatten anfreunden müssen; was immer er tat - Wawrinka war nur der zweite Mann, sogar beim gemeinsamen Gewinn der Goldmedaille im Doppel bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Doch nach diesem Spiel in Melbourne gegen Djokovic wurde er endlich gelobt für Dinge, die vorher als selbstverständlich betrachtet worden waren. Und er schien sich dabei extrem wohl zu fühlen. «Ich war stets sehr stolz darauf, die Schweiz zu repräsentieren», sagt Wawrinka ein paar Stunden nach der unerwarteten Wahl zum Schweizer des Jahres, «und wie mich die Leute während des ganzen Jahres unterstützten, ist ein Beweis dafür, dass sie mich auch in der deutschen Schweiz besser kennengelernt haben».

Manchmal sah es tatsächlich so aus, als nehme die Öffentlichkeit endlich richtig wahr, wie eindrucksvoll und unaufgeregt er mit seiner Rolle hinter oder bestenfalls neben Federer umgegangen war. Immer wieder musste sich Wawrinka die Frage anhören, ob es ihm auf die Nerven gehe, sich ständig an einer Lichtgestalt wie Roger Federer messen zu lassen. Nein, antwortete Wawrinka dann meist, das sei keineswegs so, es gebe nun mal Hierarchien. «Wenn du nicht Roger oder Rafa oder Novak und inzwischen Andy bist, dann gewinnst du nicht allzu viele Turniere. Aber du musst es schaffen, selbst in einer Niederlage positive Dinge zu sehen.»

Und immer besser zu spielen. Bei den US Open in New York landete er zum ersten Mal in seiner Karriere im Halbfinal eines Grand-Slam-Turniers, und wieder machte er gegen Djokovic ein atemberaubendes Spiel. Die Leute klatschten, trampelten, jubelten ihm zu, und er konnte spüren, wie sehr sie ihm den Sieg gönnten. Auch diesmal rettete sich der Serbe und gewann, doch wieder war es Stan Wawrinka, dem die Herzen hinterher zuflogen. Schliesslich qualifizierte er sich am Ende des mit Abstand erfolgreichsten Jahres seiner Karriere für das Finale der acht Jahresbesten in London, wo er wie Federer den Halbfinal erreichte.

Er sehe in der Auszeichnung zum Schweizer des Jahres eine Bestätigung für ein komplettes Jahr, sagt er im Auditorium der Rod Laver Arena, und darüber hinaus für alles, was er bisher geleistet habe. «Olympische Spiele, Daviscup - einfach alles. Das ist wirklich ein wunderschönes Lob.»

Auf Stans linkem Unterarm prangt ein Tattoo. «Immer wieder versucht, immer wieder gescheitert. Egal. Wieder versucht, nochmals gescheitert. Besser gescheitert», steht dort. Ein Zitat des irischen Schriftstellers Samuel Beckett. Zumindest bei der Wahl zum Schweizer des Jahres kann er es verborgen halten.

Unterarm-Tattoo von Tennisspieler Stanislas Wawrinka
© Keystone

Seit Ende März 2013 ziert ein Zitat des irischen Schriftstellers Samuel Beckett den linken Unterarm von Stanislas Wawrinka.

Alles rund um den SwissAward finden Sie im Dossier von SI online.

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