Timea Bacsinszky über ihre ungewöhnliche Tennis-Karriere «Kaffee servieren fand ich monstercool»

Heute Donnerstag steht Timea Bacsinszky im Halbfinal des French Open. Im exklusiven Interview, das sie letztes Jahr «SI Sport» gab, sagt das Lausanner Tennis-Ass, wie sie den Weg von der Serviceangestellten zurück in die Top 10 fand. Sie verrät, wann ihr Herz schmerzt, wie sie Glück definiert und weshalb eigene Kinder für sie das Schönste der Welt wären.
Timea Bacsinszky French Open Halbfinal Instagram Vater
© 13 Photo/Anoush Abrar

Attraktive junge Frau: Timea Bacsinszky im Shooting mit dem Magazin «SI Sport».

SI Online: Timea Bacsinszky, sind Sie mit Ihrer Geschichte ein Vorbild für junge Sportler, die ihren Weg suchen?
Timea Bacsinszky: Ich weiss es nicht. Ich will nicht wirklich ein Vorbild sein. Ich lebe auch nicht so, dass jeder denken könnte: Was für ein Vorbild sie doch ist! Ich weiss, dass ich genau einmal lebe. Und ich will so leben, dass es mir dabei gut geht, dass es zu mir passt. Wenn ich damit Menschen beeinflussen kann, wenn es Leute gibt, die meine Geschichte verfolgt haben und die daraus etwas Positives herausnehmen, die sich motivieren können – umso besser. So etwas rührt mich.

Wie wichtig war es für Sie, Ihre schwierige Zeit als Teenager auch öffentlich zu verarbeiten, das in Interviews zu vermitteln? Hatte das eine therapeutische Wirkung?
Ich habe mich erklären müssen, weil viele Menschen nicht verstehen konnten, wie jemand aus dem Nichts wieder so zurückkommen kann. Ich war ausserhalb der Top 250. Ich konnte an keinem grossen Turnier spielen. Von da bis zu den Top 10 und zur Aussicht, am Masters dabei zu sein, ist es ein sehr weiter Weg. Und dies in zwei Jahren. Das wirft Fragen auf. Ich hatte also einen gewissen Erklärungsbedarf. Wenn du im Ranking die Nummer 48 oder 50 bist, interessieren sich wenige Medien dafür. Aber wenn du zwei Turniere gewinnst und plötzlich im Paris-Halbfinal stehst, musst du einiges erklären. Woher kommst du? Du bist 26. Und mit 24 hattest du mit dem Tennis aufgehört? Du hast acht Monate später wieder angefangen? Warst du verletzt? Was war los? Ich fühlte mich zwar nicht verpflichtet, alles zu erzählen, aber es machte Sinn.

Es ist ein später Durchbruch.
Ich habe mich mit 24, 25, 26 noch mal richtig verbessert. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus. Das hat auch oft damit zu tun, was in der Kindheit und in den Jugendjahren geschehen ist. Und bei mir hatte es direkt mit dem Beruf zu tun. Deswegen redete ich auch. Die Person, die mir psychologisch hilft, sagte mir nicht, ich solle doch reden. Sie sagte: Mach, was du für richtig hältst. Also habe ich es so gemacht. Ich habe gesagt, was es zu sagen gab. Die Geschichte wurde erzählt und noch mal erzählt und noch mal erzählt. Das ist nun mal so. Das ist auch okay. Aber ich will nicht, dass ich wegen dieser Story entsprechend kategorisiert werde. Nach den US Open wollte ich nicht mehr alles aufkochen. Ich sagte: Ich habe die Story oft genug erzählt. Die Antworten bleiben die gleichen. Punkt. Schluss. Im Moment würde ich gerne nur über anderes reden und spreche auch schon einige Minuten über dieses Thema. Ich bin ein einziger Widerspruch. (lacht )

 

 

Privileged -> #RG17 #semifinal #limitless

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Sind Sie jetzt an einem Punkt in Ihrem Leben angelangt, wo Sie immer sein wollten? Empfinden Sie nur noch Glück?
Alles ist nie perfekt. Aber wenn es eine positive Periode gibt, soll man sie geniessen. Weil man nie weiss, was passiert. Wenn ich da beispielsweise an die Attentate von Paris denke. Da gehen Menschen zusammen essen, haben vielleicht den besten Abend ihres Lebens, und plötzlich hält das Leben an. Zack! Ich weiss nicht, wann und wie mein Leben endet. Ich fasse für mich und für meine Liebsten Holz an. Ich hoffe, dass es noch extrem lange dauert. Aber ich weiss nie, ob mir plötzlich eine Krankheit oder weiss ich was droht. Ich will das Leben geniessen, so gut ich das kann. Damit meine ich jetzt nicht, dass ich einen ausufernden Lebensstil hätte. Aber ich will meinen Job mit Energie machen. Ich sage Job, weil es letztlich ein Job bleibt, auch wenn er mediale Beachtung findet. Wir geben den Leuten Emotionen. Sie regen sich auf und sie fliegen mit dir. Der Sport bereichert unser Leben, weil es sonst viel weniger zu jubeln geben würde. Das Leben wäre ruhiger und wohl etwas langweiliger. Die Menschen leben mit uns – und das liebe ich.

Sie kommen mit Ihrer erfrischenden Art sehr gut an.
Ich will den Leuten die unverfälschte Timea zeigen. Darum können Sie auch schreiben, dass ich hier ein Bier trinke. Ich weiss, dass ich morgen wieder extrem professionell bin in dem, was ich mache. Ich habe eine Linie. Ich will positiv sein und nett zu den Menschen. Weil ich nur ein einziges Mal lebe. Was bringt es, sich ständig in Konflikte zu begeben? Ich will mich nicht mehr streiten. Wer sich mit mir anlegen will, ist raus aus meinem Leben. Ich sage nicht, dass ein Leben geräuschlos über die Bühne gehen muss. Aber ich will mich an die positiven Dinge halten.

Sie reden für Ihr Alter sehr reflektiert.
Ich glaube, das ist wegen der vielen Arbeit, die ich mit mir selbst hatte. Und weil ich Worte gesucht habe, um das auszudrücken, was mich beschäftigt. Es lief einiges schief. Wenn man Aufnahmen von mir als Kind anschaut, dann habe ich auf dem Platz einen ganz anderen Ausdruck, einen düsteren, fast schwarzen Blick. Man kann einen Hass darin erkennen. Hass bewirkt gar nichts in diesem Metier. Tennis bleibt ein Spiel. Ich weiss, es ist mein Beruf, und ich verdiene Geld damit, wenn ich oft gewinne. Aber dieses Verkrampfte, dieser Hass hat da nichts zu suchen. Wir führen keinen Krieg. Ich realisierte, dass dieser Platz da draussen in meiner Kindheit ein Ort des Konflikts war. Daraus habe ich viel gelernt. Alles, was ich als Kind nicht sagen konnte, weil ich keine Wahl hatte, kann ich jetzt artikulieren.

Und trotzdem spielen Sie jetzt Tennis.
Es geht um die Art und Weise. Ich wollte nicht sein, wie meine Eltern mich haben wollten. Meine Eltern sind die Vergangenheit. Eines Tages sind sie nicht mehr da. Sie hatten eine Idee. Aber ihre Idee ist 40 Jahre alt. Ich habe mal ein Buch meiner Schwester gelesen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel. Aber darin gibt es viele Gedichte eines Propheten. Dieser Prophet redet zu den Eltern und sagt: Lasst euren Kindern den Raum, um sich frei zu entwickeln und sich auszuleben. Weil ihr die Vergangenheit seid. Lasst sie nicht Dinge machen, die ihr bereut, nie getan zu haben. Akzeptiert, dass es zu spät dafür ist!

Wie fühlt es sich an, jetzt die Kontrolle über das eigene Leben zu haben?
Ich weiss, dass ich mein eigenes Leben habe. Ich habe nicht ausgewählt, auf die Welt zu kommen. Das waren meine Eltern. Aber sobald ich urteilsfähig bin, sollte ich bestimmen können, was ich tun will. Ich und niemand anderes. Sonst bereut man das irgendwann mit 60 einmal. Ich habe dies und das nicht gemacht. Jetzt bin ich zu alt. Vielleicht werde ich ja eine Katastrophen-Mutter, weil ich meinen Kindern zu viele Freiheiten lasse. Ihnen als Teenager Bier und Zigaretten durchlasse und sage: Nimm nur! (lacht) Nein, das ist natürlich ein Scherz. Ich würde den Dialog suchen, falls es Probleme gibt.

 

 

#happymothersday

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Finden Sie, dass die jungen Talente heute besser ans Spitzentennis herangeführt werden? Oder machen Eltern immer noch dieselben Fehler?
(rollt mit den Augen) Wenn Sie 50 sind und einen 18-jährigen Teenager haben, dann gilt es, Verschiedenes zu beachten. Was das Tennis anbelangt, sind sie sich vielleicht einig. Aber ein Teenager hat mit vielen anderen Problemen zu leben. Auch wenn das Tennis als Lebensschule gilt, werden viele Dinge nicht bedient. Du hast deinen ersten Freund mit 15 Jahren. Er verlässt dich und geht mit einer anderen. Darauf bist du nicht vorbereitet. Mit 30 kannst du das besser verarbeiten als mit 15. So etwas wirft dich aus der Bahn. Wenn du dich dann nur aufs Tennis konzentrieren darfst, wenn Trauer und Wut keinen Platz haben, wenn nicht die richtigen Personen da sind, ist es schwierig.

Wie stark darf ein Kind gefordert werden?
Wenn ich Videos sehe von Kindern, die mit drei Jahren wie die Verrückten auf dem Basketballfeld herumschwirren und schon alle Tricks der Welt können, tut mir das im Herzen weh. Dann frage ich mich: Wie viele Stunden hat der Kleine damit verbracht, bis er das konnte. Ganz alleine auf einem Platz.

Und wenn es ihm gefällt?
Ach, wenn es ihm gefällt. In den meisten Fällen muss mir das niemand erzählen. Irgendjemand hat ihm diese Drills beigebracht. Ein drei- oder vierjähriger Junge kann sich so etwas nicht beibringen. Dann machen sie das, um den Eltern zu gefallen. Weil sie ja alles machen, was ihnen irgendein Trainer oder ein Vater vorgibt. Mit drei Jahren kann man noch gar nichts entscheiden.

Haben Sie Teenagern auch schon Tipps fürs Leben mitgegeben?
Das ist schwierig und heikel. Denn es gibt zwar Freundschaften auf der Tour, aber letztlich ist sich jeder selbst der Nächste. Im Halbfinal eines Grand Slams spielst du gegeneinander, und dann gehts um so viel, dass es schwierig wird. Ich hatte eine oder zwei gute Freundinnen auf der Tour. Als wir dann gegeneinander spielten und ich die Matches gewann, hat sich das Verhältnis komplett verändert. Heute reden wir nicht mehr miteinander. Dabei habe ich nichts gemacht, als ein Tennismatch zu gewinnen. Es ist wirklich kompliziert, eine Nähe zu anderen Spielerinnen aufzubauen. Bei den Tipps ist es dasselbe. Ich habe Jill Teichmann ein paar Tipps gegeben, weil sie ein paarmal mit mir trainiert hat. Aber was soll ich ihr schon übers Leben sagen? Sie hat ihr eigenes Leben. Sie ist ein anderer Mensch. Was für mich stimmt, muss nicht für alle stimmen.

 

Viele Trainer sagen, dass in erster Linie knallhartes Training, Disziplin und Drill einen Teenager zum Erfolg bringen. Ein Weg mit Kompromissen und Konzessionen führe nicht an die Weltspitze.
Das stimmt überhaupt nicht. Es gibt so viele verschiedene Wege zum Erfolg. Auch im Tennis. Wenn man mich in ein enges Korsett steckt und mir alles verbietet, gewinne ich gar nichts. Ich drücke mich gerne um gewisse Dinge herum. Schauen Sie doch mal Roger, Stan, Martina, Marc Rosset, Belinda, Myriam Casanova und mich an – alles unterschiedliche Geschichten und viele Wege zum Erfolg. Natürlich sagen gewisse Trainer, dass du eine Million Bälle schlagen musst, um einen Champion zu fabrizieren. Natürlich gibt es Leute, die behaupten, dass alles planbar ist. Aber das ist es nicht.

Ihnen wurde einst wie Belinda Bencic das Etikett «die neue Hingis» umgehängt. War das eine unverantwortliche Effekthascherei der Medien?
Nicht alle verkraften solche Schlagzeilen gleich gut. Ich konnte sehr, sehr schlecht damit umgehen. Es kommt aber auch auf die Personen an, die dich umgeben. Wie sie dich davor schützen und selbst mit solchen Superlativen umgehen. Was sie selbst an dich aussenden. Ich war verpflichtet, dasselbe zu tun wie Hingis. Oder noch besser zu sein. Aber es ist schwierig, nur annähernd so gut zu sein wie Hingis, geschweige denn besser. Mit den heutigen Regeln, welche nur eine begrenzte Anzahl Turniere für Teenager zulassen, ist das sowieso nicht mehr möglich. Aber ich sollte damals das Unmögliche schaffen. Martina war ein Typ, der den Druck absorbieren konnte. Ich nicht. Ich bin eine andere Person. Jeder hat seine eigene Lebenslinie.

Wie gross ist der Verzicht auf dem Weg zum Erfolg? Stichwörter Partys und Freundschaften.
Ich habe schon Wege gefunden, um einen Freund zu haben. Ich gehöre zu den Leuten, die kreativ sind. Natürlich musst du gewisse Konzessionen machen. Und wenn du jung bist, ist es härter, auf etwas zu verzichten, als später. Wichtig ist, dass man einen gewissen Ausgleich findet. Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn ein Mädchen oder ein Junge alle seine privaten Wünsche und Sehnsüchte immer auf die Seite schiebt. Du wirfst dir das später vor, wenn du auf alles verzichtest.

Sie haben Ihren Freund als Tourmanager auf den Reisen dabei. Ist das problemlos?
2014 hat Andreas bei Swiss Tennis für die Organisation des Davis Cups gearbeitet. Wir haben uns sehr selten gesehen. Es ging trotzdem gut. Ich sagte mir, ich will investieren, dass Andreas mitkommen kann. Damit wir uns sehen. Also hat er alle organisatorischen Dinge übernommen. Er managt die Reisen, die Tickets, die Hotelbuchungen, die Lohnzahlungen an meinen Coach, alle anderen Zahlungen – er hat alles koordiniert. Er nimmt mir alles ab, damit ich auf dem Platz nicht plötzlich überlege: Ach, ich habe vergessen, diese und jene Rechnung zu bezahlen. Ich gebe momentan – wo ich es mir leisten kann – lieber Geld aus für jemanden, der mir alles organisiert. Dass es gleichzeitig der Mann ist, den ich liebe, ist einerseits gut. Weil ich ihm vertrauen kann. Andererseits ist es auch nicht immer einfach. Man braucht eine gute Kommunikation. Jeder braucht seine Zone.

 

by @bennytachephotographe

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Das Glück haben viele andere nicht.
Ja, wir haben uns überlegt, wie wir die beste Umgebung für mich schaffen, damit ich gewinne. Oder sagen wir, um mich zu verbessern. Es passt jetzt, aber es brauchte auch eine Gewöhnungsphase. Denn vor meinen Matches kann ich nur mit meinem Coach Dimitri reden. Damit muss man umgehen können. Auch damit, dass ich manchmal aggressiv rüberkomme. Und er sich keiner Schuld bewusst ist. Wenn ich ein Match verliere, dann redet er nicht direkt danach mit mir darüber. Er wartet vielleicht einen Tag ab. Es kann ultrahart sein. Aber wir haben jetzt unser Gleichgewicht gefunden, wissen, wie wir miteinander umgehen müssen.

Sie sehen jetzt die schönen Seiten des Sports. Wie sehr geniessen Sie jetzt dieses Leben – auch aus einer finanziellen Sicht?
Ich bin keine Person, die sich viel aus Geld macht. Ich habe mir seit langem wieder mal etwas teurere Schuhe gekauft. Aber das ist eigentlich überhaupt nicht mein Ding. Ja, ich reise, ich sehe die Welt. Aber Glück kann man sich nicht kaufen. Glück ist, wenn ich Zeit für meine Familie habe, für die Leute, die mir etwas bedeuten. Wenn ich könnte, würde ich mir Tage kaufen. Standby-Tage. Das wäre ein Luxus.

Geld ist also unwichtig in Ihrem Leben?
Es ist nicht zentral. Gestern kam eine Gruppe Schüler aus derselben Schule, auf die ich ging, zu mir und wollte Selbstgebackenes für eine Schulreise verkaufen. Ich hatte nur eine Zwanzigernote da, und das Gebäck kostete drei Franken. Sie konnten mir kein Kleingeld herausgeben, und ich habe ihnen dann den Rest geschenkt. Weil ich es so sympathisch fand, dass sie so etwas machen. Wir haben dann über die Lehrer an der Schule geredet, die ich zum Teil früher schon hatte. Das war so lustig. Solche Dinge geben mir viel mehr als alles, was man mit Geld kaufen kann.

Sie haben in Ihrer Auszeit in einem Hotel gearbeitet, haben auch als Serviceangestellte gearbeitet. Was bleibt Ihnen aus dieser Zeit am meisten in Erinnerung? Der Unterschied zur künstlichen Blase der WTA-Tour könnte ja nicht grösser sein.
Ich habe den Wert gewisser Dinge begreifen gelernt. Wir sind auf der WTA-Tour natürlich im Rampenlicht, werden verhätschelt. Das ist schön und gut. Aber ich kann das gut einschätzen. Wenn ich eine schlechte Phase habe und aus den Top 100 rausfalle, kommt mich kein Chauffeur im Hotel abholen. Dann muss ich selbst für einen Transport schauen. Wenn ich mit meinem Freund essen gehe, können wir uns ein gutes Essen leisten, ja. Aber uns käme es nie in den Sinn, teuren Champagner zu kaufen und damit zu Hause eine Party zu veranstalten. Ich bin dagegen, solche impulsiven Dinge zu machen. Denn man weiss nie, was passiert. Für mich muss eine teure Anschaffung wirklich eine Herzenssache sein. Wenn ich weiss, dass ich es behalten werde und es benutzen werde. Ich brauche kein teures Auto. Ein Auto soll laufen und mich von Punkt A zu B bringen. Das reicht. Ich muss niemandem etwas zeigen. Und wenn ich ein schnelles Auto hätte, könnte ich es nicht mal brauchen. Bis ich auf einer ausländischen Autobahn wäre, stünde ich zuerst zwei Stunden im Stau. Nein, danke! (lacht)

Wo gehören Sie sportlich hin?
Ich bin eine Erdenbürgerin und eine sehr gute Sportlerin. Nein, Spass beiseite. Darauf gibt es keine Antwort. Im letzten Jahr gab es von 60 Spielen vielleicht zwei, bei denen mir von A bis Z alles gelang. Ich konnte tun, was ich wollte. Es gibt aber so viele Matches, in denen ich denke: Mein Gott, du bist vielleicht in den Top 20, aber wie du spielst – es ist zum Verzweifeln. Wo ich von der Klassierung hingehöre, ist schwierig zu sagen. Es gibt Leute, denen die Hierarchie extrem wichtig ist. Mir ist das wirklich egal. Ich will mich gleichzeitig amüsieren und mich verbessern. Ich will keine Dummheiten machen, klar. Aber ich werde weiterhin Fehler machen. Auch wenn du im Ranking aufsteigst, vielleicht die Beste der Welt wirst – was dann? Willst du andere Planeten erobern? Nein, ernsthaft. Dieses Hierarchie-Dings, wer jetzt Erster oder Zweiter ist, das interessiert mich nicht. Roger, Stan, wer jetzt wo gewählt wird, wer diesen oder jenen Preis bekommt, das ist mir egal.

Weil Sie für Ihren persönlichen Frieden keine Auszeichnung mehr brauchen?
Wichtig ist mir, dass ich eines Tages im Frieden mit mir selbst bin. Dass ich sagen kann, ich habe alles gegeben. Die Kritiker sind sowieso nicht mehr da, wenn ich mein Racket beiseitelege und zwei Kinder habe. Oder die Leute auf der Strasse, die eine explizite Meinung zu dir haben und sagen, du hast hier und da versagt. Dann müsste man eigentlich schon einmal hinstehen und fragen: Was ist denn dein Job? Und wie gut bist du darin? Gehörst du auch zu den Besten 20 der Welt? Aber sehen Sie, ich spiele nur für mich. Die Meinung der anderen ist mir ziemlich egal. Es gibt immer einen, der dich nicht gut findet. Ob ich jetzt die Nummer 12 oder 13 oder 9 oder 6 bin – was ändert das? Irgendwann werde ich sterben, und dann ist das alles egal.

Stan sagte vor zwei Jahren: «Grand Slams zu gewinnen, ist nicht meine Sache.» Jetzt hat er zwei gewonnen. Könnte Ihnen das auch passieren?
Wer weiss, vielleicht. Wenn du in die Viertelfinals und in die Halbfinals eines Grand Slams kommst, ist vieles möglich. Ich werde es versuchen. Aber es gibt sehr viele Faktoren, die da mitspielen. Die zusammenpassen müssen. Aber ich habe kein Limit. Die Menschen haben keine Limits. Sie setzen sich diese nur. Sag niemals nie!

Pat Cash hat mir in einem Interview einmal gesagt, irgendwann habe er den Punkt nicht mehr gesehen, – ich zitiere – «einen Scheissball über ein Scheissnetz zu schlagen». Denken Sie, dass Sie dem Tennis vielleicht auch bald entwachsen?
Ja, gut. Tennis macht mir jetzt Spass. Man könnte über jeden Job so denken. Ich kann auch sagen – wenn wir in der selben Sprache bleiben wollen –, wo liegt der verdammte Sinn darin, Leuten einen Kaffee an den Tisch zu bringen? Und die Lächeln nicht mal. Und Sie als Journalist könnten denken: Warum zum Teufel sitze ich hier mit einer, die sich seit Stunden den Mund fusselig redet – und dann noch auf Französisch. Sie schaffen es bis elf Uhr abends nicht zurück nach Zürich. Sehen Sie, mir gefällt das Tennis noch sehr. Im Tennis geht es darum, Lösungen zu finden. Das liebe ich. Wie spiele ich jetzt gegen jemanden, der diesen oder jenen Schlag perfekt beherrscht? Welche Taktik? Es ist ein Metier, in dem du jeden Moment, jede Minute Antworten finden musst.

Sie könnten sich aus finanzieller Sicht jeden Job leisten. Etwas Schöngeistiges tun: Malen?
Nein, im Ernst, Kaffee servieren fand ich monstercool. Ich habe das damals gerne gemacht. Heute reizt mich nichts anderes als das Tennis. Vielleicht später. Und natürlich hätte ich gerne irgendwann den wunderbarsten Beruf der Welt, Mutter werden, Kinder haben. Wenn mir das Leben die Chance dazu gibt. Für mich ist es der schönste Beruf der Welt. Aber das hängt von zwei Personen ab. Und ist noch nicht aktuell. Und es wird auch nicht wie bei Roger sein, der Zwillinge und noch mal Zwillinge macht und dann noch weiterspielen kann.

Sie haben noch ein paar gute Jahre vor sich.
Ich werde vielleicht noch bis 33, 34 spielen wie Pennetta. Das geht noch eine Weile. Schauen wir. Für mich wären Kinder sicher einmal das schönste Metier der Welt. Aber gut möglich, dass mich das Kind dann auch mal zum Ausrasten bringt und ich kurz ins Zimmer zum Schreien gehe. Ich werde wohl auch nicht perfekt sein.

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