Timea Bacsinszky über ihre Schmerzen in der Hand «Ich konnte nicht einmal mehr eine Zitrone pressen»

Timea Bacsinszky hätte diese Woche beim Frauen-Tennisturnier in Lugano spielen sollen. Wegen ihrem verletzten Handgelenk musste die Lausannerin kurzfristig absagen. Im Interview mit der «Schweizer Illustrierten» redet die 28-Jährige noch vor ihrem Turnier-Aus über Schmerzen, ihr Comeback und erklärt, warum sie Kinder nie auf die Tennistour mitnehmen würde.
Timea Bacsinszky SI Shooting Ausgabe 6. April 2018
© Nicolas Righetti

Das Schlimmste überstanden: Tennisprofi Timea Bacsinszky kann nach der Handoperation wieder lachen.

Timea Bacsinszky, wie viel würden Sie darauf wetten, dass Sie es noch mal mit den Besten aufnehmen können?
Schon ein paar Franken. Denn mir geht es gut, besser als vor einem halben Jahr.

Die Diagnose, die Ihnen im Herbst gemacht wurde, war niederschmetternd. Gerissene Muskeln an der rechten Hand, Bänder, die sich vom Knochen gelöst hatten, eine Zyste am Mittelfinger, zwei Sehnen, die sich zurückgezogen hatten. Arthrose der Stufe 4 am Mittelfinger. Ein Horror für eine Sportlerin.
Ja, das war nicht lustig. Ich ignorierte meine Schmerzen zu lange, spielte einfach mit Schmerzmitteln weiter. Am Ende konnte ich nicht einmal mehr eine Zitrone pressen.

Sie hatten in der Schweiz vier Ärzte konsultiert, entschieden sich aber Ende September für eine Operation beim weltbekannten Mailänder Spezialisten Marco Lanzetta.
Zum Glück fand ich ihn. Denn in der Schweiz bekam ich vier verschiedene Diagnosen. Keine war gut. Einer sagte mir gleich, dass ich maximal noch zwei Jahre spielen könnte – und das nur mit Cortison. Aber zum Glück konnte mir Lanzetta helfen.

Haben Sie mit Ihrem Verlobten Andreas Blattner das Szenario Rücktritt jemals besprochen?
Natürlich. Es war für Andreas und mich sehr schwierig. Er wusste nicht, was er mir sagen sollte. Es tat ihm weh, dass er mich neun Monate mit so vielen Schmerzen sehen musste. Er sagte: «Du hast super gespielt, aber du bezahlst das jetzt mit Arthrose. Hör auf, wenn es dir so wehtut.» Aber ich wollte das nicht. Also suchten wir verschiedene Meinungen.

Kann das jeder Spielerin passieren?
Ja. Die Zyste ist grösser geworden. Wir hätten vielleicht vorher reagieren sollen. Aber meine Ärztin meinte, es sei nicht schlimm. Also spielte ich. Bis es nicht mehr ging.

Was fehlt Ihnen jetzt noch?
Was den Mittelfinger betrifft: Ich bin beweglich, kann ohne Schmerzen alles machen. Die Narbe sieht man fast nicht mehr. Mein konditionelles Niveau ist gut. In Miami habe ich gespürt, dass ich fitter bin, dass ich auf einem super Weg bin. Jetzt muss ich nur noch die Hand hinbekommen. Was jetzt vor allem schmerzt, ist das Handgelenk. Weil ich kompensiere. Das passiert oft bei Verletzungen, dass man danach alle möglichen anderen Körperteile überbelastet und sie schmerzen.

Timea Bacsinszky SI Shooting Ausgabe 6. April 2018
© Nicolas Righetti

Timeas Werkzeuge: Der Lausannerin geht es nach der Operation am Mittelfinger der rechten Hand wieder besser.

Nehmen Sie jetzt noch Schmerzmittel?
In Miami hatte ich ein super Niveau. Aber ich musste auch viel Schmerzmittel nehmen, um bereit zu sein. Das kann aber nicht der Plan sein.

Sondern?
Ich stelle mir schon Fragen. Soll ich spielen? Mit Tape spielen? Ich muss wissen, wie die Entzündung weggeht. Ich kann die Schmerzen ignorieren. Aber ist das gut oder nicht? Soll ich jetzt spielen, dafür das nächste halbe Jahr nicht mehr? Ich möchte einfach wieder ohne Schmerzen auf den Platz können. Denn der eine oder andere Sieg mehr bringt mir nichts fürs Leben. Wenn ich ausnahmsweise in einem Halbfinal oder Final mal etwas nehme, geht das. Aber nicht täglich wie zuletzt. Denn ich habe noch ein anderes Leben nach dem Tennis.

Gabs in der Verletzungsgeschichte auch positive Effekte? Hatten Sie mehr Zeit für etwas?
Ich habe privat mehr gemacht, beispielsweise meine kreative Seite ausgelebt. Ich fing an, mit kleinen Lego-Männchen verschiedene Gruppenporträts zu bilden, welche ich dann einrahmte. Einem befreundeten Paar habe ich eines geschenkt, das es bei seinem Hobby zeigt, dem Surfen.

Das war Ihre Idee?
Ich habe das einmal in einem kleinen Laden in Toulouse gesehen und für mich adaptiert. Ich habe für ein Geschäft über 20 verschiedene gemacht. Keine Ahnung, ob sie sie verkauft haben. Das war aber eine sehr gute Ablenkung. Vor und nach der Operation. Ich hatte so auch gleich schöne Weihnachtsgeschenke für meine Freunde.

Sie haben sich ja im Dezember mit Ihrem Freund Andreas Blattner verlobt. Heiraten Sie noch dieses Jahr?
Nein. Entweder 2019 oder 2020. Für uns war die Verlobung ein Schritt weiter, um zu sagen, dass wir zusammengehören. Doch wir machen uns keinen Stress, gleich heiraten zu müssen.

Aber träumen Sie schon von der Hochzeit?
Nein. Ich habe mir auch noch nicht überlegt, wie das ablaufen soll, wer dabei sein soll. Ich weiss nur, dass wir beide nicht in die Kirche gehen wollen. Wir haben schon Ideen, aber nichts ist fix.

Bedeutet Heiraten dann auch gleich Rücktritt?
Nein, überhaupt nicht. Das wäre höchstens der Fall, wenn es Kinder gibt.

Kinder gehören auch nicht in die Garderobe

Auch mit Kindern könnten Sie auf Tour.
Das werde ich nie machen! Meiner Meinung nach ist das kein gesundes Leben für ein Kind. Das Kind soll sich nicht meinem Leben anpassen müssen. Wenn, dann eher umgekehrt. Zumindest zu Beginn eines Lebens. Kinder gehören auch nicht in die Garderobe.

Gibt es das?
Immer mal wieder. Und ich finde es falsch. Auch wenn ich Kinder liebe. Schliesslich bringt der Nestlé-CEO auch keine Kinder zur Sitzung mit. Und wir sind auch die Elite der Welt. In unserer Sparte.

Wenn wir von der Elite reden: Wann schliessen Sie die Lücke wieder?
Ich bin momentan die Nummer 46 der Welt. Wenn ich das Jahr in den Top 50 abschliessen könnte, wäre es top. Dazu bräuchte ich aber schon ein paar grosse Siege.

Auch interessant